FAZ 11.03.2026
09:00 Uhr

Ausstellung in Frankfurt: Mit Wim Wenders reisen


Mit der Ausstellung „W.I.M. Im Lauf der Zeit“ zeigt das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum die vielen Facetten von Wim Wenders. Ein neues Werk hat er selbst beigetragen zu dieser großartigen Präsentation.

Ausstellung in Frankfurt: Mit Wim Wenders reisen

Wim Wenders ist begeistert. Es ist eine echte Begeisterung, ein warmes Staunen, was da alles zusammengekommen ist. „Ich bin euch ewig dankbar, dass ihr schon angefangen habt, zu sammeln, als ich noch weggeschmissen habe“, sagt er. Doch Archive vergessen nichts – nicht das des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums (DFF) Frankfurt und nicht das der Wenders-Stiftung, die seit 2012 die Filme und alles, was dazu gehört, besitzt und pflegt. Eine „Wundertüte“ nennen es die Kuratoren Isabelle Bastian und Hans-Peter Reichmann. Aus diesem Wenders-Archiv stammen rund 80 Prozent der Exponate, die nun im DFF mit eigenem Bestand und Leihgaben der Deutschen Kinemathek zu einer ungeheuer dichten und überaus sehenswerten Ausstellung zusammenfinden. Gute 350 Exponate und zahlreiche Filmausschnitte sind in „W.I.M. Im Lauf der Zeit“ zu sehen. Es ist eine Einladung zu einer Reise, durch ein Werk von beinahe 60 Jahren künstlerischer Tätigkeit und in ein Geflecht von Freundschaften und thematischen Beziehungen, das Film- und Kulturgeschichte sichtbar macht. Obwohl die Frankfurter Ausstellung nur mit einem Viertel der Fläche auskommen muss, die in der Bonner Bundeskunsthalle für die vorhergehende große Wenders-Ausstellung zur Verfügung stand, ist ein überaus dichtes und inhaltsreiches, persönliches Porträt von Wenders gelungen. Persönlich auch, weil Wenders dazu selbst eine neue Arbeit beigetragen hat: Erstmals hat ein Künstler selbst Hand an die Dauerausstellung des DFF gelegt, dort hat Wenders einen fünfeckigen Raum mit einer immersiven Installation etlicher seiner Filme geschaffen, deren Szenen nun neu miteinander in Dialog treten und zum Teil bestürzende Wirkung entfalten, wie die Kriegsszenen in „Der Himmel über Berlin“. „Kino war einfach alles“ „W.I.M.“, was treffend für „Wenders in Motion“ steht, setzt auf 400 Quadratmetern andere Schwerpunkte als die Bonner Retrospektive. Es geht vor allem um das Filmschaffen von Wenders, mit Seitenblicken hier und da auf das Schreiben, auf das Fotografieren. In seine malerischen Anfänge etwa mit einer Handvoll früher Aquarelle gleich zu Beginn des Rundgangs. So, chronologisch ist die Ausstellung durchaus auch zu durchstreifen, jedenfalls ist der Anfang den Kinder- und Jugendtagen des Regisseurs gewidmet, der früh gemalt hat und es nach dem Abitur mit der Medizin versuchte, mit der Philosophie und der Bildenden Kunst, bis er, auch dank der Cinémathèque française, zu dem Beruf kam, der alles verbindet: das Bildersehen und Bildermachen, den Raum und die Zeit, die Bewegung und das Schreiben und Erzählen. „Kino war einfach alles“, sagt Wenders mit einem Blick auf seine Lehrjahre – und stört sich auch ein bisschen am Slogan des DFF: „Alles ist Film“. „Film ist alles“ wäre ihm lieber. Wie sehr das für ihn stimmt, zeigt sich an den Skizzen und Briefen, die Wenders schrieb und die er erhielt, an den Drehbuchentwürfen, den Recherche-Fotografien und Polaroids rund um seine Filme.  So erschließen die elf Kapitel sein Werk, vom bundesdeutschen Autorenfilm bis Hollywood,  von „Alice in den Städten“ (1974), jenem Film, mit dem er sich selbst erstmals als „Regisseur“ begreifen konnte, wie er nun sagte, bis zu seinem Herzensprojekt „Bis ans Ende der Welt“ (1991). Es wird in der von ihm ursprünglich geplanten Viereinhalb-Stunden-Fassung in der Retrospektive zu sehen sein. Das Trauma, diesen ersten und bislang einzigen Science-Fiction-Film seinerzeit für den Kinostart halbieren zu müssen, hat Wenders offenkundig lange zu schaffen gemacht. Die Frankfurter Kuratoren haben eng mit ihm und der Stiftung zusammengearbeitet und so Schätze gehoben, die nun zu einem großen Teil erstmals zu sehen sind: ein Acrylgemälde von Bob Dylan nach einer Szene aus „Don't come knocking“, ein Flipper und der Anzug mit 27 Taschen, den Wenders trug, als er in Frankfurt für „Lisbon Story“ (1994) drehte und den zuvor William Hurt in „Bis ans Ende der Welt“ trug. Von der vertrauten Zusammenarbeit zeugt besonders ein winziger Gegenstand, der ganz zum Schluss noch in die Ausstellung gefunden hat: der Motivsucher, den der von Wenders verehrte japanische Regisseur Yasujirô Ozu verwendete.  Sein größter Schatz sei das, sagt Wenders. In Bonn hat er noch gefehlt, in Frankfurt habe er ihn hergeben müssen. Warum? Weil Frankfurt, wie Wenders in dem zweistündigen, von ihm selbst gesprochenen und extra neu bearbeiteten Audioguide sagt, eine besondere Bedeutung für ihn hat. In der Feldbergstraße 23 hat er zwei Jahre lang im Frankfurter Westend gelebt, das Kommunale Kino hat früh seine Filme gezeigt, er war am Theater am Turm, wo er seinen langjährigen Lieblingsschauspieler Rüdiger Vogler kennengelernt hat. Frankfurt, sagt der „bekennende Romantiker“ Wenders, sei die „heimliche Hauptstadt der Romantik“. So beginnt der Rundgang passend mit dem Blick über Frankfurt und die Skyline, die sich tüchtig verändert hat, seit Wenders 1994 auf dem Dach des DFF drehte. „In weiter Ferne, so nah!“ hieß 1993 die Fortsetzung des „Himmels über Berlin“. Ungefähr so ist es mit der Ausstellung – sie bringt das weite Werk von Wim Wenders, des Reisenden mit dem liebevollen Blick, ganz nah. W.I.M. Im Lauf der Zeit, Deutsches Filminstitut und Filmmuseum Frankfurt, Ausstellung und Filmreihe bis 18. Oktober.