FAZ 09.05.2026
14:33 Uhr

Balanceakt der Eintracht: Der nächste Umbruch – und der alte Anspruch


Die Fußballfrauen von Eintracht Frankfurt können in München den letzten Punkt holen, der zum europäischen Geschäft fehlt. Das Team wird in der neuen Saison definitiv ein anderes sein – auch wieder ein starkes?

Balanceakt der Eintracht: Der nächste Umbruch – und der alte Anspruch

Ein wildes Spiel wie das zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern beim 5:4 in der Champions League, sagte Niko Arnautis, wollen er und die Fußballerinnen von Eintracht Frankfurt in München nicht abliefern. Aber gegen den neuen und alten deutschen Meister, sagte Arnautis, könne sein Team auch nicht 90 Minuten nur verteidigen: „Dafür haben sie zu viel Qualität.“ Seine Spielerinnen müssten an diesem Samstag (15.45 Uhr, Magentasport) eine gute Mischung aus Offensive und Defensive finden, wenn sie sich den dritten Tabellenplatz, der zur Teilnahme an den Champions-League-Play-offs berechtigt, nicht mehr nehmen lassen wollen. Gegen den FC Bayern könnten sie nur bestehen, wenn sie an ihre beste Leistung herankommen. Aber: „Wir haben in den Topspielen bewiesen, dass wir Mannschaften unter Druck setzen können.“ Ein Punkt fehlt noch In der Tabelle steht Frankfurt zwei Spieltage vor Schluss mit 48 Punkten auf dem dritten Platz hinter München (68) und Wolfsburg (52). Der Vorsprung vor Bayer Leverkusen beträgt fünf, vor der TSG Hoffenheim sechs Zähler. Ein Unentschieden aus den verbleibenden Partien beim FC Bayern und gegen Union Berlin würde den Eintracht-Frauen also schon genügen, um nach der verkorksten Hinrunde zumindest eines ihrer angepeilten Ziele zu erreichen. „Wir brauchen noch einen Punkt – und dann sehen wir, was der Rest macht“, gab Sportdirektorin Babett Peter im Gespräch mit der F.A.Z. die Marschroute vor. Da kommt der Ausfall von Nicole Anyomi ungelegen. Die Nationalspielerin erlitt beim 4:1-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg eine Oberschenkelverletzung. Die mit 13 Toren treffsicherste Frankfurterin wird – zumindest in dieser Saison – kein Spiel mehr für die SGE machen. Es brauchte Zeit Vor der aktuellen Spielzeit hatte Sportvorstand Markus Krösche als Ziel ausgegeben, die Ligaphase in der Champions League und das Finale im DFB-Pokal zu erreichen sowie in der Bundesliga unter die besten drei Teams zu kommen. Doch der Qualitätsverlust durch den Umbruch im Sommer war offensichtlich, der Kader brauchte Zeit, um sich zu finden und einzuspielen. Vor allem gegen Gegner wie Nürnberg, Berlin und Leipzig, die hinter ihnen im Ranking stehen, ließen die Frankfurterinnen Punkte liegen. International reichte es immerhin für das Halbfinale des neuen „Women’s Europa Cup“, nachdem sie in der ersten Runde der Königsklasse an Real Madrid gescheitert waren. National war nach einer 0:1-Niederlage beim VfL Wolfsburg im Viertelfinale des DFB-Pokals Schluss. Die Defensive hat sich stabilisiert Peter betonte, dass sie mit dem Verlauf der Rückrunde „sehr zufrieden“ sei. Die frühere Nationalspielerin trat am 1. Januar ihre Aufgabe an der Nahtstelle zwischen Team, Trainer und Katharina Kiel an, die neben ihrem Job als „Direktorin Frauenfußball“ im Winter zur Präsidentin des neu gegründeten Ligaverbands gewählt wurde. Die zurückliegenden Auftritte des Teams weisen in ihren Augen in die richtige Richtung: „Klar, die Leistungen schwanken etwas, aber wir punkten – und das ist entscheidend“, sagte Peter. Fakt ist: Vor allem die Defensive stabilisierte sich. Marthine Østenstad und Amanda Ilestedt, die zunächst mit Blessuren zu kämpfen hatten, tragen mit ihrer Erfahrung und Ruhe am Ball genauso zu mehr Widerstandskraft bei wie die von ihrem Intermezzo in Los Angeles zurückgekehrte Sara Doorsoun. Wie geht es nach der Saison weiter? Insbesondere in der Hinrunde war Arnautis außerhalb des Klubs in die Kritik geraten. Dem dienstältesten Bundesliga-Trainer wurde vorgeworfen, zu lange an derselben Formation festzuhalten und zu spät zu wechseln. Intern aber genoss er weiter Rückendeckung – und nun, da die Eintracht kurz davor steht, sich abermals für den europäischen Wettbewerb zu qualifizieren, wird sie auch öffentlich deutlich. „Niko Arnautis lebt Eintracht Frankfurt – mit seiner Art und seiner Haltung zum Verein. Er hat einen großen Anteil daran, wo wir heute stehen“, sagte Peter. Der Vertrag des 46-Jährigen war im vorigen Sommer bis Mitte 2028 verlängert worden. Nur: Wie geht es – abgesehen von der Trainerposition – nach der Saison weiter? Namhafte Spielerinnen auf dem Sprung Frankfurt hat mit rund 3,7 Millionen Euro hinter dem FC Bayern (8,3 Millionen) und dem VfL Wolfsburg (4,4 Millionen) den wertvollsten Kader der Bundesliga. Gleichzeitig befindet sich die Eintracht in einer schwierigen Situation: An den beiden Spitzenklubs kommt sie ohne größere Investitionen erst einmal nicht vorbei, und die anderen Vereine haben den Abstand zu den Frankfurterinnen verkürzt. Der Umsatz der Eintracht-Frauen betrug laut der „Football Money League 2026“, die von der Beratungsgesellschaft Deloitte im Januar veröffentlicht wurde, 4,7 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Bayern-Frauen bringen es auf 7,2 Millionen Euro und zählen damit zu den zehn finanzstärksten Klubs der Welt. Spitzenreiter in der Aufstellung ist Champions-League-Sieger FC Arsenal (25,6 Millionen Euro) vor dem FC Chelsea (25,4) und dem Vorjahresersten FC Barcelona (22,0). Dass die Frankfurterinnen nach elf Abgängen und zehn Zugängen im Vorjahr nun vor der nächsten Wandlung stehen, ist ausgemacht – und diesmal könnte der Qualitätsverlust noch größer sein. Jung-Nationalspielerin Lisanne Gräwe zieht es zu Union Berlin, weitere Spielerinnen folgen. Mittelfeldspielerin Elisa Senß, die auch dank überzeugender Einsätze im Nationaltrikot Werbung in eigener Sache machte, hat – ebenso wie Gräwe – eine Ausstiegsklausel in ihrem Vertrag und wird nach F.A.Z.-Informationen nach Spanien wechseln. Trainer Arnautis bleibt gelassen Anyomi kann den Verein ablösefrei verlassen und liebäugelt mit einem Transfer nach Frankreich (Paris Saint-Germain oder Paris FC); außerdem sollen ihr Offerten aus England vorliegen. Die ebenfalls ablösefreie Offensivspielerin Géraldine Reuteler wird wie schon unmittelbar nach der EM im vergangenen Juli mit dem FC Arsenal in Verbindung gebracht, und Linksverteidigerin Nina Lührßen soll Wolfsburger Begehrlichkeiten geweckt haben. In dieser Saisonphase, betonte Arnautis, sei es normal, dass es Spekulationen um einzelne Spielerinnen gebe. Seine Angelegenheit sei es, die Gruppe zusammenzuhalten und aus jeder das Maximale herauszuholen. Aber es müsse auch akzeptiert werden, dass es für Spielerinnen im wachsenden Fußballbusiness immer mehr Möglichkeiten gibt. „Es macht irgendwo auch Freude, Spielerinnen hier zu haben, die sich so entwickeln, dass sie bei anderen Vereinen ebenfalls begehrt sind.“ Dass sich etwa Anyomi noch nicht entschieden habe, ob sie ihren auslaufenden Vertrag verlängert, muss aus Arnautisʼ Sicht kein schlechtes Zeichen sein: „Dass es so lange dauert, kann man auch so interpretieren, dass sie weiß, was sie an uns hat.“ Die Frauenfußballabteilung habe sich in den vergangenen Jahren beachtlich aufgestellt, sodass er die Eintracht gewappnet sieht für das, was kommt. Babett Peters Anspruch Bei Peter klingt es ähnlich: „Wir sind ein gutes Team, vieles ist eingespielt, man kennt sich gut – das hilft. Wir machen vieles richtig und entwickeln Spielerinnen so, dass sie hier besser werden.“ Neben einer „stark verbesserten“ Infrastruktur wird sie in den Gesprächen mit Spielerinnen auch das Argument vorbringen, dass „das Mindset im Klub sehr positiv ist“. Soll wohl heißen: Die Gremien stützen den Kurs, der darauf vertraut, dass Umfeld, Standort und langfristige Perspektive manchen finanziellen Nachteil kompensieren können. In den kommenden Wochen wird es vor allem an ihr liegen, die Kaderqualität trotz zahlreicher Abgänge mindestens beizubehalten. Peter weiß um den Anspruch und die Erwartung an ihre Person – und stellt sich ihm mit Zuversicht, aber auch einem Realismus, der aus ihrer 18-jährigen Erfahrung als Verteidigerin bei Lokomotive Leipzig, Turbine Potsdam, dem 1. FFC Frankfurt, dem VfL Wolfsburg, CD Tacón und Real Madrid getragen wird. „Wir versuchen, Topspielerinnen zu halten, sind in intensiven Gesprächen. Gleichzeitig muss man manchmal akzeptieren, dass Spielerinnen sich so gut entwickeln, dass sie bereit sind für den nächsten Schritt. Viele Spielerinnen sind lange hier – und man muss unterscheiden zwischen dem, was wir sehr gut machen, und dem, was normale Marktdynamik ist.“ Auf die Feststellung, dass die Eintracht-Frauen wieder einmal vor grundlegenden Umwälzungen stünden, antwortete Peter relativierend: „‚Neu erfinden‘ ist für mich ein schwieriges Wort, weil wir eine DNA und einen Spielstil haben, den wir weiterführen wollen.“ Ein Kommen und Gehen sei aber „im Fußball normal“ und gehöre zum Geschäft, gerade in Anbetracht des allgemeinen Aufschwungs, den der Fußball der Frauen erlebe: „Spielerinnen entscheiden sich manchmal für andere Wege oder wollen Träume bei Klubs mit noch größeren Ambitionen verfolgen“, sagte Peter. „Letztes Jahr war es extrem, dieses Jahr erwarte ich es nicht ganz so, aber Veränderungen wird es geben.“ Entscheidend wird dabei sein, ob die Eintracht den Wandel gestaltet – oder ob er die Eintracht gestaltet.