FAZ 18.08.2026
17:35 Uhr

DSRB: Die neue deutsche Innovationswelle finanzieren


Die neue Verteidigungsbank DSRB könnte die Lücken in der Kapitalversorgung von Start-ups und KMU schließen. Warum Deutschland sie mitgestalten sollte.

DSRB: Die neue deutsche Innovationswelle finanzieren

Drohnen, die über der Ukraine aufklären, kommen aus Deutschland: Quantum Systems baut sie. Genau wie Helsing, Tytan Technologies, Stark Defence und Hypersonica steht das Unternehmen für eine neue Innovationswelle deutsch-europäischer Verteidigungs- und Sicherheitsunternehmen. Wer die Merkmale von Deep Tech kennt (wissenschaftliche Durchbrüche, Hardware-intensive Entwicklungszyklen, Bedarf an geduldigem Kapital), erkennt ein Wachstumspotential, das der deutsche Standort dringend braucht. Technologie entfaltet dieses Potential nicht allein. Jede kapitalintensive Branche, Verteidigung inklusive, benötigt Skalierungsfinanzierung. Genau hier stoßen Gründer auf Hindernisse: Das Drohnenabwehr-Start-up Tytan Technologies benötigte mehr als zwölf Monate, um ein Geschäftskonto zu eröffnen. Trotz 150-Millionen-Euro-Kreditpaket von EIB, Commerzbank, Deutscher Bank und KfW hatte Quantum Systems anfangs Schwierigkeiten, grundlegende Bankdienstleistungen zu nutzen. Risikokapital deckt Frühphasen ab Eine Analyse des NATO Innovation Fund unter den 75 größten europäischen Banken zeigt, dass enge ESG-Richtlinien dem Sektor weiter den Finanzierungszugang erschweren, der anderswo selbstverständlich ist. Zugleich erreichte europäisches Risikokapital für Verteidigung, Sicherheit und Resilienz 2025 mit rund 8,5 Milliarden US-Dollar einen Rekord. Warum also die Sorge um Bankkonten? Weil diese Hürden ein größeres Problem zeigen: Privates Kapital muss besser für öffentliche Kapazitäten genutzt und Verteidigungsausgaben in Investitionen und industrielles Wachstum übersetzt werden. 44 Prozent der kleinen und mittleren europäischen Verteidigungsunternehmen nennen den Finanzierungszugang schwierig. Für Deutschland bewerten laut KfW mehr als 40 Prozent der befragten KMU den Zugang zu Bankkrediten als restriktiv – ein Höchstwert seit 2017, der zeigt: Kapitalversorgung im Mittelstand bleibt mangelhaft. Risikokapital deckt Frühphasen ab. Öffentliche Beteiligungen, wie in der Start-up- & Scale-up-Strategie geplant, helfen, die Standortsouveränität zu sichern. Was nachfolgen müsste (Fremdfinanzierung zu niedrigen Zinssätzen und Garantien), fehlt jedoch oder ist mit enormen Reibungsverlusten verbunden. Drei Fehlannahmen Für Deutschland ist eine umfassende Kapitalversorgung unerlässlich. Keine andere Mittelmacht, ein Begriff aus der Davos-Rede von Mark Carney, kann Mittelstand und regionale Tech-Ökosysteme so gut verbinden: KMU, inklusive innovativer Start-ups, erwirtschaften rund 80 Prozent des Verteidigungs- und Sicherheitsumsatzes. Drei Fehlannahmen verschleiern den Blick darauf, warum der steigende Finanzierungsbedarf unserer Innovationswirtschaften nach wie vor nicht gedeckt ist. 1. Europas niedrigeres Risikokapitalvolumen führt zum Mangel an Spitzenunternehmen. Das ist falsch. Unseren Spitzenunternehmen mangelt es an Wachstumskapital, insbesondere Fremdfinanzierungen durch Banken. Auch mit neuen verteidigungskonformen ESG-Regeln verlangen Basel-Vorgaben viel Eigenkapital für riskante Kredite und hohe Sektorkonzentrationen. Gerade wenn mehr Kapazität gefragt ist, bleibt die kommerzielle Kreditvergabe an die Verteidigungsindustrie begrenzt. 2. Deutschlands Nachfragemaßnahmen wie Sondervermögen, Ausnahme von der Schuldenbremse oder EU SAFE genügen. Sie genügen nicht, weil sie die Angebotsseite ausblenden. KMU wie Komponentenhersteller profitieren nur indirekt von mehr Nachfrage oder der Finanzierung durch Primes. Reibungsverluste beim Mitteldurchfluss in tiefe Lieferketten sind hoch. Alle KMU müssen jedoch in Personal, Material und Kapazitäten vorinvestieren. Fehlt die Finanzierung, steigen Preise und Wachstumspotential bleibt ungenutzt. 3. Da sich Deutschland mit AAA-Rating zu besten Bedingungen an den Märkten refinanzieren kann, werden keine Maßnahmen zur Steigerung der Finanzströme benötigt. Das ist irreführend. Selbst in Ländern, wo staatliches Kapital günstig ist, bleiben Reibungsverluste, wenn Kosten steigen oder der effektive Kapazitätsaufbau trotz Nachfrage an zu teurem Privatkapital scheitert. Ausgabeneffizienz geht verloren, wovor auch die Bundesbank warnt. Unternehmer benötigen ein Finanzierungsökosystem, das genauso zeitgemäß und ambitioniert ist wie die Ingenieure und Innovatoren, die ihre Ideen umsetzen. Eine Lösung eröffnet die auf dem NATO-Gipfel angekündigte Defence, Security and Resilience Bank (DSRB), eine multilaterale Bank im Besitz von Mittelmächten für den Mittelstand. Die von Mark Carney sowie acht NATO-Staaten und der Ukraine vorangetriebene Initiative, die unter anderem von Wolfgang Ischinger und der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie im Bankensektor befürwortet wird, könnte die Lücken der Kapitalversorgung schließen. Mit eigenem AAA-Rating wird die DSRB Ausfallrisiken bei Krediten absichern und Zinskosten dämpfen. Nach Basel-Regeln kann ihr Sicherungsrahmen das Kreditrisiko mindern, sodass Eigenkapitalanforderungen von Hausbanken stark sinken. Kapital lässt sich dabei im großen Umfang hebeln, ohne nationale Haushalte zu belasten. Zugleich kann sie Laufzeiten an lange Beschaffungszyklen anpassen und ein Signal senden, das kein nationales Instrument allein vermag: Der europäische und alliierte Markt ist institutionell abgesichert. Deutschlands Interesse, diese Institution mitzugestalten, ist keine Frage der Bündnisrhetorik, sondern wirtschaftlicher Vernunft. Das deutsche Innovationsökosystem bringt mit Isar Aerospace, ARX Robotics, Proxima Fusion und Planqc Unternehmen von Weltrang hervor. Zum Wachsen werden sie Kapital und günstige Fremdfinanzierung brauchen. Da das Mandat der DSRB KMU und Start-ups forciert, wäre Deutschland hier kein Geberland. Der Grund sind Spillover-Effekte: Deutschland würde direkt von privater Finanzierung und indirekt von zinsgünstigen Krediten an Mitgliedsländer profitieren, deren Aufträge exklusiv an DSRB-Mitglieder vergeben werden. Für eine Einlage von einer Milliarde Euro beziffert das Centre for Economic Security den möglichen Investitionsertrag auf 8:1 nach fünf und 16:1 nach zehn Jahren. Die konkrete Höhe hängt von Regeln ab, die Gründungsstaaten festlegen. Nicht nur das spräche für eine deutsche Führungsrolle mit Kanada und womöglich Großbritannien. Neben der Besetzung von Spitzenpersonal oder Gründungspräsidentschaft, würde Deutschlands Erfahrung in multilateralen Organisationen helfen, kluge Governance und operative Standards zum sektoralen Bilanzschlüssel, Interoperabilität und Finanzierungsobergrenzen je Mitglied zu sichern. Auch ließen sich die Prioritäten der Bank an den Stärken der europäischen Innovationsbasis ausrichten. Als Katalysator für den innovativen Mittelstand wird die DSRB eine Koalition von Mittelmächten von Europa bis Kanada stärken und die nächste Generation dringend benötigter Verteidigungs-, Sicherheits- und Resilienzfähigkeiten aufbauen – zum Schutz unserer Demokratien und zur Stärkung unserer Wirtschaft. KMU und Start-ups schaffen heute die Infrastruktur für Freiheit und Wohlstand von morgen. Geben wir ihnen die Werkzeuge und das finanzielle Ökosystem, die Arbeit zu vollenden.