Die Arbeit geht der Integrativen Drogenhilfe (IDH) nicht aus: 5000 Menschen nehmen jedes Jahr ihre Unterstützung in Anspruch. Seit 40 Jahren begleiten Helfer der IDH Drogenkranke – und müssen dabei immer wieder ihre Arbeit einer sich verändernden Lage anpassen. „Drogenkranke werden älter, sie haben multiple Begleiterkrankungen“, sagt Geschäftsführerin Gabi Becker. Daher soll der Standort Eastside in Fechenheim künftig um eine Pflegeeinrichtung mit 25 Plätzen erweitert werden. Neue Drogen im Bahnhofsviertel, darunter Fentanyl, verändern auch das Verhalten der Süchtigen. Sie werden aggressiver und fordernder, beschreibt es Becker. Drug-Checking, ein Schnelltest, mit dem kontrolliert werden kann, was ein Süchtiger konsumiert, könnte helfen, lebensgefährlich gestreckte Drogen zu erkennen – bevor sie sich jemand verabreicht. Doch noch fehle es an einer rechtlichen Grundlage dafür. Der Entwurf einer neuen Rechtsverordnung in Hessen, die Drug-Checking nur in bestehenden Konsumräumen gestatten soll, lässt aus Beckers Sicht noch offen, ob das geplante Suchthilfezentrum im Bahnhofsviertel davon ausgenommen sei. Es klingt an, dass die Leiterin der IDH die Kommunikation mit der Landesregierung in Sachen Bahnhofsviertel für ausbaufähig hält. „Wir brauchen mehr inhaltliche Zusammenarbeit“, fordert Becker von den handelnden Akteuren. Im vergangenen Jahr hatte Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) einen Sieben-Punkte-Plan zur Befriedung des Bahnhofsviertels angekündigt. Er bescheinigte dem Viertel ein „Ökosystem aus Beschaffung, Betäubung, Behandlung, Beratung und Betreuung“ mit einer Magnetwirkung für Drogentourismus. Die Betreuung der Süchtigen sollte verlagert werden. In den Neunzigerjahren wurden Süchtige in den Wald gefahren Becker stellt sich kämpferisch vor ihre Mitarbeiter, die keinesfalls auch nur andeutungsweise mitverantwortlich gemacht werden dürften für die Lage im Viertel. Die Süchtigen kämen vor allem wegen der Drogen ins Viertel. In den Neunzigerjahren habe man Süchtige in den Wald gefahren – sie seien am nächsten Tag wieder da gewesen. „Verdrängung nützt nichts.“ Ein Sicherheitsdienst kontrolliere derzeit die Situation vor dem Konsumraum in der Niddastraße. „Aber dann lagern die Menschen eben wenige Meter weiter“, sagt Becker. Die IDH biete ihre Hilfe nicht nur dort an. Ihre größte Einrichtung ist das Eastside, abgelegen im Industriegebiet in Fechenheim. Dort warten 100 Betten auf Klienten, die sich dort mal nur für eine Nacht einfinden, meist aber ein paar Tage bleiben. Ein Ort, um durchzuatmen, mit Kantine, Werkstätten, Beschäftigungsmöglichkeiten in der Wäscherei oder der Parkreinigung und einem Sozialdienst, der bei Behördengängen unterstützt. Viele pendeln zwischen dem Bahnhofsviertel, wo es Drogennachschub und meist illegale Geldquellen gibt, und der Einrichtung hin und her. „Wege zur Veränderung sind lange Wege“, sagt Gabi Becker, „aber sie sind machbar.“ Daneben gibt es betreutes Wohnen im Gallus, den Konsumraum im Bahnhofsviertel mit einer Hotline für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, das Café Frieda, die Zeitschrift „Jubaz“, eine Sozialberatung, die Beratungsstelle Lichtblick und die sozialpädagogische Familienhilfe, da das Drogenproblem auch vor Eltern mit Kindern nicht haltmacht. Buddycare nennt sich ein Programm mit 16 Ehrenamtlichen, die sich einmal in der Woche mit einem Drogenkranken treffen und ihn über ein Jahr hinweg begleiten. Seit 40 Jahren leistet der Verein Hilfe für Suchtkranke. Eine Studie unter Leitung von Hans-Volker Happel an der Fachhochschule (heute UAS) war damals Initialzündung für die Vereinsgründung. Bis dahin galt eine Drogenpolitik, die auf Strafrecht setzte und staatliche Hilfe an Abstinenz knüpfte. Im Jahr 1992 stieg die Zahl der Drogentoten auf 147 – bis die Stadt das Konzept des Frankfurter Wegs umsetzte, das suchtkranke Menschen unterstützen, Risiken des Konsums verringern und die Folgen für das Gemeinwesen begrenzen will. Im hauseigenen Podcast „Zwischen zwei Welten“ erzählt Vereinsgründer Happel von der Anfangszeit der Integrativen Drogenhilfe. Zum Jubiläum wurden Filme aufgenommen, die über die Website der IDH abrufbar sind. Sie rücken in berührenden kleinen Porträts nicht nur einige Helfer des Vereins, sondern auch Suchtkranke in den Mittelpunkt, genau jene, für die die Mitarbeiter ihre herausfordernde Arbeit auf sich nehmen.
