FAZ 09.05.2026
17:27 Uhr

Belgiens Mode-Metropole: Das Wunder von Antwerpen


Vor 40 Jahren sorgte das Designer-Kollektiv „The Antwerp Six“ für Furore in der Modewelt – und veränderte die belgische Stadt für immer. Jetzt wird das Jubiläum mit viel Extravaganz gefeiert.

Belgiens Mode-Metropole: Das Wunder von Antwerpen

Der Anfang war erfrischend chaotisch, also sehr belgisch. Als der Campingbus mit dem halben Dutzend Kollektionen der sechs Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Mode an der Königlichen Akademie der Schönen Künste von Antwerpen endlich beladen und abgeschlossen war, fehlte plötzlich der Schlüssel. Wer ihn verbummelt hatte, weiß heute niemand mehr, auch nicht, wer den Schlüssel schließlich wiederfand. Um ein Haar hätte die bunte Truppe im März 1986 erst gar nicht zur British Designer Show in London anreisen können. Der Freundeskreis aus Marina Yee, Dirk Bikkembergs, Walter Van Beirendonck, Dirk Van Saene und Dries Van Noten war zudem nicht vollzählig. Ann Demeulemeester, Nummer sechs im Bunde, erwartete ihr erstes Kind und beschloss in letzter Minute, nicht mitzufahren. Die Wegbereiterin der dekonstruktivistischen Mode gab jedoch dem für sie mitreisenden Geert Bruloot ihre Sonnenbrillen-Kollektion mit. Da waren es wieder sechs. Deutlich cooler als Paris oder Mailand Bei der Ankunft in London mussten die jungen Belgier, die allesamt noch keine dreißig waren, dann feststellen, dass sich ihr nur sechzig Quadratmeter großer Gemeinschaftsstand in einer der hintersten Ecken auf der ohnehin nur wenig besuchten oberen Etage des Ausstellungsgeländes verlor. Am ersten Tag kam nicht ein einziger Besucher. Flugs produzierten die sechs einen Flyer, den sie eigenhändig auf dem Ausstellungsgelände verteilten. Das Wunder geschah. Die ersten Neugierigen tauchten am Stand auf, staunten und machten die Kollektionen zum Gespräch der Show. Chefeinkäufer großer Kaufhäuser von Paris und Amsterdam bis New York und San Francisco folgten und bestellten. Ein letztes Hindernis auf dem Weg zum internationalen Durchbruch aber blieb. Die flämischen Namen der Jungdesigner waren nicht nur für britische Zungen unaussprechlich. Plötzlich stand der Name „The Antwerp Six“ im Raum. Wer ihn lanciert hat? Unbekannt. Führende Magazine übernahmen ihn und brachten große Strecken über die Mode aus Antwerpen, die Grunge und Glamour verband, das reiche Erbe Flanderns widerspiegelte und deren weiteres Herausstellungsmerkmal die hohe handwerkliche Qualität war. Die Hafenstadt an der Scheldemündung rückte aus dem Nichts in die Liga der großen Modemetropolen dieser Welt auf – nur dass Antwerpen eine deutliche Nummer cooler als Paris oder Mailand war. „Wir haben damals nicht begriffen, wie wichtig die Präsentation auf der British Designer Show werden sollte“, erinnert sich Dirk Van Saene, der heute mit seinem Partner Walter Van Beirendonck – die beiden sind seit rekordverdächtigen 48 Jahren ein Paar – in einem Dorf bei Antwerpen lebt. Der Siebenundsechzigjährige, perfekt getrimmter Vollbart, wache Augen und die Ruhe selbst, kam 1977 zum Studium nach Antwerpen. Die Hafenstadt war damals in vollem Umbruch. Der Hafen verlagerte sich Richtung Norden und hinterließ mit dem Zuid-Viertel ein riesiges Terrain mit leeren Lagerhäusern und ramponierten Kontoren, das Künstler und Kreative anzog. Zugleich etablierte sich Antwerpen als die schwule Metropole Belgiens mit einer umtriebigen Lederszene. „Wir waren alle Freunde und nicht Konkurrenten“, erinnert sich Van Saene an die kreative Bienenstockatmosphäre jener Zeit. In der nicht einmal eine halbe Million Einwohner zählenden Stadt kannte jeder ohnehin jeden. Freundlicher Ton, familiäre Atmosphäre 40 Jahre später entwirft von den sechs Designern nur noch Walter Van Beirendonck mit ungebrochener Verve ebenso romantische wie monströse Kollektionen. Van Saene kehrte 2020 der Modewelt den Rücken, um sich als Maler und Keramikkünstler einen Namen zu machen. Dirk Bikkembergs stellte bereits 2011 seine letzte Kollektion vor. Ann Demeulemeester verließ 2013 ihre Marke und entwirft heute Geschirr und Möbel. Dries Van Noten übergab vor zwei Jahren den Posten des Creative Director an Julian Klausner. Marina Yee ist im vergangenen Herbst gestorben. Bemerkenswert sind die Designergenerationen, die auf die „Antwerp Six“ gefolgt sind. Unter den Absolventen der Königlichen Akademie für Schöne Künste, die aktuell als Kreativdirektoren für große Modelabels arbeiten, wären etwa Meryll Rogge für Marni, Glenn Martens für Maison Margiela und für Diesel, Raf Simons für Prada, Pieter Mulier für Alaia und Demna für Balenciaga zu nennen. Und auch wenn es eine vergleichbare Gruppe wie die „Antwerp Six“ nicht mehr gibt, sind als Alleinstellungsmerkmale der Antwerpener Modeszene doch der freundliche Ton und die familiäre Atmosphäre geblieben. Das 40. Jubiläum des internationalen Durchbruchs in London war ein willkommener Anlass für das Antwerpener Modemuseum, die sechs Designer mit der Ausstellung „The Antwerp Six“ zu würdigen. Zu sehen ist ein fulminanter Parcours vom nachgebauten Stand der British Designer Show 1986, inklusive des damals aus der Not produzierten Flyers, bis in die triumphalen Neunzigerjahre, als das Schlagwort „The Antwerp Six“ längst überflüssig war und jeder der sechs Designer trotz des schwer auszusprechenden Namens zum Begriff geworden war. Die Ausstellung überlässt darüber hinaus jedem der sechs einen Showroom für einen Kollektionsquerschnitt. Die Unterschiede zwischen den Modedesignern treten hier klar hervor: bunte Drucke, Mustermix, Stickereien, die die eleganten Silhouetten in „tableaux vivants“ verwandeln, bei Dries Van Noten. Fluide, schwarze Silhouetten und androgyner Patti-Smith-Look bei Ann Demeulemeester. Von Männermuskeln gestraffte Shirts und Shorts bei Bikkembergs. Die Welt als poppig bunter Fetisch-Playground bei Walter Van Beirendonck. Trompe-l’Œil-Effekte und surrealistische Zitate bei Dirk Van Saene. Ergreifend ist schließlich das original nachgebaute Shabby-Chic-Atelier von Marina Yee mit kunstvollen Upcycling-Modellen, die aus Secondhand-Kleidung entstanden sind. Der größte Showroom aber bleibt Antwerpen selbst. Das mit aller Pracht der Belle Époque auftrumpfende Modepalais von Dries Van Noten ist allein wegen der extravaganten Schaufensterdekorationen noch immer der beste Ausgangspunkt einer Tour durch Antwerpens wichtigsten Fashion District zwischen Vrijdag Markt und Bourla-Theater. Führungen werden über das Modemuseum angeboten. Ein dort ebenfalls erhältlicher City Guide tut es allerdings auch. An der Lombardenstraat geben im Louis die letzten Kollektionen von Marina Yee und des unermüdlich in knalligen Farben und mit Fetisch-Accessoires wütenden Walter Van Beirendonck den Ton an. Bei Christian Wijnants an der Steenhouwersvest verweisen Blumenmuster auf die frühere Tätigkeit des gebürtigen Brüsselers bei Dries Van Noten. Ein paar Hausnummern weiter zeigt das Schmucklabel Wouters & Hendrix aus Anlass der Ausstellung im Modemuseum Kollektionsstücke aus vier Jahrzehnten. Die Designerinnen Katrin Wouters und Karen Hendrix haben nicht wenige Shows der „Antwerp Six“ mit subtil rebellischen, von den belgischen Surrealisten inspirierten Ringen, Reifen und Ketten ausgestattet. Produziert wird das alles noch immer in Antwerpen, das bis heute für seine zwanglose Kombination aus künstlerischem Anspruch und handwerklichem Können berühmt ist. Nachhaltigkeit aber ist das neue Gebot der Stunde. Im Rosier 41 wird belgische Mode aus zweiter Hand verkauft. Zugleich ist immer ein Fenster einem Nachwuchsdesigner gewidmet. „Only by Appointement. Try your luck and ring the bell“, verkündet ein Messingschild an der Maison Anna Heylen, in der vom Garn bis zum Knopf ausschließlich mit Materialien aus Belgien und anderen europäischen Staaten gearbeitet wird. Ebenfalls nur nach vereinbartem Termin erhält man Zutritt zum An/Archive Store an der De Vrièrestraat. Für den kleinen Aufwand entschädigt eine Auswahl von „curated vintage & high end“-Mode. Ein gänzlich neues Konzept verfolgt in einem versteckten Innenhof am Kleinen Markt das Duo aus dem Modedesigner Tim Van Steenbergen und der Modejournalistin Ruth Goossens. Unverkaufte Restbestände von Kollektionen belgischer Designer werden dekonstruiert, um daraus eine zu jeder Saison tragbare, nachhaltige Mode für ihr 2023 gegründetes Label REAntwerp zu kreieren. Die Zeiten, da ein vom amerikanischen „Time Magazine“ nach Antwerpen geschickter Journalist seine zwischen Fassungslosigkeit und Enthusiasmus schwankende Reportage „Look on the Wild Side“ überschrieb, aber sind passé. Den Soundtrack des Fashion Districts liefern nicht mehr aus Kaschemmen und Shops wummernde Beats, sondern ratternde Rollkoffer. Im Straßenbild haben Zugangscodes eintippende Stadttouristen schwule Ledermänner und Gothic Punks verdrängt. Aus Kais wurden Café-Terrassen, aus Kontoren Nobelläden. Das Fischgrätparkett im Ann-Demeulemeester-Flagship-Store ist noch immer ausgetreten, doch die früher wackligen Hölzer sind der Sicherheitsnorm entsprechend befestigt. Gegenüber am Leopold de Waelplaats bildet eine von Demeulemeester für den Vorplatz des Museums für Schöne Künste entworfene Bank einen weiten Halbkreis. Wie Demeulemeester haben auch andere Antwerpener Modemacher Spuren im öffentlichen Raum hinterlassen. Das Pflanzkonzept für die Blumen im Garten des Rubenshauses stammt von Dries Van Noten. An der Schuttershofstraat glänzt ein Edelstahlzylinder mit rundum laufender Lamellenverkleidung. Die Großskulptur mit dem Titel „Blinds“ stammt von Martin Margiela und spielt mit der Neugier der Passanten, die wissen wollen, was sich hinter den Lamellen verbirgt. Nichts aber beweist die tiefe Verankerung der Modeszene in der Hafenstadt mehr als die Zusammenarbeit der „Antwerp Six“ und anderer belgischer Modedesigner mit Julius Persoone. Der Shootingstar unter Belgiens Chocolatiers, 2023 vom Gault & Millau zum „Chocolatier des Jahres“ ausgerufen, hat im selben Jahr die „MoMu Chocolate Collection“ herausgebracht. Für jede einzelne der zwölf Pralinen lieferte eine von einem Antwerpener Modedesigner entworfene Silhouette die Inspiration. Dries Van Noten wählte ein leuchtend buntes Ensemble aus seiner indischen Periode im Sommer 2020, für das Persoone eine ebenso leuchtend bunte Praline mit Aromen von Kardamon, Kokosnuss, Kaffirlimette und Kosho-Würze schuf. Walter Van Beirendonck griff auf seine Winterkollektion „Wonderland“ von 1996 zurück. Inspiriert von Van Beirendoncks Mütze lässt Persoone aus der Praline einen Tentakel wachsen, dessen Füllung Aromen von fermentiertem Tintenfisch, Karamell und Kirschblüten vereint. Wer hineinbeißt, weiß, dass Antwerpener Mode schon immer etwas für den besonderen Geschmack war. Informationen: Die Ausstellung „The Antwerp Six“ im Modemuseum MoMu (Nationalestraat 28, www.momu.be) ist noch bis zum 17. Januar 2027 dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Allgemeine touristische Auskünfte unter www.visit.antwerpen.be.