Ähnlich üppig, wie Deutschland an respektablen Kleinstaaterei-Schlossmuseen und Kunstkammern ist, so reich ist es auch an Unternehmersammlungen. Eine der erstaunlichsten hat das Ehepaar Schaufler in Sindelfingen über drei Jahrzehnte hinweg zusammengetragen. 3000 überwiegend abstrakte Werke von Donald Judd bis Keith Sonnier, von Anish Kapoor bis Frank Stella umfasst die Sammlung in den einstigen Werkhallen und überrascht zugleich immer wieder mit sorgfältig kuratierten Sonderausstellungen wie nun mit „Anatomie der Präsenz“ dreier brasilianischer Künstler. Ha noi :Brasilien in Baden-Württemberg? Doch der brasilianische Schwerpunkt klärt sich schnell biographisch: Seine gefühlt glücklichste Zeit hatte das Unternehmerpaar in den Siebzigern in São Paulo, wo es den Standort seiner Firma leitete und für die dortige Kunst und ihre weit über jedes Klischee hinaus ungewöhnliche Lebendigkeit und auch Widersprüchlichkeit Feuer fing. Warmes Sonnenaufgangsgold Und so wird man schon im und durch den Eingang wie in einen Mahlstrom der Emotionen in die Ausstellung hineingezogen. Nichts emotional Aufgeladeneres gibt es in der Kunst als Farbe und bestimmte Kombinationen, weshalb Lucia Koch, deren Kunst grundsätzlich um deren Kernelemente Farbe und Licht kreist, den Besucher schon am Eingang mit einem glühenden Kupferton auf den Glastüren empfängt, im Windfang mit „brasilianischen“ Farben von einem warmen Sonnenaufgangsgoldton über Grünblau bis zu einem tiefen Nachtblau des Alls fortsetzt – wohl bei wenigen Ländern der Erde dürften die Farben der Flagge derart treffend das Land und den Einfluss der Sonne repräsentieren. Ihren Museumsbesucherempfang nur mittels fein abgestufter emotionsgeladener Tonalität nennt Koch folgerichtig und nicht übertrieben „Atmosphere Box“. „Atmosphäre“ ist eng an Präsenz und Aura gekoppelt, insofern wird dem nebulösen und seit Jahrzehnten zusammen mit der noch ominöseren „Repräsentanz“ diskutierten Begriff hier gleich zu Beginn Leben eingehaucht und seine „Anatomie“ untersucht. Was auch bedeutet, dass der Präsenz in der Schau in Zeiten digitaler Immaterialität durchgängig etwas Körperliches zugesprochen wird. Wie Käpt’n Ahab Moby Dick, so seziert man die Form dieses Ungetüms Der größte und beinahe stützenfreie Ausstellungssaal des Privatmuseums, die ehemalige Shedhalle der Firma, füllt fast zur Gänze eine gigantische Holzskulptur Henrique Oliveiras. Es handelt sich dabei nicht um eine schlicht überlebensgroße Skulptur – vielmehr hat sie die Ausmaße eines gestrandeten Pottwals und füllt beinahe die gesamte Halle. Auch hier wird der Ausstellungstitel wörtlich genommen, weil jeder Betrachter diesen wuchtig präsenten „Gegen-Stand“ auf seine Gestalt hin seziert. Was liegt mit dieser Matrjoschka der Form eigentlich vor uns? Da an der linken Seite des begehbaren Gebildes meterlang ein Schwanz herausragt, könnte man anfangs auch an eine riesenhafte liegende Katze wie in „Alice in Wonderland“ denken, doch wachsen aus dem amorphen „Ding“ mehrere zwiebelhafte Knollen, die eher nicht wie frisch geworfene Kätzchenknäuel wirken. Für ein pflanzliches Ungetüm spräche wiederum die Oberfläche, die aus Hunderten von Sperrholzpaneelen alter und wiederverwendeter Tapumes-Zäune und Favela-Bauten in den witterungsbedingt unterschiedlichsten Färbungen und Maserungen zusammengefügt ist. Mit allen denkbaren Tönen vom zarten Altrosa des brasilianischen Rosenholzes bis hin zu allerlei dunklen Schattierungen der Hölzer ist erst einmal der Sehsinn gut beschäftigt. Doch der Geruchssinn folgt auf dem Fuß: Nach all den Jahren verströmen die Hölzer noch immer ihr unverwechselbares Naturaroma. Zwei der Höhlenausgänge hat Oliveira zusätzlich mit Holzkohle bearbeitet und rußschwarz abgeflammt, sodass der (ideale) Kreislauf vom Wachsen der buntfarbigen Bäume über ihre Verarbeitung und Wiederverwendung als Bauholz in den Favelas bis hin zur Düngerwerdung durch Verbrennung zu nährstoffreicher Asche allein schon über die Sinne überdeutlich wird. Um jegliche Öko-Plattitüde zu vermeiden, wächst daneben ein mächtiger Baum, abermals aus einem Pasticcio Hunderter von Altholzlamellen wie mit geschälter Rinde zusammengesetzt, durch den grauen Betonboden, als hätte sich ein Samen stark wie Löwenzahn den Weg durch den Zement gebahnt. Ein ehemaliges Hochregallager wird zum Guggenheim aus Licht Dringt man dann noch wagemutig in den Bauch des hölzernen Wals vor, stößt man wie ein verschluckter Pinocchio auf das aufgesockelte Unendlichkeitssymbol einer perfekt geschwungenen liegenden Acht, die ebenfalls aus Holz gewachsen zu sein scheint. In Wahrheit besteht das Symbol aus täuschend echt bemaltem Pappmaché. Verschluckt wird man auch durch die platonischen Farbhöhlen von Lucia Koch im viergeschossigen Hochregallager nebenan. Die sich an den Wänden entlangziehenden vier Rampenemporen wirken wie die in eckige Form gebrachte ikonische Treppenspirale des Guggenheim in New York. Erneut erscheinen auf jedem der vier Stockwerke die subtil abgestuften emotionsgeladenen Tonalitäten im Loop, sodass sich ebenso viele turrellhafte Farbräume von Gelbpink über vielschichtige Grüntöne hin zu Orange überlagern und wiederholen, unterteilt nur von den weiß getünchten Emporengeländern dazwischen. Einerseits wirken die Wände so wie gänzlich bedeckt mit immateriellen Farbfeldmalereien, die einen nicht geringen Teil des Sammlungsbestands ausmachen. Dass die immer wieder variierten und vibrierenden Farbfelder Sentiment auslösen, weil jedes bestimmte Kombinationen mit unterschiedlichsten Gefühlen und durchaus auch Ablehnung assoziiert, verstärkt sich vor der mehr als zehn Meter hohen Stirnwand dieser Galerie der tanzenden Farben. Auf diese werfen vier TV-„Scroller“ wie altertümlich klackernde Diaprojektoren ihre wechselnden Farbskalen an die weiße Wand. Das Klackern beim Übergang der Farben, in dem – merkwürdige Physik – ein dazwischentretender Mensch übrigens keinen Schatten wirft, wirkt wie Geplapper und Schuhgeklappere von Menschen. Nicht nur der Werktitel „Gang of Four“ für die Apparate verrät, dass Koch diese als Personen begreift. Für sie besitzen Farben definierte Körper und damit auch eine Anatomie, die nach dem Vorbild des brasilianischen Farb- und Fototheoretikers Vilém Flusser auch zu examinieren ist. Der dritte nicht minder ausladende Saal ist Vivian Caccuri gewidmet. Sie füllt ihn mit drei großen Installationen, vor allem aber erneut mit Atmosphäre, Präsenz – und dumpfen Tönen, da für sie Musik seit jeher als alle verbindendes Medium das Wichtigste war. Lautsprecher mit Oszillatoren in der Saalmitte entsenden die an Herzschläge erinnernden Klänge, die den sonst unsichtbaren Strom aus der Steckdose hör- und über die in die Magengrube geschickten Basstöne auch spürbar werden lassen. Sichtbar machen ihn wiederum Dutzende mächtiger, aus ockerfarbenem Eisenoxid gegossener Verstärkerboxen zu den Seiten, vor denen jeweils echte Kerzen stehen, deren Flammen mit jedem Bassschlag erzittern. Die Elektrizität aber für diese leibrhythmische Tieftönerei wird über rohrdicke Kabelstränge vom zentralen Lautsprecher verteilt, die sofort an die Kabelbäume in lateinamerikanischen Städten erinnern, wo gewissermaßen leviathanisch viele Familien vom Hauptstrang der „Regierung“ abzweigen, was sie brauchen. Zwei tennisfeldgroße Tapisserien hängen vertikal von der Decke und krönen den vielsinnigen Rundlauf. Caccuri nennt die zart schwebenden Textilien „Ash Fossil“, weil sie den transparenten Stoff von Moskitonetzen mit diesmal rotem Eisenoxid einreibt und dadurch wie aus der Luft gesehene gerodete Amazonaslandschaften kreiert, deren lehmroter Erdboden wie eine Wunde freiliegt. Wegen der notenartigen Verdichtungen der roten Mineralflecken bezeichnet sie die Komposition als „eingebrannte Klänge“. Selbst in diese lichtdurchlässigen Wandteppiche bringt sie somit eine musikalische Dimension ein, weil sie die rot eingeriebenen textilen Seiten in der Mitte von einer Art mäanderndem „Fluss aus Nichts“ unterbrechen lässt, den sie jedoch durch notenlinienförmige leichte Wellen auch wieder verknüpft. Man hört, sieht und spürt also gleichermaßen bei Caccuri, weil die Seh- und Hörreize so stark sind wie der Geruch der abbrennenden Kerzen. Vielleicht braucht es genau diese brasilianisch-direkten, jedenfalls nicht theoretischen Zugänge zur „Präsenz“, um dem ungreifbaren Phänomen auf die Spur zu kommen. Anatomie der Präsenz. Vivian Caccuri. Lucia Koch. Henrique Oliveira. Schauwerk Sindelfingen; bis zum 18. Juli 2027. Kein Katalog.
