FAZ 11.09.2026
12:44 Uhr

Angelika Klüssendorfs Roman: Was man von Hühnern lernen kann


Zerbrochene Scheiben sind erst der Anfang: Angelika Klüssendorf folgt in „Trost“ der Krise einer Patchworkfamilie bis über die Schmerzschwelle hinaus. Im Hintergrund tobt Putins Angriffskrieg.

Angelika Klüssendorfs Roman: Was man von Hühnern lernen kann

Wachsen am Blick in den Abgrund: Darum geht es im Anti-Verzweiflungs-Roman „Trost“ der Menschendurchschauerin Angelika Klüssendorf. Anhand einer ins Schlingern geratenen Berliner Patchworkfamilie, in der alles Erfüllende zu fernen Erinnerungen geworden zu sein scheint, porträtiert die Autorin nicht zuletzt unsere Gegenwart in ihrem unerfüllbaren Glücksverlangen und permanenten Krisenmodus. Wie schon in dem großen Zyklus „Das Mädchen“ geht es dabei um Beziehungskomplikationen aus der Innensicht, um den Verlust von Geborgenheit, auch wenn die Nähe hier nicht in eine gewalttätige umschlägt, sondern in Distanz, Melancholie und Einsamkeit. Frauen waren bei Klüssendorf immer schon die interessanteren, die leidensfähigeren, empathischeren, aber auch tyrannischeren Figuren als die psychisch schlichter verdrahteten Männer. Immer, wenn ihnen alles zu viel wird, zerbrechen die Frauen im Roman „Trost“ eine Scheibe. Inmitten der Scherben ihres Lebens aber geht es dann doch irgendwie weiter (mit einer bedeutenden Ausnahme). Das Tröstliche an dieser Geschichte ist vielleicht die Einsicht, wie gut Menschen darin sind, Risse und Brüche zu überkommen und das Leben als das zu nehmen, was es ist: eine Unwägbarkeit, aber doch ein Geschenk. Sollte das in Vergessenheit geraten, tauchen unerwartete Lehrmeister auf, in diesem Fall vor allem Hühner und eine Eule, die mit Stolz und stoischer Ruhe ihr Leben leben, auch wenn das mitunter abrupt enden mag. Halb Pascha, halb Trampel Es beginnt mit der wohl tragischsten Gestalt der Geschichte, Rita, einer großen Hühner- und Blumenfreundin, die an einem Buch über Prozesse gegen Tiere arbeitet. Sie ist seit vielen Jahren die Lebensgefährtin von Joachim, lebt aber die meiste Zeit allein in ihrem Haus am See außerhalb von Berlin. Mit lakonischer Eleganz und großer Eindringlichkeit versenkt sich die Erzählerin in die marternd kreisenden Gedanken der einsamen Rita, die sich selbst Rechenschaft ablegt über ihre geplatzten Hoffnungen. Dabei erwartet sie nicht viel: „einen gütigen Blick, den bittet sie sich aus“. Joachim erscheint in ihrer nach der anfänglichen Verliebtheit gründlich desillusionierten Perspektive allerdings als selbstbezogener Klotz, halb Pascha, halb Trampel, der sie noch dafür kritisiert, den Hühnern die Essensreste zu bringen: „Er neidet ihnen sogar die kalten Nudeln, so wie er alles haben möchte, was sie weggibt oder verschenkt.“ „Arschloch“ nennt sie ihn. Aus Joachims Sicht, die später hinzukommt, wird das zumindest ein wenig nuanciert, denn Emotionen jenseits von Hunger, Lust und Gehässigkeit kennt er doch. Nur sehen Zuneigung, Trauer und Schuldgefühle bei ihm ganz anders aus. Dass er zumindest für zwei Tage ein liebenswerter Eroberer sein kann, weiß auch Rita; so gewann er sie jedes Mal zurück, wenn sie gehen wollte. Auch Ritas Liebe zu Joachims Tochter Jane, die inzwischen kurz vor dem Schulabschluss steht, hat dazu beigetragen, dass sie blieb. Die Tochter aus einer Ost-West-Ehe Und doch ist das Resümee der lieblos gewordenen Beziehung so niederschmetternd, dass selbst Ritas Fähigkeit zum Aushalten nachvollziehbarerweise an ihre Grenze kommt („sie ist nur noch traurig, wenn sie an ihn denkt“). Am Neujahrsmorgen 2022 scheint sie entschlossen zur Trennung zu sein, zum Rückgewinn ihrer Autonomie – da geschieht ein Unglück, das das Leben aller Figuren im Buch verändert. Rita wird von einer Wespe gestochen, erleidet einen allergischen Schock und liegt fortan im Koma. Nun rückt die eigentliche Hauptfigur des Buches ins Zentrum, Jane, Joachims Tochter aus erster, einer West-Ost-Ehe. Sie strauchelt ohnehin schon, leidet an der sich offenbar auflösenden Freundschaft mit der hochbegabten Lea und an der Entfremdung von ihrer fernsehsüchtigen Mutter Renate. Das Entschwinden ihrer Ersatzmutter Rita kann sie da so wenig akzeptieren wie den zu dieser Zeit ausbrechenden, in Echtzeit übertragenen Krieg gegen die Ukraine. Krieg und Familie: Die Krisen überlagern sich für Jane, werden untrennbar. Sie tobt mit ebenfalls oft ordinären Worten an gegen das Morden im Osten, gegen den Schicksalsschlag und gegen die Reaktion ihres Vaters. Dem selbstmitleidigen Joachim führt Ritas Koma vor allem die eigene Endlichkeit vor Augen, bald tröstet er sich mit der Nachbarin. Immerhin in der Ablehnung des Kriegs herrscht große Einigkeit. Mit welcher Intensität Klüssendorfs treffend komprimierte Beschreibungen und Dialoge die Verlorenheit des Mädchens zu evozieren vermögen, ist grandios. Das geschieht ganz ohne falsches Pathos. Jane zerschmettert also irgendwann eine Scheibe. Und dann nimmt sie – in Stellvertretung auch der komatösen Rita, mit der sie weiter imaginär in Kontakt steht – ihr Leben in die Hand. Sie wird sogar stärker als der eigene Vater, wie sich in einer kuriosen Haschischszene zeigt. Das Buch ist damit nicht zuletzt eine Coming-of-Age-Geschichte, die Observation einer Selbstbefreiung. Eine Familie, zumal eine aufgeweitete, die mehrere Expartner und Stiefkinder umfasst, ist, so zeigt sich, wie die Gesellschaft selbst: manchmal Quelle des Unglücks, aber auch zur Vergebung und Neukonfiguration fähig. Sie bleibt glücksfähig, trotz allem. Erzählt ist das mit feinem psychologischen Gespür, aber doch geraten Klüssendorf, dieser Meisterin der spröden Desillusionierung, manche Figuren diesmal leicht schematisch. Einen Tick zu sehr erfüllt Joachim das Klischee des Mannes als verantwortungsloses großes Kind, etwas zu unglaubhaft sind die Ausschläge in der Charakterentwicklung Leas, zu ausgestellt wirkt auch der egozentrische Opportunismus von Janes Halbbruder Eric, der ohne echte Ansprüche auf Ritas Erbe schielt. Es ist aber immer die Stärke dieser Autorin gewesen, dass ihre Figuren zwar zugleich als Chiffren für soziale Entwicklungen gelesen werden konnten, doch dabei bis in die kleinsten Furchen hinein aus dem Leben gegriffen wirkten. Bei der doppelten Hauptfigur Rita/Jane ist das auch gelungen, so sehr, dass es alle Schwächen überstrahlt. Angelika Klüssendorf: „Trost“. Roman. Piper Verlag, München 2026. 208 S., geb., 24,– €.