FAZ 23.09.2026
13:21 Uhr

Autor Irvine Welsh: „Die größte und vielleicht gefährlichste Droge scheint mir heute das Smartphone zu sein“


Irvine Welsh ist Experte für Drogen, Gewalt, Kriminelle und sympathische Loser. In „Men in Love“ lässt der Autor seine Typen aus „Trainspotting“ jetzt an der Liebe verzweifeln. Große Gefühle und harte Sprache inklusive.

Autor Irvine Welsh: „Die größte und vielleicht gefährlichste Droge scheint mir heute das Smartphone zu sein“

Die skurrilen, sympathischen Figuren aus „Trainspotting“ sind wieder da. „Men in Love“ heißt das jüngste Werk vom schottischen Bestsellerautor Irvine Welsh, in dem Mark Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Daniel „Spud“ Murphy und Francis „Franco“ Begbie zum Ende der Achtziger-/Beginn der Neunzigerjahre vor allem um Liebe und Anerkennung kämpfen. Erzählerisch schließt es direkt an die Ereignisse aus „Trainspotting“ an, in denen Mark Renton seine Kumpel bei einem Drogendeal übers Ohr gehauen hat. Es ist mit dem Original nach „Skagboys“, „Porno“ und „Die Hosen der Toten“ der fünfte Roman aus dem „Trainspotting“-Kosmos. In Welshs Büchern sprechen die Protagonisten eine authentische, für andere möglicherweise oft vulgär wirkende Sprache ihres Milieus und ihrer Szene. Erstmals gibt es jetzt in einem seiner Romane eine Triggerwarnung, wenn auch erst am Ende. Sie lautet: „Da der Roman in den späten 1980er-Jahren spielt, drücken sich viele der Figuren in Men in Love – wie auch in der Gesellschaft allgemein – auf eine Weise aus, die wir heute als beleidigend und diskriminierend empfinden würden ... Damit sollen solche Verhaltensweisen keineswegs gutgeheißen (aber auch nicht pauschal verurteilt) werden; es ist lediglich ein Versuch, sie durch die Stimmen der Figuren in der Geschichte von Men in Love authentisch wiederzugeben.“  Wir treffen einen hungrigen Irvine Welsh im Londoner Stadtteil Soho im berühmten Groucho Club, wo er sich erst mal eine kleine Portion Fish and Chips bestellt. Haben Sie sich jemals vorstellen können, ein Buch mit einer Triggerwarnung veröffentlichen zu müssen? Nein, niemals, über so etwas denke ich nie nach, sondern nur über das, was mein Text braucht. War die Triggerwarnung Ihre Idee? Das war nicht meine Idee, die kam vom Verlag. Sie waren sehr sensibel und vorsichtig mit Blick vor allem auf das Internet und die Art, wie dort alles aus dem Kontext gerissen wird – und sie dachten an all die Leute, die nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können. Von mir aus hätten sie sich darauf nicht einlassen sollen. Es ist ein Roman, der Ende der Achtzigerjahren spielt, das reicht doch wirklich aus, mehr muss man nicht wissen. Wird diese harte, direkte, oft vulgäre Sprache Ihrer Protagonisten heute auf den Straßen Edinburghs auch noch so gesprochen? Aber auf jeden Fall, die Sprache hat sich natürlich weiterentwickelt und verändert, aber im Grunde wird weiter so gesprochen, man muss ja nur mal in einem Bus zuhören, wenn sich Kinder oder Jugendliche unterhalten. Woher kommt Ihrer Ansicht nach diese größere Sensibilität, die in den Augen des Verlages eine Triggerwarnung notwendig macht? Die Internetkultur und die damit verbundene Dekontextualisierung ist der wichtigste Faktor. Da, wo lebendiges kulturelles Leben stattfindet, braucht man das nicht, da weiß man, dass Kultur bedeutet zu argumentieren, zu streiten, zu debattieren, sich auseinanderzusetzen. Aber diese Kultur ist heute tot. Heute wird sozusagen von oben festgelegt, was akzeptabel ist und was nicht, und der Impuls dafür kommt von Regierungsstellen, aber auch durch Unternehmen, die sich bei allen möglichen Gruppen anbiedern wollen, um maximal viele Leute als Kunden zu erreichen – und der Grund dafür ist das Internet. In Ihrem Roman geht es immer wieder um soziale Klassen in Großbritannien, Hürden und Aufstiegschancen, unterschiedliche Verhaltens- und Ausdrucksweisen. Ist die größere Sprachsensibilität auch ein Klassenthema? Es gibt ein Klassenthema, aber da hat sich einiges verändert, heute ist zum Beispiel gar nicht mehr so klar, wer gehört zur Arbeiterklasse, wer zur Mittelschicht, früher waren da eindeutige Grenzen, heute sind diese verwischt, weil beide Gruppen kein Geld mehr haben. Währenddessen werden die Reichen immer reicher, das Geld wandert zu den Tech-Guys, die alles dafür tun, dass wir nur noch auf ihre Plattformen fokussiert sind, damit sie uns noch mehr verkaufen können. Als Sie den Roman „Trainspotting“ vor 33 Jahren veröffentlichten, wurde er von vielen auch als eine Art Sozialstudie des schweren Lebens junger Leute unter der konservativen Regierung unter Margaret Thatcher verstanden. Heute sitzt in London eine Labour-Regierung. Hat sich die Lage für die Jungen verbessert? Auf keinen Fall. Es ist ja eher immer schlimmer geworden über all die Jahre unter allen Regierungen. Thatcher wurde immer als Vorkämpferin für die freie Marktwirtschaft gesehen, aber ihre Wirtschaftspolitik hat die Macht in wenigen Händen konzentriert und sie mit ihrem Neoliberalismus die Mitte radikalisiert. Überall fehlt es an Geld. Die Arbeiterklasse ist zerstört, die Mittelschicht ruiniert, wir müssen die Milliardäre richtig besteuern, das ist die einzige Chance, sie sind die Einzigen, die noch Geld haben und immer reicher werden. Wie hat sich das Klassenbewusstsein in England seit dem Erscheinen von „Trainspotting“ verändert? Es hatte sich abgeschwächt, zeigt sich jetzt aber wieder verstärkt auf neue Art. Die Mittelschicht und die Arbeiterklasse scheinen sich zu hassen, müssen sich aber verbünden, denn sie werden beide zerstört, während die Megareichen immer reicher werden. Ich verstehe, wenn Menschen aus der Mittelschicht Angst haben, aber man muss ihnen klarmachen, dass ihr Geld nicht zu ein paar Sozialbetrügern fließt, sondern zu den Tech-Guys. Wie hat sich die Struktur der britischen Elite verändert? In „Men in Love“ finden wir noch sehr traditionelle Exemplare wie etwa den reichen, konservativen, standesbewussten Vater von Amanda, der neuen Freundin von „Sick Boy“, der Regierungsbeamter ist. Die Elite ist heute sehr viel stärker transnational ausgerichtet. Es gibt diese mächtigen Leute, die hierzulande allen erzählen, wir dürfen keine Immigranten mehr aufnehmen, aber selbst in Südfrankreich oder sogar in den Vereinigten Arabischen Emiraten leben. Diese neue, reiche internationale Elite ist extrem mobil und kann jederzeit überall auf der Welt hinziehen, das können sich normale Menschen natürlich nicht leisten. In „Men in Love“ kämpfen die Protagonisten nicht nur mit ihren Klassen, sondern vor allem um Gefühle, wobei gerade die Männer in den späten Zwanzigern besonders verloren wirken. Sind Männer in dem Alter hilfloser als Frauen? Fuck, yeah. Viel mehr. Frauen gehen viel strukturierter und zielstrebiger vor. Gerade junge Frauen aus dem Arbeitermilieu, die keine großen Karrierechancen bekommen, denken früh an Kinder und suchen sich dann einen Mann, mit dem das vorstellbar ist. Männer haben aber leider oft einfach nicht die gleiche emotionale Intelligenz wie Frauen und ganz bestimmt nicht in dem Alter. Es geht ihnen ums Saufen, Ausgehen, Fußball und solche Sachen. Früher waren sie abhängig von ihren Eltern, jetzt sind sie es von ihren Kumpels. Dann gibt es plötzlich eine Frau in ihrem Leben, die Kumpels werden unwichtiger, und sie stehen plötzlich vor all diesen fundamentalen Fragen: Sollen wir zusammenziehen, heiraten, Kinder kriegen, vielleicht umziehen – und haben wir dafür genug Geld, einen Job? Die Jungs müssen diese Entscheidungen fällen und wissen noch nicht mal, in welchen Pub sie gehen sollen. Das ist hart für sie. Hat sich dieses Gefühl der Hilflosigkeit seit den Achtzigern verändert? Es hat sich ausgeweitet. In den Achtzigern traf es vor allen Dingen die Arbeiterklasse, jetzt erstreckt sich diese Furcht bis weit in die Mittelschicht, weil niemand weiß, ob er nicht bald schon durch KI ersetzt werden wird. In den Achtzigern wurden überall Jobs mit dem Versprechen eingespart, dass es irgendwann allen wieder sehr viel besser gehen würde. Heute gibt es dieses Versprechen erst gar nicht. Alles, was sie sagen, ist: AI is gonna fuck you. Wie wirkt sich das auf Beziehungen aus? Das verunsichert alle. Selbst wenn du ein gut ausgebildetes Pärchen in London nimmst, die eine teure Wohnung abbezahlen müssen – und alle Wohnungen in London sind teuer –, und plötzlich verliert einer den Job wegen KI ohne Aussicht auf einen neuen, während der andere immer härter und länger arbeiten muss, dann stresst das jede Beziehung. Es fällt ja auch auf, wie viele Menschen jetzt schon in London betteln, die offensichtlich einen sehr gebildeten Background haben. Wären Sie gerne noch einmal jung? Man möchte immer wieder jung sein. Es spielt keine Rolle, wann man das gefragt wird. Denn wenn man jung ist, wird man nicht immer ernst genommen, und das ist manchmal toll. Sind Sie eigentlich ein Romantiker? Ich bin ein großer Romantiker, heute noch stärker als früher. Ich kann mich Hals über Kopf verlieben und mich zum Narren machen – ohne dazuzulernen. Mit der Zeit wird einem klar, dass Liebe absolut unverzichtbar ist. Aber sie allein reicht nicht aus. Man kann sich wahnsinnig lieben und trotzdem völlig unvereinbar sein. Da müssen noch andere Dinge passieren. Drogen, insbesondere Heroin, spielten in „Trainspotting“ und den Folgebüchern eine entscheidende Rolle und sind auch in „Men in Love“ ein Thema. Welche Rolle spielen welche Drogen im heutigen Edinburgh? Alle möglichen Drogen sind heute allgegenwärtig auf den Straßen, überall. Aber die größte und vielleicht gefährlichste Droge scheint mir heute das Smartphone zu sein, das uns Dopamin-Höhepunkte verschafft. Durch das Smartphone sind Pornographie- und Spielsucht nur einen Klick entfernt, unsere Aufmerksamkeitsspanne wird brutal reduziert, der Algorithmus macht uns zum Sklaven des Teils, das uns kontrollieren und steuern will. Heute lachen wir über Leute, die trotz aller Gefahren Kettenraucher waren oder sind. Wenn wir überleben, werden wir hoffentlich in 20 oder 30 Jahren über Leute lachen, die 2026 mit so einem Teil wie festgeklebt vor dem Gesicht durch die Gegend gelaufen sind. Das hört sich alles finster an. Sie bezeichnen sich aber trotzdem als Optimisten? Ja, auch, weil ich feststelle, wie sich bei vielen Jüngeren die Einstellung zu Social Media und dem Internet ändert und sie es weniger benutzen oder nur noch zu dem Zweck, für den es mal gedacht war, wie ein Besuch in der Bücherei. Der Trend dürfte sich verstärken, wenn klarer wird, dass wir alle nur von den großen Techfirmen gemolken werden sollen. Sehen Sie Anlass für Zuversicht? Natürlich müsste man vor allem den Reichtum des Planeten neu verteilen, denn die Ungleichheit erdrückt die Welt im Grunde genommen. Aber in den Gemeinden passiert wieder eine Menge. Die Leute gründen ihre kleinen Gruppen. Sie veranstalten ihre illegalen Raves, sie haben ihre Lesekreise, und sie veranstalten Poetry-Slams und Ähnliches. All das findet in den Gemeinden statt. Sie posten das nicht im Internet. Sie lassen es einfach entstehen und sehen, wie es sich entwickelt. Ich glaube, so werden wir vorankommen. Nach dem Motto: „Na ja, wir haben nicht viel Geld, aber wir können raus aufs Land fahren und Hand in Hand über die Felder spazieren und dann vielleicht hinter der Hecke wild miteinander rummachen.“ Oder so was in der Art. Das ist großartig. Was ist die Zukunft der Liebe? Auf jeden Fall auch die romantische Liebe, wie wir sie kennen. Ich glaube, wir brauchen sie jetzt mehr denn je. Wir müssen alle wieder ein bisschen albern sein, auf Spaß setzen, Offenheit, Erfahrungshunger, Neugier auf andere Menschen. Es kann nicht immer nur um Algorithmen und Business gehen. Leb dein Leben hier und jetzt, irgendwann sind wir alle tot! Und zum Abschluss bitte ein kleiner Ausblick: Was ist die literarische Zukunft von Mark Renton, Simon „Sick Boy“ Williamson, Daniel „Spud“ Murphy und Francis „Franco“ Begbie? Wir kennen sie vom Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre. Werden wir sie auch mal in der wilden Rave-Zeit der Neunzigerjahre erleben? Ich habe etwas geplant und schon einen Entwurf davon. Ich muss mich „nur“ noch hinsetzen. Das ist mein Plan. Ob und wann ich es tun werde, weiß ich noch nicht. Und ich überlege, vielleicht die ganze „Trainspotting“-Saga als TV-Serie in Langform umzusetzen. Irvine Welsh wurde mit „Trainspotting“ 1993 und der Verfilmung von Danny Boyle berühmt. Viele Romane, Drehbücher, Filme und Auftritte des Schotten als DJ folgten. Seit Kurzem gibt es auch ein „Trainspotting“-Musical. Und den Nachfolgeroman von Trainspotting, „Men in Love“ (Kunstmann Verlag, aus dem Englischen von Stephan Glietsch), 560 Seiten, 30 Euro).