Im Fall der australisch-britischen „Waldfamilie“ in der mittelitalienischen Region Abruzzen, der das Land seit Monaten bewegt, ist es am Wochenende zu einer dramatischen Zuspitzung gekommen. Das Jugendgericht in der Regionalhauptstadt L’Aquila verfügte, dass die drei Kinder im Alter zwischen sechs und acht Jahren vollständig von ihrer Mutter sowie voneinander getrennt werden und zudem in ein anderes Heim verbracht werden müssen. Seit dem Entzug des Sorgerechts im November durch das gleiche Gericht hatten die acht Jahre alte Tochter und das sieben Jahre alte Zwillingspaar gemeinsam in einer staatlichen Einrichtung in Vasto an der Adriaküste gelebt. Ihre Mutter Catherine Birmingham durfte tagsüber bei den Kindern sein, musste die Nächte aber in einem abgetrennten Gebäude der geschlossenen Einrichtung verbringen. Dem Vater Nathan Trevallion waren nur stundenweise Besuche bei seinen Kindern erlaubt. Er war als einziges Familienmitglied in dem einfachen Bauernhaus nahe der Ortschaft Palmoli geblieben, um das Pferd, den Esel und die zahlreichen Haustiere zu versorgen. Die Kinder der Familie waren am 20. November von Mitarbeitern des Jugendamtes unter Begleitung von einem Dutzend Carabinieri abgeholt worden. Dramatische Szenen bei der Verkündung des Gerichtsbeschlusses Nach Angaben der Rechtsvertreter der Familie kam es am Freitagabend zu dramatischen Szenen, nachdem der Mutter der Gerichtsbeschluss eröffnet worden war, dass sie das Kinder- und Wohnheim zu verlassen habe und vorerst nicht mehr zu ihren Kindern dürfe. Ungeachtet der Angstschreie der Kinder wurde die Mutter aus der Einrichtung hinauskomplimentiert. Der Vater versuchte derweil, beim Zwangsabschied von der Mutter seine Kinder mit dem Versprechen zu beruhigen, sie dürften bald nach Hause kommen. Der Zwillingsjunge hat nach Medienberichten gesagt, er werde so lange nichts essen, bis er seine Mutter wiedersehen dürfe. Die Hoffnung der Eltern, dass die Trennung von ihren Kindern nur von kurzer Dauer sein würde, hat sich angesichts eines nun bald vier Monate währenden Rechtsstreits nach dem Entzug des Sorgerechts im November zerschlagen. Das Gericht begründete seinen jüngsten Beschluss damit, die Mutter habe sich in dem Wohnheim „nicht protokollkonform“ verhalten und damit Regeln gebrochen und organisatorische Vorgaben unterlaufen. Zudem habe es Spannungen zwischen Mitarbeitern des Wohnheims und der Mutter gegeben, die nicht von ihren – vom Gericht als extrem beschriebenen – umweltbewussten und naturnahen Überzeugungen habe lassen wollen. Danila Solinas, Rechtsvertreterin der „Waldfamilie“, sagte am Freitagabend: „Wir dachten, in einem zivilisierten Land zu leben, aber offenbar ist das nicht der Fall. Die Mutter wurde aus dem Wohnheim hinausgeworfen trotz der herzzerreißenden Schreie der Kinder. Es war schrecklich.“ Meloni und Salvini äußern sich, Opposition spricht von „Propaganda“ Zu dem Fall, der inzwischen hohe politische Wellen schlägt, haben sich am Wochenende auch Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Vizeregierungschef Matteo Salvini geäußert. Meloni kritisierte die „ideologisch motivierte Entscheidung“ des Gerichts, das damit seine Grenzen überschritten und den Kindern nach der Trennung vom Vater nun „ein weiteres, tiefes Trauma“ zugefügt habe. Jugendgerichte müssten Kinder in Fällen von Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung schützen, schrieb Meloni in den sozialen Medien. „Wo bleibt das Kindeswohl, wenn Kinder erst ihrem Vater und dann ihrer Mutter weggenommen werden, um monatelang in einer Pflegeeinrichtung zu leben? Es ist nicht Aufgabe der Justiz und des Staates, Eltern zu ersetzen, diesen einen bestimmten Lebensstil aufzuzwingen und über Erziehungsprinzipien zu entscheiden. Denn Kinder gehören nicht dem Staat: Kinder gehören ihren Müttern und Vätern.“ Vizeregierungschef Salvini teilte auf der Plattform X mit: „Ein Land, das Kinder von ihren Eltern trennt, ist nicht das Land, in dem ich meine Kinder aufziehen möchte. In den letzten Monaten haben wir alles für die ,Waldfamilie‘ unternommen. Wir haben appelliert, Petitionen unterschrieben, eine Inspektion des Familienministeriums verfügt. Aber die Lage hat sich weiter verschlimmert.“ Salvini kündigte an, sich den Protesten von örtlichen Unterstützern der Familie vor dem Eingang zu dem Wohnheim in Vasto anzuschließen: „Diese Woche werde ich hinfahren, nicht als Vizeregierungschef, sondern als Vater, der von dieser Form institutionalisierter Gewalt angewidert ist.“ Der frühere Justizminister Andrea Orlando von den Sozialdemokraten warf Meloni vor, den Fall als „reine Propaganda“ zu missbrauchen, um Stimmung gegen die unabhängigen Gerichte zu machen. Am 22. und 23. März findet die Volksabstimmung über die von Melonis Mitte-rechts-Koalition vorgelegte Justizreform statt. Die linke Opposition kritisiert die Reform als Versuch, die Unabhängigkeit der Judikative zu beschneiden und sie unter die Kuratel der Exekutive zu stellen. Die Anwälte der Familie waren zuletzt mit einem Antrag vor dem Jugendgericht gescheitert, eine zur Evaluierung der Kinder herangezogene Psychologin ohne nennenswerte Praxiserfahrung wegen Befangenheit zu entpflichten, weil diese sich in den sozialen Medien mehrfach abschätzig über die Familie und deren Lebensstil geäußert hatte. Für Verwunderung sorgte auch die Begründung des Jugendgerichts, die Kinder müssten wegen der „Pressebelagerung“ des geschlossenen Wohnheims in Vasto nun in eine andere Einrichtung verlegt werden. Dies sei für die Kinder „ein weiterer Schock“, sagte der Psychologe Tonino Cantelmi, der von der Familie als Gutachter herangezogen worden war. Cantelmi hatte nach der Untersuchung der Kinder festgestellt, dass deren guter physischer, psychischer und kognitiver Zustand die Zwangsmaßnahme des Sorgerechtsentzugs in keiner Weise hätte rechtfertigen können. Im australischen Fernsehen hatte sich Catherine Birmingham jüngst über die mangelnde Unterstützung durch diplomatische Vertreter ihres Heimatlandes in dem Streit mit den italienischen Behörden beklagt. Die erkennbar traumatisierten Eltern wollen mit ihren Kindern Italien baldmöglichst wieder verlassen. Niemand in der Familie verfügt über die italienische Staatsangehörigkeit. Die Familie hatte vor knapp fünf Jahren das abgelegene Bauernhäuschen in den grünen Hügeln der Abruzzen gekauft, das nur über eine Schotterstraße zu erreichen ist und weder ans Stromnetz noch an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen ist. Eine Solaranlage sorgt für etwas Strom, gekocht und geheizt wird mit Holz, das Trinkwasser kommt aus einer nahen Quelle, die Trockentoilette befindet sich außerhalb des Hauses. Die Behörden nahmen die Familie ins Visier, nachdem die Kinder wegen einer Pilzvergiftung in ein Krankenhaus gebracht worden waren. Das Jugendamt stellte sodann „unzureichende Lebensbedingungen“ für die Kinder fest, namentlich das Fehlen einer Toilette im Haus, mangelnde Kontakte zu anderen Kindern sowie prekäre hygienische Verhältnisse. Die Eltern hielten dem entgegen, ihre Kinder würden im Einklang mit der Natur, im Umgang mit Haustieren und fernab von schädlichen Einflüssen der Gegenwartswelt gesund aufwachsen.
