Der italienische Konzeptkünstler Maurizio Cattelan hat in seinen sechsundsechzig Lebensjahren mit seinen Installationen bislang so gut wie nie ortsspezifisch gearbeitet. Für seine erste Einzelausstellung in Deutschland anlässlich der Verleihung des „Preises der Nationalgalerie 2026“ hat sich dies nun gravierend geändert. Die potentiell endlose Glashalle der Nationalgalerie ist ein Albtraum für die meisten Maler, da sie potentiell unbespielbar für normale Bilder ist. Doch sie ist ganz nach dem Geschmack eines Anarcho-Skulpteurs wie Cattelan, der natürlich weiß, dass der luftige Glassturz Mies van der Rohes ursprünglich nicht als Museum, sondern 1957 als Verwaltungsgebäude für Bacardi Rum in Santiago de Cuba geplant war. Kurzerhand verwandelt er sie in eine Kirche der Erinnerung. Tatsächlich mutet die Ausstellung schon auf den ersten Blick und im Vergleich zu der Spaßmacherqualität, die Cattelan sonst nachgesagt wird, ungewöhnlich ernst an, sakral geradezu, in jedem Fall aber hochpolitisch. Doch setzt sich der Künstler mit ausgiebiger Berlin-Erfahrung nicht nur intensiv mit diesem spezifischen Ort, sondern auch mit Deutschland als Ganzem auseinander.
