FAZ 17.08.2026
16:14 Uhr

Ärger im Straßenverkehr: 55 Prozent der Autofahrer müssen sich „sofort abreagieren“


Sowohl Autofahrer als auch Radfahrer bekennen sich häufiger zu Rüpeleien im Straßenverkehr. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Ärger im Straßenverkehr: 55 Prozent der Autofahrer müssen sich „sofort abreagieren“

Die meisten Verkehrsteilnehmer fühlen sich auf Deutschlands Straßen sicher – immer mehr von ihnen geben aber zumindest indirekt zu, sich aggressiv zu verhalten. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Langzeitstudie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Sie wurde am Montag in Berlin vorgestellt. 58 Prozent der befragten Verkehrsteilnehmer gaben darin an, sich sicher oder sehr sicher zu fühlen, wenn sie auf deutschen Straßen unterwegs sind. Nur 14 Prozent stuften ihr Gefühl als gar nicht sicher oder unsicher ein. Die Werte ähneln den Befunden der Befragung von vor drei Jahren: Damals sagten 56 Prozent, dass sie sich sicher fühlen. Zehn Prozent fühlten sich unsicher. Vor allem Männer und ältere Menschen haben ein hohes Sicherheitsgefühl. Dem steht gegenüber, dass immer mehr Befragte zumindest indirekt zugeben, sich im Straßenverkehr aggressiv zu verhalten. Die Unfallforscher fragen seit Jahren Verhaltensweisen ab, die auf ein aggressives Verkehrsverhalten schließen lassen. Fast immer bejahten mehr Verkehrsteilnehmer das erfragte Verhalten als 2023. Welches Verhalten im Straßenverkehr wurde abgefragt? So sagten 55 Prozent der Autofahrer, sie müssten sich „sofort abreagieren“, wenn sie sich über andere Verkehrsteilnehmer ärgern – vor drei Jahren waren es fünf Prozent weniger. 47 Prozent der Autofahrer gaben zu, manchmal zu drängeln, wenn sie andere Autofahrer als zu langsam empfinden. 2023 waren es 36 Prozent. Auch Radfahrer geben häufiger rücksichtsloses Verhalten zu: 43 Prozent von ihnen sagten, hin und wieder die Vorfahrt zu „erzwingen“. Das sind 15 Prozent mehr als vor drei Jahren. 48 Prozent der Radfahrer bekannten sich zum Linksüberholen von Autos oder gaben zu, sich durch den Verkehr zu schlängeln – 14 Prozent mehr als 2023. Bei anderen Radfahrern beobachteten dieses Verhalten sogar 83 Prozent. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass viele Befragte ihr eigenes Verkehrsverhalten positiver darstellen, als es tatsächlich ist. Auch bei anderen Verhaltensweisen, die auf Rücksichtslosigkeit schließen lassen, gab es in der Studie teils erhebliche Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Wie Smartphone und Internet den Straßenverkehr beeinflussen Unfallforscherin Kirstin Zeidler sagte am Montag auf einer Pressekonferenz der Studieninitiatoren, der Straßenverkehr sei ein „Abbild der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung“. Dass sich mutmaßlich mehr Verkehrsteilnehmer rücksichtslos verhalten, führte sie darauf zurück, dass die Menschen es wegen des rauen Tons im Internet mittlerweile gewohnt seien, ruppig zu handeln. Auch die Smartphone-Nutzung und das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, leisteten wahrscheinlich einen Beitrag. Ein Indiz dafür ist, dass die Nutzung des Smartphones am Steuer zunimmt: Mittlerweile schreibt jeder vierte Fahrer gelegentlich Nachrichten, wenn er unterwegs ist. Jeder fünfte nutzt dabei soziale Netzwerke. Bei den Befragten im Alter zwischen 18 und 35 Jahren gaben sogar 63 Prozent an, das Handy am Steuer zu nutzen. Viele Bürger sind offen für strengere Verkehrsregeln: 74 Prozent der Befragten befürworteten eine Null-Promille-Grenze für alle Kraftfahrer – vor drei Jahren waren es 68 Prozent. Für ein generelles Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen sprachen sich 60 Prozent der Befragten aus. 2023 waren es 53 Prozent. Die Zahl der Verkehrstoten ist in Deutschland zuletzt leicht angestiegen: Im Jahr 2025 sind in Deutschland 2832 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen gestorben. Das waren 62 Getötete mehr als 2024. Im Jahr 1970 kamen allerdings noch mehr als 21.000 Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Um mehr Verkehrssicherheit zu erreichen, fordert der Verband der Versicherungswirtschaft, die Zahl der Verkehrskontrollen zu erhöhen. In der Studie gaben 21 Prozent der Befragten an, noch nie kontrolliert worden zu sein – bei 39 Prozent lag die letzte Verkehrskontrolle mehr als fünf Jahre zurück.