FAZ 20.09.2026
14:19 Uhr

Entwicklungszusammenarbeit: Wie sich Entwicklungshilfe rechnet


Die deutsche Entwicklungshilfe steht unter Druck: Es fließt weniger Geld, gibt  Betrugsvorwürfe – und die AfD will das zuständige Ministerium auflösen. Forscher rechnen nun vor, dass diese Ausgaben vorteilhaft sind.

Entwicklungszusammenarbeit: Wie sich Entwicklungshilfe rechnet

Der Ruf der deutschen Entwicklungshilfe war schon mal besser. In Zeiten, in denen die Ausgaben des Bundes stärker steigen als die Einnahmen, wächst die Kritik an Milliardenbeiträgen im Ausland. Zum Symbol der Debatte wurden die von Deutschland mitfinanzierten „Radwege in Peru“. Sie prägen bis heute die öffentliche Auseinandersetzung um Sinn und Zweck von Entwicklungsgeldern. Kürzlich berichtete zudem die „Welt“ über Betrugsvorwürfe im Jemen. Mitarbeiter sollen dort Entwicklungsgelder veruntreut haben. Im kürzlich erschienenen „Meinungsmonitor Entwicklungspolitik 2026“ des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit stieg die Zustimmung für Entwicklungsausgaben zwar leicht – von 47 Prozent im letzten Jahr auf 52 Prozent im Jahr 2025. Der Wert liegt jedoch unter dem Niveau früherer Jahre. Im Jahr 2019, dem Beginn der Messungen, waren es noch fast 70 Prozent. Stärken Entwicklungsgelder die heimische Wirtschaft? Die öffentliche Debatte dreht sich häufig um den Verdacht, dass die Gelder, die ins Ausland fließen, für Deutschland keinen messbaren Nutzen haben. Doch nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Universität Göttingen kommt deutsche Entwicklungshilfe der eigenen Wirtschaft zugute – stärker als bislang bekannt. So steigere jeder investierte Euro in ein Partnerland die deutschen Waren- und Dienstleistungsausfuhren mittel- bis langfristig um durchschnittlich 2,50 Euro. Weil in den Empfängerländern Einkommenseffekte zu mehr Nachfrage und Einfuhren aus Deutschland führen, würden in Deutschland rund 380.000 Arbeitsplätze geschaffen und gesichert. In der von der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mitveröffentlichten Studie werden fünf europäische Geberländer wie Deutschland sowie deren Zahlungen an etwa 140 Länder im Zeitraum von 2005 bis 2024 analysiert. Alternative Verwendungsmöglichkeiten – wenn das Geld etwa in Deutschland investiert würde – werden in der Studie nicht betrachtet. Methodisch greifen die Forscher auf ein „Gravitationsmodell“ aus der Handelsforschung zurück, mit dem sich die Intensität des Handels zwischen zwei Ländern erklären lässt. Konkret prüften sie, ob ein Empfängerland mehr Waren und Dienstleistungen aus einem Geberland importiert, wenn es von diesem mehr Entwicklungshilfe erhält. Das Ergebnis: Bei größeren Schwellenländern ist der Effekt stärker als bei ärmeren Entwicklungsländern, deren Handelsvolumen geringer ist. Für Deutschland zeigen sich besonders deutliche Effekte in der Chemie- und Elektroindustrie, im Maschinenbau, Transport und der Informationstechnologie. Für Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) zeigt die Studie: „Wer bei Entwicklungspolitik nur sieht, was Deutschland ausgibt, übersieht, was Deutschland dadurch gewinnt.“ Sie habe gerade in Indonesien erlebt, wie groß das Interesse an deutscher Technologie und deutschen Investitionen sei, sagte die Ministerin. Man könne es sich nicht leisten, am Wettbewerb um Märkte, Rohstoffe und Partner nicht teilzunehmen. Anders bewertet Axel Dreher, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Heidelberg, die Studie: „Das ist nicht die Art von Studie, aus der man wirtschaftspolitische Empfehlungen ableiten sollte“, sagt er. Die Ergebnisse seien nicht falsch, doch die Untersuchung sei in erster Linie beschreibend. Dass Entwicklungshilfe die Ursache für höhere deutsche Exporte sei, lasse sich nicht beurteilen. Für Stephan Klingebiel, Politologe am German Institute of Development and Sustainability (IDOS), hingegen bestätigen die Studienergebnisse die positiven wirtschaftlichen Effekte der Entwicklungspraxis. Die Studie sei wichtig, um den eigenen Nutzen von Entwicklungspolitik hierzulande zu verstehen. Entwicklungszusammenarbeit wird wirtschaftlicher Doch unabhängig davon, wie man die Studie bewertet: Die wirtschaftlichere Schwerpunktsetzung ist im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) angekommen. Im zu Beginn dieses Jahres erschienenen Reformplan wurde wirtschaftliche Zusammenarbeit als ein zentrales Ziel der Entwicklung verankert. Im Juli veröffentlichten dann das BMZ und das Bundeswirtschaftsministerium ein gemeinsames Papier. Darin heißt es, man wolle „die Chancen und internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern stärken und damit sowohl in Deutschland als auch in den Partnerländern zu Wachstum und lokaler Wertschöpfung beitragen“. Ende 2026 legen die beiden Ministerien ein zweites Maßnahmenpapier vor, das die Marktchancen deutscher Unternehmen im globalen Süden fördern soll. Den Ansatz, deutsche Unternehmen an der Entwicklungszusammenarbeit stärker zu beteiligen, hält Politologe Klingebiel für richtig. Deutschland habe vielfältige Eigeninteressen – etwa den Zugang zu Rohstoffen, Seltenen Erden und erneuerbaren Energien sowie verlässliche Lieferketten. Zusätzlich würden gute wirtschaftliche Beziehungen auch politisches Mitspracherecht in Migrations-, Klima- und Sicherheitsthemen sichern. Zuletzt war Entwicklungsministerin Radovan Mitte August mit Vertretern der deutschen Wirtschaft in Indonesien. Das viertbevölkerungsreichste Land der Welt ist eines der neuen Fokusländer, in denen die deutsche Wirtschaft enger beteiligt werden soll. Bei der Reise ging es um die Zusammenarbeit im Bereich der erneuerbaren Energien und den Zugang zu Rohstoffen wie Nickel. Wird Afrika noch immer unterschätzt? Zu den neuen Fokusländern des BMZ gehören auch afrikanische Staaten. Doch nur acht von insgesamt 54 afrikanischen Ländern würden der Studie zufolge zu den positiven Exporteffekten beitragen. Dennoch dürfe die strategische Bedeutung des Kontinents nicht unterschätzt werden, sagt Khadi Camara, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin beim Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft. Das wachsende Engagement in Afrika ließe sich durchaus bei „Hidden Champions“ beobachten, mittelständischen Unternehmen, die in spezialisierten Märkten operieren und der Öffentlichkeit weniger bekannt sind, sagt Camara. Zum Beispiel Infosim. Das internationale IT-Unternehmen aus Würzburg wachse besonders in Nigeria und Südafrika. Ein weiteres Unternehmen ist „Big Dutchman“. Das Agrarunternehmen plant und installiert technische Systeme für die Landwirtschaft in über 20 afrikanischen Ländern. Das Potential für deutsche Unternehmen in Afrika sei groß, sagt Camara. Doch der Markteinstieg falle vielen Unternehmen noch schwer. Die Entwicklungszusammenarbeit müsse „Türen öffnen“, um zu informieren und Vorurteile abzubauen, insbesondere wenn Unternehmen nicht vor Ort sind. Dass wirtschaftliche Zusammenarbeit nun stärker in den Zielen des BMZ verankert ist, begrüßt Camara. Zuletzt reiste Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) Ende Juli nach Mauretanien, Nigeria und Südafrika. In allen drei Ländern ging es auch um wirtschaftliche Fragen – unter anderem um Energie, Klima und Rohstoffzusammenarbeit. Weniger Geld für die Entwicklungshilfe Seit 2022 muss das Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit aber mit weniger Geld haushalten. Laut Bundesfinanzministerium standen dem Entwicklungsetat im Jahr 2022 13,8 Milliarden Euro zur Verfügung. Kommendes Jahr wird die Entwicklungsministerin 9,47 Milliarden Euro, nahezu ein Drittel weniger, ausgeben können. Damit werden Entwicklungsgelder im Jahr 2027 rund 1,7 Prozent des Bundeshaushalts ausmachen. Kürzungen, die bei Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) und Nordrhein-Westfalens Staatskanzleichef Nathanael Liminski (CDU) auf Kritik stoßen. Beide forderten im Juli, einen Teil der Entwicklungsausgaben von der Schuldenbremse auszunehmen. Der AfD reicht das bei Weitem nicht: Sie forderte Anfang Juni in zwei Bundestagsanträgen nicht nur drastische Budgetkürzungen, sondern die Auflösung des BMZ. Kürzungen könnten jedoch auch als Chance begriffen werden, sagt die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Khadi Camara. Weniger Kapital könnte dazu führen, Entwicklungsgelder zielgerichteter einzusetzen. Die künftige Entwicklungspolitik müsse sich jedoch daran messen lassen, wie sie Unternehmen langfristig einbindet.