FAZ 28.09.2026
13:48 Uhr

Doris Dörries neuer Film: Die Zukunft heißt Pflegeroboter


Mit „Frau Winkler verlässt das Haus“ hat Doris Dörrie einen grandiosen Film über Altern, Sterben und Anton Tschechow gedreht. Angela Winkler bringt ihn in einer weiteren Altersrolle heiter und tragisch zum Leuchten.

Doris Dörries neuer Film: Die Zukunft heißt Pflegeroboter

Wie soll man leben, fragen sich die Figuren in Anton Tschechows Drama „Drei Schwestern“. Heute fragen wir uns eher: Wie soll man sterben? Für das Leben gibt es unzählige Ratgeber, für das Sterben wenige. Allerdings nicht, weil seltener gestorben wird als früher, sondern weil es kein schönes Thema ist. Es ist mutig, über solche Themen einen Spielfilm zu drehen, aber an Mut hat es Doris Dörrie noch nie gefehlt. „Frau Winkler verlässt das Haus“ ist nun ein weiteres Beispiel dafür. Der Film handelt vom Ende des Lebens – und ist dabei unterhaltsam, gewinnend und voll positiver Energie. Frau Winklers Pflegeroboter hört auf den Namen Pawlowitsch, den sie ihm gegeben hat, weil sie einst Schauspielerin war und bis heute Tschechow liebt, dessen zweiter Vorname eben Pawlowitsch lautet. Der österreichische Schauspieler und Tänzer Josef Ellers bewegt sich so mechanisch wie anrührend im Blechkostüm des Roboters und schenkt ihm, was Doris Dörrie unbedingt wollte, eine analoge Komponente als Seele im digitalen Gewand. Frau Winkler wird von Angela Winkler gespielt, die hier am Anfang mit Pumps und mindestens einem Glas Wodka intus auf einen Hocker steigt, um einen Vorhang zu richten, abstürzt und sich verletzt. Ab jetzt ist sie mehr oder weniger bettlägerig. Sie wohnt in einem Hamburger Vorort mit Einfamilienhäusern. Ihre Tochter Emi, auch Schauspielerin, kümmert sich um sie, bis ihre Proben zu „Drei Schwestern“ am Theater Lübeck beginnen. Für die Versorgung der Mutter mietet Emi einen Pflegeroboter. Anfangs entspannt das die Lage keineswegs: Frau Winkler zankt meistens mit der Maschine, die Maschine ist beleidigt, die Tochter weiß keinen Ausweg, die Mutter ist wütend, fühlt sich verlassen – und bezaubert alle gleich wieder mit Charme, Witz und Noblesse. Mädchenhafte Anmut Es scheint, als hätte Doris Dörrie ihre ganze Erzählkunst in dieses Drehbuch gesteckt, um den Film dem Publikum möglichst nahe zu bringen, ohne ihn vorhersehbar zu machen. Diese Herzensangelegenheit gelingt ihr unmittelbar und elegant. Erst legt die Tochter der Mutter Windeln an, dann tut es der Roboter. Erst wirkt Frau Winkler wie ein sieches Bündel, dann erinnert sie sich an bessere Jahre, hübscht sich auf, wird fröhlich und jung. Ihre Bewusstseinszustände wechseln so oft wie ihr gesundheitliches Befinden, die Zeiten fließen ineinander und auseinander. Doris Dörrie zeigt die komplexen Prozesse der Selbstermächtigung und Selbstauflösung mit traumhaft leichter Hand, mit feinen Schnitten und konzentriert-moderatem Tempo in den unaufgeregten Bildern der Kamerafrau Leah Striker. Da wird nichts weggeschummelt, aber auch nichts belehrend demonstriert. Ecce Homo, könnte man sagen, wenn man es sehr ernst meinen will, doch Dörrie mag es eher lustig. Mit Angela Winkler hat sie eine Schauspielerin gewonnen, die es liebt, der Tragik ungeschützt auf den Grund zu gehen und trotzdem gut gelaunt darüber zu lachen. Obschon 82 Jahre alt, hat sie sich ihre mädchenhafte Anmut und grazile Ungebundenheit bewahrt, mit der sie nun ihre Frau Winkler durch die letzte Lebensetappe trippeln, tänzeln, stolpern lässt. Da wird nichts weggeschummelt Freilich ist es nicht einfach mit dieser hellwachen Seniorin, die genau mitkriegt, wie die Kräfte und die Freiheit schwinden. So wird sie zur Kriegerin in eigener Sache, die unter dem Verfall ihres Körpers leidet und die der Schmerz über ihre Hinfälligkeit aggressiv macht. Die großartige Laura Tonke als zwischen Liebe und Überforderung zerrissene Tochter hat alle Hände voll zu tun. Behutsam, sensibel und bei aller Empathie unparteiisch schildert Doris Dörrie auch die Konflikte zwischen Mutter und Tochter. Es ist das Problem unserer Tage: Wie gehen die Kinder mit ihren alten Eltern um und, umgekehrt, was fordern die alten Eltern von ihren Kindern? Und welche offenen Rechnungen werden dabei verhandelt? Hier mischt überdies Anton Tschechow mit. Angela Winkler hat in „Drei Schwestern“ einst die Olga gespielt, und genau diese Rolle hat jetzt ihre Tochter übernommen. Mit diesem Theaterstück, aus dem dramaturgisch überzeugend manchmal Szenen in die Filmhandlung eingeschnitten werden, vergrößert Doris Dörrie den historischen Horizont, wenn es etwa heißt: „Auch in tausend Jahren wird der Mensch seufzen: ‚Ach, wie schwer ist es zu leben!‘ – und zugleich wird er, genau wie heute, sich vor dem Tode fürchten und nicht sterben wollen.“ Frau Winkler bringt den Roboter und Via Jikeli als dessen Betreuerin dazu, mit ihr „Drei Schwestern“ aufzuführen, um Doris Kunstmann als gehbehinderte Nachbarin zu erfreuen. Das Sterben, weder die Angst davor noch die zeitweilige Sehnsucht danach, wird nicht ausgeblendet. Selbst das bewältigt Doris Dörrie voller Takt und ohne jede Schulmeisterei. Die Würde des Menschen, das zeigt sie mit der bezaubernd bodenständigen Angela Winkler, ist weder im Alter noch durch Technik antastbar.