Menschen lieben Rituale. Sie krönen nicht nur die Festtage im Jahr, sondern begegnen uns auch im täglichen Leben. André Rieu, niederländischer Violinist, Orchesterleiter, Arrangeur und Musikproduzent, integriert zahllose Rituale in sein unterhaltsames zweistündiges Entertainment in der ausverkauften Frankfurter Festhalle. Mit lautem Tschingderassabum im „Einzug der Gladiatoren“ inszeniert sich so schon der Auftakt. Strahlend musizierend entern André Rieu und sein Johann Strauss Orchester per Showtreppen die prächtige Bühne mit digitalem Breitwand-Panorama im Hintergrund. Binnen weniger Minuten füllt sich das mehrstöckige Podium mit den Mitgliedern des riesigen Ensembles aus 18 Ländern für die perfekt inszenierte Illusion. Mit adrett ondulierter Lockenpracht auf dem Haupt und der sündteuren Stradivari in der Hand startet André Rieu schwungvoll seine Conférence. Rieu, der am 1. Oktober seinen 77. Geburtstag feiert, präsentiert sich dabei als charmanter Entertainer der alten Schule. Gerade das ironische Querschießen liebt das gemischte Publikum. Kollektive Lacher erzeugt André Rieus in Großaufnahme gelegentlich hochgezogene Augenbraue. Geschickt verwickelt der Maestro die Besucherschar in seine Moderation. Fragt ab, woher die Herrschaften denn kommen. Und schon tönen aus allen Ecken Zurufe: England, Australien, USA, Schweden, Italien und Südafrika. Rieus bunter Musikkessel aus Oper, Operette, Folklore und Musical beflügelt die Gemüter. Vor allem stehen Kompositionen von Johann Strauss im Fokus. Der Walzerkönig, Rieus Idol seit Jugendtagen, erklingt mit zackigem „Radetzky Marsch“, dem seligen „Wiener Blut“ und dem in gemächlicher Langsamkeit zelebrierten Walzer „An der schönen blauen Donau“. Bei Letzterem schwingen nach langjähriger Rieu-Tradition auf sämtlichen Ebenen mehrere Dutzend Paare im Dreivierteltakt das Tanzbein. „Geschichten aus dem Wienerwald“ und das Filmthema „Der dritte Mann“ mit Solist Ludwig Biegel an der Zither geraten urwüchsig. Zudem erinnert Biegels bewusst urkomische Gesichtsmimik, übertragen in Großaufnahme, an die Kunst von Stummfilmstars. Mit diversen Gesangssolisten lockern sich die instrumentalen Impressionen auf. The Platin Tenors Gary Bennett, Béla Mavrák und Serge Bosch brillieren ebenso wie gleich mehrere Sopranistinnen, darunter Micaëla Oeste, Anna Reker und Anna Majchrzak. Panflötist Michel Tirabosco rührt zu Herzen. Zum gemütlichen „Schneewalzer“ stöbern von der Hallendecke Tonnen an künstlichem Schnee. Glanzlichter erstrahlen mit „Tiritomba“, „The Imposssible Dream“ und „Da geh’ ich ins Maxim“. Knapp halbstündig das Finale in Hochstimmung zwischen Karneval und Silvester. Rock ’n’ Roll, Schlager-Oldies, Pop-Evergreens und Unsterbliches aus der Klassik fügen sich zu einem Potpourri. Sämtliche Hauptakteure prosten sich mit Sekt zu, von der Hallendecke senken sich Dutzende bunte Luftballons herab, und die Ausgelassenheit im Auditorium kennt keinerlei Grenzen mehr.
