Die Lage der Bauern ist prekär. Während die Kosten für Diesel, Dünger und Betriebsmittel gestiegen sind, sind die Erzeugerpreise im Vergleich zum Vorjahr im Schnitt um knapp 14 Prozent gesunken. Für Schweine erhielten Bauern zuletzt ein Viertel weniger, für Speisekartoffeln fast die Hälfte. Damit erreichten die Erzeugerpreise den tiefsten Stand seit 2022. Nur für Getreide und Eier gab es etwas mehr Geld. Zugleich liegen die Lebensmittelpreise weiterhin mehr als ein Drittel über dem Niveau von 2022. Landwirte kritisieren die wachsende Preisschere zwischen Hof und Ladentheke und werfen dem Handel vor, sich die Taschen vollzumachen. Doch so einfach sei es nicht, sagt Anne Margarian, Agrarökonomin am Thünen-Institut für Marktanalyse in Braunschweig. Die Diskussion werde stark vereinfacht geführt. „Tatsächlich sehe ich die deutlich steigenden Lebensmittelpreise nicht“, sagt sie. Von April 2022 bis März 2023 seien die Lebensmittelpreise zwar stärker gestiegen als die Verbraucherpreise insgesamt. Seitdem sei der Anstieg aber gering und meist niedriger als die Gesamtinflation. Im Juli waren Lebensmittel nur minimal teurer als ein Jahr zuvor: Der Anstieg betrug 0,1 Prozent, wie Daten des Statistischen Bundesamts zeigen. Der Agrarökonomin zufolge bewegen sich die Erzeugerpreise wieder auf das Niveau vor 2022 zu. Sinkende Preise seien lange üblich gewesen: Der Anteil der Rohstoffe am Ladenpreis sei geschrumpft, während Verarbeitung und Dienstleistungen an Bedeutung gewonnen hätten. Von jedem Euro für Lebensmittel erhalten Bauern im Schnitt nur 22 bis 23 Cent. Der Rest entfällt vor allem auf Löhne, Verarbeitung und Transport. Produktivitätszuwächse hätten die Kosten in der Landwirtschaft stärker gesenkt als in vielen anderen Branchen, sagt Margarian. Deshalb sei es oft ökonomisch nachvollziehbar, dass die Erzeugerpreise eher sinken als steigen. Erzeugerpreise als Frühindikator für Lebensmittelpreise Die Erzeugerpreise werden maßgeblich auf den globalen Märkten gebildet. Darauf verweist Stephan Cramon-Taubadel, Professor für Agrarpolitik an der Universität Göttingen. Entscheidend sei nicht, ob etwa in Deutschland Dürre herrsche, sondern wie die Angebots- und Versorgungslage weltweit aussehe. Die Ernte werde in diesem Jahr zwar schlechter ausfallen als im Vorjahr, aber besser als vor zwei Jahren, sagt er. Die globale Versorgungslage hält er derzeit für nicht allzu angespannt. Wenn sich die Lage in der Ukraine und Russland aber nicht entspanne und zu wenig Getreide auf die Weltmärkte gelange, könne das zeitverzögert auch die Fleisch- und Milchpreise beeinflussen – weil etwa Futter für Tiere teurer wird. Erzeugerpreise für Agrargüter gelten meist als Frühindikator dafür, wie sich Verbraucherpreise entwickeln. Änderungen kommen aber verzögert bei den Kunden an, weil entlang der Lebensmittelkette Vorräte und Verträge bestehen. Zugleich räumt Margarian ein: Nach Phasen starker Inflation würden Preise oft erst spät oder gar nicht gesenkt. Bislang habe das jedoch nicht zu dauerhaft höheren Margen einzelner Stufen geführt. Probleme auf einzelnen Märkten schließe das nicht aus; die Margen müssten weiter beobachtet werden, sagt sie. Stärkere Konzentration in der Landwirtschaft unumgänglich? Trotz umfangreicher Forschung lasse sich aber kein besonderer Einfluss von Handel und Verarbeitung auf die Erzeugerpreise nachweisen. Ihre Forschung zeige: In Jahren steigender Lebensmittelpreise hätten vor allem kleinere Einzelhändler und Verarbeiter ihre Preise erhöht, nicht die großen. Das sei kein Marktmacht-Effekt, sondern eine Folge der Differenzierung und etwa der Möglichkeit, für qualitativ hochwertige Lebensmittel einen höheren Preis erzielen zu können. Die Monopolkommission habe aus deskriptiven Beobachtungen dennoch „sehr weitgehende Schlussfolgerungen“ gezogen, sagt sie. Dabei habe man nicht berücksichtigt, dass die Landwirtschaft ein hochsubventionierter Sektor mit verzögertem Strukturwandel und großen Effizienzreserven sei. Eine stärkere Konzentration der Betriebe hält Margarian für dringend nötig, um Effizienz und Ressourcennutzung zu verbessern. Auch Agrarökonom Cramon-Taubadel konstatiert, dass viele Betriebe im internationalen Vergleich ungünstig dastehen. Das zeigt sich in der Schweineproduktion: Spanien kann günstiger produzieren und konkurriere mit deutschem Fleisch auf einem EU-Markt, der ohnehin mit Schweinefleisch überversorgt ist. Cramon-Taubadel sieht einen weiteren Grund für den Unmut der Bauern: Rund die Hälfte der Landwirte in Deutschland ist 55 Jahre oder älter. Viele fragen sich, ob ihr Hof überleben wird und sich ihre jahrzehntelange harte Arbeit gelohnt hat. Die junge Generation prüft genau, ob sich ein Hof wirtschaftlich führen lässt. Auch der Bauernverband weist seit geraumer Zeit auf die schwierige Lage hin. „Bei dieser Erlös- und Kostenrelation fehlt der Landwirtschaft die Zukunftsperspektive“, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. Cramon-Taubadel warnt die politischen Entscheidungsträger zugleich davor, Menschen mit Versprechen in die Landwirtschaft zu locken oder dort zu halten, die sie nicht einlösen kann.
