Als ich am 18. Juni die Sendung „mediasres“ im Deutschlandfunk hörte, musste ich erst einmal rechts heranfahren. Zu tief saß der Schock über das, was Intendant Stefan Raue so nebenbei im Nachmittagsprogramm begründete, als wäre es schon lange allen Hörern bekannt: Das Programmschema des Radiosenders soll zum 30. November grundstürzend reformiert werden. Ein Herzstück der bisherigen Struktur, die halbstündigen Fachmagazine zu Religion, Europa, Umwelt, Literatur, Naturwissenschaften, Wirtschaft und Medien fallen weg; stattdessen sollen die Mitmachsendungen verlängert und täglich drei halbstündige „Hintergründe“ im Podcast-Stil einer monothematischen Leitfrage nachgehen. Medialer Grundpfeiler der Demokratie Ich sah spontan einen der medialen Grundpfeiler unserer Demokratie bedroht. Als fast einzigem bundesweit empfangbarem Radiosender gelingt es dem Deutschlandfunk, mit einer überschaubaren Infrastruktur (das Deutschlandradio erhält für seine drei Programme zirka 2,9 Prozent des Rundfunkbeitrags) täglich rund 2,5 Millionen Hörer zu erreichen und sie mit verlässlichen Informationen über alle nur denkbaren Lebensbereiche zu versorgen. In einer zunehmend zersplitterten Öffentlichkeit trägt der Sender wesentlich dazu bei, dass die Menschen in ganz Deutschland wenigstens halbwegs von derselben Faktenbasis ausgehen, unterschiedliche politische Meinungen kritisch zur Kenntnis nehmen und Anregungen aus den unterschiedlichsten Wissens- und Kulturbereichen erhalten. Mir erschien es evident, dass der Weg zu einem Protest der Hörerschaft über eine Petition führen musste, die ich am Folgetag startete. Erste Presseartikel erschienen, unter anderem in der F.A.Z. Ich erfuhr, dass der Deutschlandfunk für den 2. Juli eine Pressekonferenz angesetzt hatte, um die Programmreform der Medienöffentlichkeit vorzustellen. Da die Petition inzwischen über 1000 Unterschriften trug, fragte ich bei der Pressestelle des Deutschlandradios um eine Teilnahme an. Am 29. Juli wurde mir diese mündlich zugesagt, aber kurz darauf schriftlich zurückgenommen: Der Termin sei nur für den engen Kreis der Medienpresse vorgesehen; stattdessen bot man mir ein zunächst halbstündig geplantes Telefongespräch mit Matthias Gierth an, dem Kulturchef beim DLF und immerhin, wie man mir mitteilte, einer der wesentlichen Protagonisten der Programmreform. Ich wollte das Gespräch als Vertreter der Petition führen und die Petenten anschließend über die Inhalte informieren. Stattdessen untersagte mir Gierth eine öffentliche Verwendung der Gesprächsinhalte. Die Pressekonferenz kann man übrigens inzwischen problemlos auf Youtube anschauen, wo sie der Podcast „Medienhölle“ online gestellt hat. Moderatoren heißen jetzt „Hosts“ Dieses Vorgehen reiht sich nahtlos in das insgesamt beklagenswerte Bild der Öffentlichkeitsarbeit des Deutschlandfunks zur Programmreform ein. Die Leitung scheut eine Auseinandersetzung mit der Reform im eigenen Radioprogramm und hat es nur wenige Male kurz zum Thema im Medienfachmagazin gemacht. Eine so grundstürzende Reform gehört aber in die Primetime (die „Informationen am Morgen“) und in die Sendungen mit Hörerbeteiligung, die der Deutschlandfunk doch angeblich so sehr stärken will. Auf meinen entsprechenden Vorschlag und meine Bereitschaft, als Petitionsvertreter in einer solchen Sendung aufzutreten, ist der Deutschlandfunk bisher nicht eingegangen. Stattdessen gab der Intendant Stefan Raue der „Berliner Zeitung“ ein am 17. August erschienenes Interview, das man in manchen Punkten mindestens als irreführend bezeichnen muss. So behauptete er, insgesamt würden nur „vielleicht vier Stunden des Tages“ verändert. Nach dem mir vorliegenden vorläufigen Programmschema ist aber der gesamte Wochentag betroffen. Die „Informationen am Morgen“ rücken eine Stunde nach hinten und werden um Programmslots für die Fachredaktionen angereichert, die ihre bisherigen Magazine verloren haben und nun um Sendezeit in der morgendlichen Fläche in den Wettbewerb treten. Es ist zu erwarten, dass das zu einer Verflachung der Fachinhalte führt, weil eine fachübergreifende Konkurrenz um Aufmerksamkeit selbstverständlich andere, weniger fachspezifische Themen durchkommen lassen wird, als wenn eine Fachredaktion wie „Umwelt und Verbraucher“ ihre Inhalte in 25 Minuten eigener Sendezeit organisiert. Für manche Fachredaktionen werden weitere einstündige Flächen wie „Kultur nach 2“ und „Wissen nach 3“ für weitere Sendezeit sorgen, aber auch hier stellt sich das Konkurrenzproblem, vielleicht etwa zwischen Opernthemen und Popmusik. Weiter behauptet Raue, die Fachredaktionen behielten eigene Sendeplätze: „Da gibt es keinen Wettbewerb.“ Was er damit vor allem meint, ist, dass die meisten Fachredaktionen künftig ein bis drei halbstündige „Hintergrund“-Sendungen pro Woche erhalten. Diese darf man nicht mit dem derzeitigen „Hintergrund“ um 18.40 Uhr verwechseln; sie sind vielmehr als Podcast angelegt und primär für die Verbreitung im Digitalen gedacht. Zukünftig soll ein „Host“ (statt des bisherigen Moderators) pro Sendung eine Leitfrage stellen, und wir dürfen als Hörerschaft dabei sein, wenn er sie in Kollegen- und Expertengesprächen und eher in Ausnahmefällen auch einmal mithilfe von gebauten Beiträgen beantwortet. Kein neutraler Moderator, sondern ein parteiischer „Host“ Hier präsentiert kein neutraler Autor ein verdichtetes Programm, das eine Thematik von allen Seiten beleuchtet. Vielmehr handelt es sich um personalisierten Journalismus, der nicht mehr auf die Botschaft vertraut, sondern meint, die jüngere Hörerschaft müsse persönlich zu einem sich als nahbar und authentisch gebenden „Host“ „relaten“. Als kürzlich im Podcast „Amerika verstehen“ der Host Philipp May und der Experte Volker Depkat (bei dem ich studiert habe) im nun üblichen Geplänkel-Teil der Show flapsig meinten, man habe ja keine Hörer mehr, sondern Fans, haben sie die Folgen dieses Journalismus direkt offengelegt. Der Preis ist, dass die Hörer zumindest in diesem Programmformat nur noch die Meinung eines einzelnen Star-Intellektuellen hören und zum Beispiel nicht erfahren, ob andere Historiker seine Meinung teilen, Trumps Regierung sei kein Faschismus. Und wenn der Host gehalten ist, künftig immer mehr von seiner Haltung und Persönlichkeit in die Sendung einzubringen, wird es immer schwerer werden, der zerstörerischen Kritik demokratiefeindlicher Parteien zu begegnen, wonach der Deutschlandfunk ohnehin ein linksgrünversifftes Medium sei. De facto bedeuten die neuen „Hintergründe“ einen erheblichen Verlust an eigenverantworteter wöchentlicher Sendezeit für die Fachredaktionen. Und auch wenn eine halbe Stunde Sendezeit für ein Thema sicherlich inhaltliche Tiefe mit sich bringt, wird das auf Kosten der thematischen Breite gehen, die mit zum Programmauftrag gehört: Themen, die zu lang für die kurzen Slots in den Flächen, aber zu kurz für einen halbstündigen „Hintergrund“ sind, werden es schwer haben. Die Verpodcastisierung des Programms Als Grund für diese Verpodcastisierung gilt die Altersstruktur der Hörerschaft. Ein Drittel sei über 70 Jahre alt, die Menschen unter 40 hörten kein Radio mehr. Dabei wird unterschlagen, dass der Sender in den letzten Jahren sogar an Hörern dazugewonnen hat und dass das Durchschnittsalter seit 2010 gleich geblieben ist: Die jungen Hörer finden also sehr wohl zum Radioprogramm. Eine kürzlich angestellte qualitative Studie des Deutschlandfunks hat ergeben, dass viele Hörer weder den Namen des Moderators noch der Sendung kennen; wichtiger sind ihnen die Inhalte und dass ihnen die Moderatoren kompetent erscheinen, was die Hörer dem Deutschlandfunk auch attestieren. Wie man aus so einer Studie eine Notwendigkeit zur Abschaffung der Fachmagazine ableiten kann, erscheint mir schleierhaft. Die Studie ist mir nur aus Gesprächen mit Mitarbeitern des Deutschlandfunks bekannt; der Deutschlandfunk legt sie nicht offen, auch wenn sie grundlegend für die Begründung der Programmreform ist. Aus den zahlreichen, sehr differenzierten Kommentaren zur Petition, deren Lektüre ich (auch den Programmverantwortlichen) nur empfehlen kann, wird jedenfalls deutlich: Die 2,5 Millionen Hörer schätzen den Deutschlandfunk, gerade weil er seinen bisherigen, fachorientierten und nüchternen Journalismus macht. Es droht ein Szenario, in dem der Deutschlandfunk durch die Reform bei Weitem mehr Hörer verliert, als neue gewinnt. Insgesamt ergibt sich außerdem der Eindruck eines massiven Sparprogramms. Das wird richtig deutlich, wenn man auf das Wochenendprogramm schaut. Herrliche Sendeformate wie das „Wochenendjournal“, „Bücher für junge Leser“, der „Sonntagsspaziergang“ oder die nachdenklichen „Zwischentöne“ fallen weg; die großartigen, aber teuren „Gesichter Europas“ werden auf die Hälfte gekürzt und tags darauf gleich wiederholt. Überhaupt ist das Wochenende künftig von Wiederholungen des vorherigen Programms geprägt, von „Wissen am Samstag“ mit Wiederholungen von unter der Woche bis zu den doppelt versendeten Beiträgen „Interview der Woche“ und „Köpfe“. Und wie stehen die Mitarbeiter des Senders zur Reform? Stefan Raue behauptet im Interview: „Natürlich gibt es Skeptiker, aber ein großer Teil der Mitarbeitenden unterstützt die Reform.“ Nach all den Gesprächen, die ich mit Mitarbeitern des Deutschlandfunks geführt habe, scheint mir: Das Gegenteil trifft zu. Es wird Zeit, dass im Programm des Deutschlandfunks unter Einbeziehung der Öffentlichkeit offen und wahrheitsgemäß diskutiert wird, was für die Zukunft des Senders geplant ist. Dabei müssten die festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von eventuellen Loyalitätspflichten gegenüber dem Arbeitgeber entbunden werden, um einen offenen, demokratischen Diskurs zu ermöglichen. Am Ende wird es vor allem Mut brauchen: Mut der Politik, von öffentlich-rechtlichen Sendern nicht kostenneutral eine zusätzliche Digitalisierung zu verlangen. Mut der Sendermitarbeiter, für den Erhalt des Markenkerns ihres Deutschlandfunks einzustehen, und Mut der Senderverantwortlichen, eine Reform zurückzuziehen, die eines der wichtigsten, weil demokratierelevanten Medien in Deutschland zerstören würde. Der Autor ist passionierter Hörer des Deutschlandfunks, Kunsthistoriker und Gymnasiallehrer und lebt in Berlin. Er hat eine Petition gegen die Programmreform des Deutschlandfunks gestartet, die inzwischen über 6.000 Menschen unterzeichnet haben.
