FAZ 23.07.2026
06:55 Uhr

Barbara Bingel: Von der Lehrerin zur Literaturveranstalterin


Barbara Bingel veranstaltet seit 16 Jahren die „Hochstädter Lyriknacht“ in Maintal bei Frankfurt und vergibt einen Literaturpreis. Das hat seinen Grund.

Barbara Bingel: Von der Lehrerin zur Literaturveranstalterin

Als die U-Bahn gebaut wurde, stellte sich ihr Mann auf die Baustelle und deklamierte Gedichte. Hier wurde die Bockenheimer Landstraße für die Linien 6 und 7 aufgegraben, dort stand Horst Bingel und rief dagegen an. Im Andenken an den Frankfurter Schriftsteller, der 2008 starb, hat Barbara Bingel eine Stiftung gegründet, die zahlreiche literarische Aktivitäten entfaltet: „Ich wollte seinen Namen im Gedächtnis der Menschen halten.“ Sie selbst ist dabei von der Lehrerin am Albert-Einstein-Gymnasium in Maintal, wo sie bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete, zu einer Akteurin im Literaturbetrieb der Region und darüber hinaus geworden. Seit 2010 veranstaltet Bingel die „Hochstädter Lyriknacht“, denn auch ihren Mann, der seit 1957 die „Streit-Zeit-Schrift“ herausgab, 1965 das Frankfurter Forum für Literatur gründete und später Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller war, hat man vor allem als Lyriker gesehen. Am 21. August findet die Lyriknacht zum 16. Mal statt, mit neun Dichterinnen und Dichtern sowie Musik an Orgel und Saxophon. Wie immer bittet die Horst-Bingel-Stiftung in die Evangelische Kirche von Maintal-Hochstadt, auch wenn der Kirchturm vor Kurzem vom Blitz getroffen wurde. Aber die Lyriknacht kann stattfinden, sagt Bingel im Frankfurter Café Laumer, nur ein paar Schritte von ihrer Wohnung an der Wiesenau und der ehemaligen U-Bahn-Baustelle entfernt. Zu Gast sind in Hochstadt in diesem Jahr Autoren wie Silke Scheuermann, Daniela Seel und José F. A. Oliver, der derzeitige Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, der sein Amt ein paar Tage später an seine Nachfolgerin Judith Kuckart übergibt. Zu sieben etablierten Namen kommen zwei Preisträgerinnen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen hinzu – Sieger des vom Land Hessen seit 35 Jahren veranstalteten Schreibwettbewerbs haben bei Bingel seit je eine Auftrittsmöglichkeit. Ihren Ehemann lernte sie auf einer Lesung kennen Geboren wurde sie 1953 in Jena, fünf Jahre später gingen ihre Eltern mit ihr in den Westen. Sie wuchs in Offenbach auf, wo ihr Vater beim Deutschen Wetterdienst arbeitete. Später studierte sie in Frankfurt und England Anglistik, Politik und Geschichte. Da sie auch Russisch lernte, verbrachte sie Studienaufenthalte in Moskau und Leningrad: „Bei den Anglisten waren wir 300 Leute, bei den Slawisten maximal 30, das war sehr viel angenehmer.“ Schon als junges Mädchen hatte sie sich durch die großen russischen Romane im Bücherregal ihrer Eltern gelesen. Vor allem aber empfand sie sich als „Kind des Ost-West-Konflikts“. Sie wollte mehr wissen über die Sowjetunion. Über das Lehramtsstudium und ihren Beruf lernte Bingel später auch ihren Mann kennen. Als sie ihn 1983 traf, war sie Lehrerin an der Hohen Landesschule in Hanau, die er als Jugendlicher besucht hatte. Sie gab bei der Buchhandlung Dausien, die auch Bücher verlegte, einen Band über Absolventen der Lehranstalt heraus und wollte sich einen Auftritt Bingels ansehen, der damals gerade zum Stadtschreiber in Offenbach ernannt worden war. Als die Buchhändlerin Margret Dausien das hörte, sagte sie: „Der hat als Schüler immer seine Schulbücher bei mir gekauft.“ Und ließ sich von Bingel im Auto mitnehmen. Nach der Lesung ging es gemeinsam weiter in ein Lokal, es wurde gegessen und getrunken. „Da hatte sich mein späterer Mann schon neben mich gesetzt.“ Dausien sagte, er müsse unbedingt mit nach Hanau kommen, sie habe eine Überraschung für ihn: das gesamte Schaufenster war mit Bingel-Büchern dekoriert. „So hat sich das ergeben“, sagt Bingel. Das Paar heiratete 1985, aber erst vier Jahre später zog sie zu ihrem Mann ins Frankfurter Westend: „Er schrieb meist nachts, da hätte er mich stören können, und ich musste morgens früh raus, da hätte ich ihn gestört.“ Dann fanden sich an der Wiesenau zwei Wohnungen nebeneinander, die fortan zum Leben und Arbeiten genutzt wurden, ohne Durchbruch, immer artig über das Treppenhaus. Wie Marie Luise Kaschnitz für das Café Laumer kämpfte Bingel wohnt bis heute an der Wiesenau, zwei Häuser neben dem von Marie Luise Kaschnitz, der in diesem Frühjahr das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ gewidmet war. „Sie war mit meinem Mann befreundet“, sagt Bingel, die von ihm gehört hat, dass Kaschnitz inmitten der Spekulations- und Hausbesetzungsjahre für den Erhalt des Café Laumer auf die Straße ging, dessen Gebäude ebenfalls weichen sollte: „Mein Mann hat immer erzählt, dass Frau Kaschnitz die schwarzen Fahnen mitgeschwungen hat.“ Dass sie selbst zur Akteurin im Literaturbetrieb geworden sei, werde ihr erst allmählich bewusst, sagt sie. Auf Hochstadt als Veranstaltungsort kam sie nicht nur über ihren Beruf, sondern über ihren Mann. Er hatte nach dem Krieg als Jugendlicher im Ort gelebt, weil sein Vater dort Lehrer geworden war, er blieb auch nach der Versetzung des Vaters an eine andere Schule. „Als wir uns kennenlernten, sagte er, er wolle mir das mal zeigen.“ Am Tresen eines Wirtshauses wurde ihr Mann erkannt, und es wurde ein netter Abend: „Von da an gingen wir regelmäßig dort aus.“ Nach dem Tod ihres Mannes wurde die Stadt Maintal Gründungsmitglied der Horst-Bingel-Stiftung, ein anderes Mitglied ist der ehemalige HR-Redakteur Heiner Boehncke, der in Hochstadt lebt. „Er kannte die Kirche und stellte die Verbindung her.“ Seit 2014 vergibt die Stiftung alle zwei Jahre aber auch den mit 12.000 Euro dotierten Horst-Bingel-Preis für Literatur. 7000 Euro des Preisgelds kommen vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, 5000 von der Stadt Frankfurt. Zu den bisherigen Trägern zählen Nadja Küchenmeister, Ulrike Almut Sandig, Maren Kames und Ronya Othmann. In den vergangenen Jahren wurde der Preis auf jeweils drei Empfänger aufgeteilt, in diesem Jahr wird er abermals verliehen. Die Jury hat getagt, die Namen der bis zu drei Preisträger oder Preisträgerinnen stehen fest. Verkündet werden sie Ende August, überreicht wird der diesjährige Preis wohl am 16. Oktober im Archiv der Goethe-Universität an der Dantestraße. „Auf den schwarzen Holzstühlen habe ich schon als Studentin gesessen“, sagt Bingel: „Ich hatte da Seminare.“ An das von Wolfgang Schopf geleitete Literaturarchiv des Universitätsarchivs wird auch der Nachlass ihres Mannes gehen, den sie zur Übergabe gerade vorbereitet. Die Schriftstellerin Eva Demski gab ihr den Tipp: „Nichts wie hin zu Wolfgang Schopf.“ Seit 2019 ist Bingel im Ruhestand, aber sie hat danach noch ein paar Jahre weitergemacht mit Kursen und Vertretungen. Schon an der Hohen Landesschule hatte sie eine Lesungsreihe, die sie später am Einstein-Gymnasium wiederbelebte. Sie existiert bis heute. Bingel ist Zweite Vorsitzende des hessischen Literaturrats, geht gerne in die Konzerte des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper, hat ein Mini-Abo der Oper Frankfurt und geht gerne auf Lesungen, auf denen sie nur zuhören muss: „Das ist dann auch mal schön.“ Ebenso schön wie das Veranstalten. „Hochstädter Lyriknacht“, 21. August, 19 Uhr, Evangelische Kirche, Maintal-Hochstadt, Hauptstraße 4. Um Anmeldung unter horstbingel-stiftung@t-online.de wird bis 15. August gebeten.