FAZ 25.09.2026
13:21 Uhr

Deutschland in zehn Jahren: Gesünder leben muss in Deutschland leichter werden!


Wie soll unser Land in zehn Jahren aussehen? Das hat das Zukunftsmagazin Frankfurter Allgemeine Quarterly kluge Köpfe im ganzen Land gefragt. Heute: Medizinethikerin Alena Buyx darüber, wie das Gesundheitssystem besser wird.

Deutschland in zehn Jahren: Gesünder leben muss in Deutschland leichter werden!

In den nächsten zehn Jahren kommt es darauf an, all das Gesundheitswissen in die Praxis zu tragen. Denn wir wissen schon unglaublich viel darüber, wie man möglichst lange gesund bleibt, und auch, wie wir Krankheiten beeinflussen können. Das teuerste Gesundheitssystem der Welt, aber nicht das beste Ich war zum Beispiel gerade an der Sporthochschule in Köln: Da wird erforscht, wie man durch Muskeltraining den Verlauf von Krebs verlangsamen kann. Das hat vielleicht sogar bei metastasiertem Brustkrebs einen Effekt. Wahnsinn! Bislang haben wir in Deutschland das teuerste Gesundheitssystem von Europa. Doch was die Sterblichkeit und die Erkrankungsraten angeht, liegen wir nur im Mittelfeld. Das muss sich ändern. In zehn Jahren haben wir hoffentlich Prävention priorisiert, zum Beispiel durch Veränderungen im Abrechnungssystem. Dann könnten Ärzte und Fachkräfte sich mehr Zeit nehmen, um Menschen bei der gesunden Lebensführung zu unterstützen. Die wäre dann ähnlich wichtig wie Medikamente. Es muss sich auch die Umgebungswelt ändern. Gesunde Entscheidungen zu treffen, sollte leichter werden, zum Beispiel beim Thema Ernährung. In Deutschland ist man sehr zurückhaltend mit politischen Regelungen, etwa wenn es darum geht, Essen in Schulen oder anderen gemeinschaftlichen Orten gesünder zu gestalten, Werbung für Süßigkeiten zu verbieten oder eine Zuckersteuer einzuführen. Dabei haben das viele Länder längst erfolgreich gemacht, die empirische Basis ist super. Wie Sozialleben und Gesundheit zusammenhängen Longevity finden im Moment alle sexy. Dabei geht es darum, wie man die gesunden Lebensjahre verlängern kann – also letztlich wieder um Prävention. Das letzte Lebensdrittel wird in Zukunft hoffentlich nicht mehr nur eine Zeit sein, in der man multiple Krankheiten verwaltet. Dass viele Menschen 80, 90 oder 100 Jahre alt werden können, ist ein Geschenk. Aber man muss es gut gestalten. Die Forschung zeigt, wie viel wir selbst in der Hand haben. Das hat etwas Ermutigendes, finde ich: Man kann auch noch mit 85 durch angemessenes Krafttraining seine Lebensqualität verbessern und sein Leben verlängern. Für die Gesundheit zählen aber nicht nur Ernährung und Bewegung. Zum Beispiel ist es wichtig, Beziehungen zu pflegen oder einen Sinn im Leben zu haben. Dass man ein bisschen gebraucht wird, etwas für andere tut. Das kann vor Krankheiten schützen. Eigentlich klar: Zum Beispiel isst man langsamer und weniger, wenn man mit anderen gemeinsam Mahlzeiten einnimmt. Und wenn man über seine Sorgen sprechen kann, reduziert das Stress. Das wiederum lindert Entzündungsvorgänge. Alles hängt miteinander zusammen – das sollten wir den Menschen besser klarmachen. Viele Länder haben zum Beispiel Schulfächer, wo es um eine gesunde Lebensführung geht. Dazu gehören auch Fragen wie: Wie verhalte ich mich in Konflikten? Wie gehe ich mit Stress um? Die Potentiale und Risiken von Künstlicher Intelligenz in der Medizin Ich glaube, dass es in Zukunft auch viel KI-basierte Unterstützung beim Thema Gesundheit geben wird. KI wird in der Medizin wahnsinnig viel verändern. Darauf sind wir angewiesen – in den nächsten Jahren geht ein Drittel der medizinischen Fachkräfte in Rente. Die kann man nicht alle ersetzen. Ich erhoffe mir viele Verbesserungen, vor allem was administrative Unterstützung angeht, da gibt es schon ganz tolle Anwendungen. Ärzte und Pflegekräfte werden dann wieder mehr von ihren Bildschirmen aufblicken können und mehr Zeit für ihre Patienten haben. Derzeit tüfteln Start-ups und Forscher auch schon an KI-Agenten, die einen gesundheitlich sehr personalisiert beraten können – und vieles mehr in Diagnose, Therapie und Forschung ist in der Entwicklung. Natürlich muss man den Einsatz von KI in der Medizin sorgfältig gestalten. Dazu hat der deutsche Ethikrat eine Stellungnahme veröffentlicht. Künstliche Intelligenz soll menschliche Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten erweitern und sie nicht verringern. Werden Ärzte durch KI schlechter? Risiken müssen abgewogen werden: Fehlerquoten, wie wir sie bislang bei den Sprachmodellen sehen, sind in der Medizin nicht akzeptabel, ChatGPT wird aktuell deswegen verklagt. Und der Mensch darf nicht ersetzt werden. Es zeigt sich schon jetzt, dass Ärztinnen und Ärzte, die KI nutzen, zum Teil ein bisschen schlechter werden. Das überrascht nicht, wenn sie sich die Dia­gnostik oder Therapie regelmäßig von der KI vorschlagen lassen, da fehlt das kontinuierliche Training. Junge Medizinerinnen und Mediziner müssen in Zukunft überhaupt erst das Wissen und die Erfahrung kriegen, einschätzen zu können, ob der Vorschlag einer KI gut ist. Aber ich bin da zuversichtlich. In der Medizin haben wir es immer geschafft, neue Technologien hereinzulassen. Heute wird man beim Arzt auch nicht mehr mit dem Hörrohr untersucht. Alena Buyx ist Medizin­ethikerin und Professorin an der Technischen Universität München. Sie war Vorsitzende des deutschen Ethikrates. Autorin des Bestsellers: „Leben und Sterben: Die großen Fragen ethisch entscheiden“ (S. Fischer) Am Montag: Teil 11 der Reihe mit Erik Podzuweit.