FAZ 05.10.2026
15:41 Uhr

Deutsche Springreiter: Was Otto Becker Jürgen Klopp voraus hat


Auch beim Abschluss der Freiluft-Saison siegen die deutschen Springreiter. Dabei überzeugen nicht nur die Spitzenpaare den Bundestrainer. Der kann sich auf seine feine Hand verlassen – und wird belohnt.

Deutsche Springreiter: Was Otto Becker Jürgen Klopp voraus hat

Eine feine Hand ist im Springreiten so wichtig wie ein gefühlvoller Fuß beim Kicken. Wo der Reiter sein Pferd mit sanfter Zügelhilfe in passender Distanz zum Hindernis leitet, kann der Spieler dem Ball besonderen Effet verleihen. Schon zu seiner aktiven Zeit hatte Otto Becker, bekennender Fußballfan, ein Händchen für Pferde, mit denen er zahlreiche Medaillen sammelte. Als Bundestrainer bewies der gebürtige Franke in diesem Jahr eine ebenso feine Hand, wenn er seine Reiter für die besonders wichtigen Turniere auswählte. Bei der Nominierung des Quartetts für die Weltmeisterschaft in Aachen verzichtete er im Sommer überraschend auf das Olympiasieger-Paar Christian Kukuk und Checker. „Der Druck nach dieser Entscheidung war immens“, sagt Becker rückblickend. Doch seine Nominierten zahlten das Vertrauen zurück und gewannen überlegen die Goldmedaille. 2009 wurde der heute Siebenundsechzigjährige Bundestrainer der Springreit-Equipe. In dieser Zeit hat er viele besondere und erfolgreiche Jahre erlebt, nun wohl das herausragendste. Am Sonntagabend gewann sein Team den traditionsreichen Abschluss der europäischen Freiluft-Saison, das Nationenpreisfinale im Olympia-Reitstadion von Barcelona. Nicht ganz so überlegen wie den WM-Titel, ein Stechen musste über den Sieg entscheiden. Richard Vogel, der Europameister und seit September Weltranglistenerster, verwandelte mit seinem Hengst Cloudio den Matchball. Es war sein zweiter – im vorangegangenen Parcours hatte ein Fehler des Paares eine frühere Entscheidung vereitelt. Bereits nach dem ersten Umlauf führte das Quartett um Marcus Ehning mit Coolio, Jörne Sprehe mit Toys, Sophie Hinners mit My Prins und Vogel mit Cloudio das Klassement an. Brasilien lauerte mit vier Strafpunkten dahinter. „Eine lebende Legende im Sattel“ Nur ein fehlerfreier Ritt Vogels im zweiten Umlauf hätte den direkten Sieg besiegelt – doch eine Stange fiel. Mit jeweils einem Abwurf gingen Deutschland und Brasilien ins Stechen. Vogel konnte den Ritt seines Konkurrenten, des Olympiasiegers von 2004, Rodrigo Pessoa, noch beobachten, bevor er selbst an der Reihe war. „Rodrigo ist eine lebende Legende im Sattel“, sagte er später. „Leider hatte er das Pech, dass am ersten Hindernis gleich eine Stange fiel. Das hat mir die Aufgabe etwas leichter gemacht. Aber der Druck war trotzdem groß genug.“ Am letzten Hindernis berührten Cloudios Hufe eine Stange, es klapperte, doch sie blieb liegen, und der Hengst brachte die Runde souverän ins Ziel. Eine Prise Patriotismus Für den Bundestrainer haben die Nationenpreise stets einen hohen Stellenwert, sie sind das, was die Nations-League-Partien für Jürgen Klopp sind: eine wichtige Standortbestimmung, eine Möglichkeit für den Coach, seine Athleten im Vergleich mit anderen Nationen zu sehen, junge Talente an größere Aufgaben heranzuführen, Belastbarkeit und Nervenstärke zu testen. Becker streut, wie sein Fußball-Pendant, stets eine Prise Patriotismus ein, sieht es als Privileg, das rote Mannschaftsjackett überstreifen und für Deutschland starten zu dürfen. „Das Nationenpreisfinale in Barcelona ist für alle jedes Mal etwas ganz Besonderes, das spürte man auch jetzt wieder bei der Konkurrenz“, sagte Becker. „Es war spannend bis zum Schluss und für uns ein toller Abschluss der Sommersaison.“ Pferde mit Potenzial Lediglich Marcus Ehning war mit seinem Spitzenpferd Coolio angetreten, mit dem er schon in Aachen zum WM-Quartett gehörte. Sophie Hinners und Richard Vogel verzichteten auf ihre Goldpferde Singclair und United Touch – eine Art Belastungssteuerung. So fehlte auch Daniel Deußer, der in Aachen mit Otello noch bester Deutscher im Einzel geworden war. An seiner Stelle rückte Jörne Sprehe mit dem Hengst Toys ins Team, ein vielversprechendes Paar aus dem Perspektivkader. Die beiden qualifizierten sich mit sehr guten Vorleistungen für diesen Einsatz, gehörten schon vor wenigen Wochen in Calgary zum siegreichen deutschen Team. „Jörne hatte sich ihren Platz in Barcelona über die ganze Saison hinweg verdient“, erklärte Becker, „und sie hat das Vertrauen zurückgezahlt.“ Für das Vertrauen in seine Reiter und Pferde, auch das ist für den Bundestrainer eine Erkenntnis, wurde er in dieser besonderen Saison immer wieder belohnt: „Ich habe stets das für mich beste Team ausgewählt und dem Springausschuss zur Nominierung vorgeschlagen“, sagt er. „Alle wussten, wann es drauf ankommt, und haben sehr gut mitgezogen.“ Nicht nur seine Spitzenpaare haben ihn überzeugt, sondern auch die dahinter lauernden. In diesem Punkt ist Becker Jürgen Klopp längst einen Schritt voraus: Er kann auf sein Händchen vertrauen, wenn der Erwartungsdruck wieder steigt.