Vor 60 Jahren war München in Deutschland noch konkurrenzlos. Im Oktober 1965 sprach der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOC) bei Hans-Jochen Vogel vor, damals Oberbürgermeister der bayerischen Hauptstadt. München solle sich beim Internationalen Olympischen Komitee für die Olympischen Spiele bewerben, schlug Willi Daume vor. Vogel, der die erfolgreiche Bewerbung Münchens für Olympia 1972 später in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift „Der Spiegel“ schilderte, schrieb, er sei „sprachlos“ gewesen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren erst 20 Jahre vergangen, München war im Nationalsozialismus die „Hauptstadt der Bewegung“ gewesen, das KZ Dachau lag vor den Toren. Dass sich die Stadt für die Olympischen Spiele bewerben könnte, erschien nicht nur Vogel ein gewagtes Unterfangen zu sein. Hinzu kam, dass München keine geeigneten Sportstätten vorweisen konnte. Aber auch diesen Einwand Vogels wischte Daume vom Tisch. Das IOC bevorzuge ohnehin neue Sportstätten. Die heikle Frage einer DDR-Mannschaft Die Sache hatte auch noch einen deutschlandpolitischen Haken: Die gesamtdeutsche Mannschaft war 1964 nach den Olympischen Sommerspielen in Tokio aufgelöst worden. Die DDR strebte danach, mit einer eigenen Mannschaft samt Hammer-und-Zirkel-Flagge und Hymne anzutreten. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unterstützte das und forderte eine schriftliche Erklärung, dass in München alle Nationalmannschaften mit ihren Symbolen antreten dürfen. Eine solche Zusage konnte die Bundesregierung aber kaum machen, ohne ihren Alleinvertretungsanspruch preiszugeben. Auch die Drohung, die diplomatischen Beziehungen zu allen Staaten abzubrechen, welche die DDR anerkennen, die sogenannte Hallstein-Doktrin, würde unglaubwürdig werden. Vogel fand das entsprechende Schreiben vom Kanzleramt „wenig hilfreich“: Es bekräftigte den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik. Der Münchner Oberbürgermeister behalf sich mit einer früheren Erklärung des Innenministers Paul Lücke (CDU), die „undeutlich deutlich genug“ gewesen sei. Das IOC erhielt diesen Text unter Weglassung des Datums in englischer Übersetzung – und drückte ein Auge zu. Zweifel im Kanzleramt Schon das Kanzleramt ins Boot zu holen, war nicht ganz einfach gewesen, nachdem Vogel Daume zugesagt hatte. Im November 1965 trug der SPD-Politiker gemeinsam mit Daume und dem bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU) dem Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) den Bewerbungsplan vor. Der Chef des Kanzleramtes und Minister für besondere Aufgaben, Ludger Westrick, habe Erhard dauernd am Ärmel gezupft und gesagt: Das werde zu teuer, „das sollten wir nicht machen“. Aber Erhard habe schließlich gesagt: „Wir müssen den Menschen auch einmal eine fröhliche Botschaft geben!“ Vogel war sich der deutschlandpolitischen Sprengkraft der Bewerbung bewusst. Zudem stand eine Bewerbung Berlins „einen Moment“ lang im Raum. Daher hatte Vogel zuvor schon den Regierenden Bürgermeister von Berlin aufgesucht, seinen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Brandt habe ihm versichert, die Frage der DDR-Flagge und -Hymne werde bis 1972 keine Frage mehr sein. Damit sollte der spätere Bundeskanzler recht behalten, die Hallstein-Doktrin war 1972 Geschichte. Nicht zuletzt Brandt selbst hatte dafür gesorgt. Eine hilfreiche Ente Um während des Kalten Kriegs Stimmen aus dem Lager der Ostblockstaaten und der blockfreien Staaten zu gewinnen, mag zudem eine nicht ganz akkurate Berichterstattung in Italien eine hilfreiche Rolle gespielt haben. Die Entscheidung des IOC fiel im April 1966 in Rom, die Zeitungen des Landes gehörten zur regelmäßigen Lektüre der IOC-Mitglieder. Vogel und seine Leute streuten daher unter Journalisten die Tatsache, dass die Vizebürgermeisterin von Leningrad vor Kurzem in München gewesen war. Das bauschte die italienische Presse zu einer Städtepartnerschaft auf. Das war zwar falsch, aber ganz im Sinne Münchens. Der sowjetischen Delegation sei diese „Zeitungsente“ nicht aufgefallen, so Vogel. Er schließt nicht aus, dass sie ihre Wirkung auf das IOC gehabt habe. Ihre Wirkung getan haben dürfte wohl auch die deutsche Scheckbuchdiplomatie. Bundespräsident Heinrich Lübke besuchte im Februar und März 1966 Kenia, Madagaskar, Mali, Togo, Kamerun und Marokko. Auf seiner Reise warb er um deren Unterstützung. Eine großzügige deutsche Entwicklungshilfe flankierte die Bemühungen. Marokko wurden beispielsweise 194 Millionen DM in Aussicht gestellt. 1972 ist nicht 1936 Vogel selbst legte sich im April 1966 vor dem IOC in Rom in einer sechsminütigen Rede für München ins Zeug. Er versuchte er die IOC-Mitglieder davon zu überzeugen, dass das olympische München von 1972 nicht mehr das braune München vor 1945 sein werde. Er verwies auf die Demographie. 1972 würden zwei Fünftel der Münchner Bevölkerung jünger als 30 sein, rechnete Vogel vor. Dass er selbst erst 39 Jahre alt war, dürfte ebenfalls förderlich gewesen sein. Was letztlich den Ausschlag gab, ist kaum zu sagen. München erhielt am 26. April 1966 den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1972. Vogel durfte sie nicht mehr als Oberbürgermeister begleiten, er war kurz zuvor in die Bundesregierung unter Brandt eingetreten. Die Münchener Spiele galten zunächst als großer Erfolg, die „heiteren Spiele“. Bis zum Überfall einer palästinensischen Terrororganisation auf die israelische Delegation und dem tragischen Ausgang der Geiselnahme mit zwölf Todesopfern.
