Raketenalarm in der Hauptstadt Riad, dichter schwarzer Rauch, der in der Nähe des internationalen Flughafens aufsteigt – für Saudi-Arabien wird die bewaffnete Konfrontation mit den jemenitischen Huthi-Rebellen immer schmerzhafter. „Man spürt den Stress, die Geschäfte leiden“, sagt ein Einwohner Riads am Sonntag am Telefon. Es ist das erste Mal seit Langem, dass die Drohnen- und Raketenangriffe der Huthi die saudische Hauptstadt treffen. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Der Militärsprecher der Huthi erklärte am Samstag, die Bewegung werde Eskalation mit Eskalation vergelten. Aus der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, die von den Huthi beherrscht wird, sind im Gegenzug massive saudische Luftangriffe gemeldet worden. Nawaf Obaid, ein früherer Berater der saudischen Führung, sagte dem qatarischen Sender Al Jazeera, das Königreich plane eine groß angelegte Luftangriffskampagne gegen die Huthi. Unter jemenitischen Beobachtern herrschen allerdings erhebliche Zweifel, dass sich die Huthi-Rebellen davon schrecken lassen würden. Die Angriffe auf Riad vom Samstag werden als deutliches Zeichen der Eskalationsbereitschaft gewertet. Das Königreich ist in einer schwierigen Lage. Die Huthi steuern auf Konfrontationskurs und fühlen sich angesichts strategisch wichtiger Geländegewinne im Jemen darin ermutigt. Sie haben zuletzt unter anderem die Westküste unter ihre Kontrolle gebracht, außerdem Inseln nahe der Meerenge Bab al-Mandab, einem wichtigen Nadelöhr des Welthandels und des – auch saudischen – Energieexports. Die Rebellen haben eine Blockade gegen Saudi-Arabien verkündet, das seinerseits eine Blockadekampagne gegen das nordjemenitische Herrschaftsgebiet der Huthi führt. Riad verschifft Öl auf chinesischen Tankern Iran, der regionale Erzrivale, agiert ebenfalls aggressiver und setzt Saudi-Arabien mit seiner Schattenarmee getreuer Milizen unter Druck. Zuletzt wurde die Ost-West-Pipeline, eine überlebenswichtige alternative Exportroute für die von Iran bedrohte Straße von Hormus, von irakischem Boden aus beschossen. Hier ist die Führung in Riad zu einem Wettlauf gegen die Zeit gezwungen. Laut Einschätzung mehrerer Kenner kann sie diesen nur schwer gewinnen. Sie muss die Leitung unter Kriegsbedingungen wieder instand setzen, bevor die Reserven in den Lagerstätten am Roten Meer aufgebraucht sind. Zugleich hält sich der Beistand für Saudi-Arabien in Grenzen. Seinen jemenitischen Alliierten mangelt es an Schlagkraft, ein Problem, das Riad lange übergangen hat. Der amerikanische Präsident Donald Trump schreckt trotz der Bitten des saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman davor zurück, militärisch gegen die Huthi einzugreifen. Der faktische saudische Herrscher hat sich über den Jemen außerdem mit den Vereinigten Arabischen Emiraten verkracht, deren Militär seine Schlagkraft im Jemen schon unter Beweis gestellt hat. Es offenbart sich außerdem, dass der jüngste Mekka-Pakt mit der Türkei und Pakistan die Sicherheitspartnerschaft mit Washington nicht ersetzen kann. Aus der Türkei kommt zwar Unterstützung, wie Außenminister Hakan Fidan am Wochenende ankündigte. Sie scheint aber weit von einer Intervention entfernt zu sein. Fidan sprach von „einem gewissen militärischen Bedarf, insbesondere in technischen Fragen“. Pakistan hat zwar signalisiert, Saudi-Arabien so weit zu unterstützen, wie es die Führung in Riad wünscht, militärisch und diplomatisch. Laut jemenitischen Quellen wurden einzelne pakistanische Militärs im Jemen gesehen. Zugleich herrscht gegenüber einem größeren Eingreifen in Islamabad großer Widerwille. Um den Schaden zu begrenzen, hat Saudi-Arabien laut Medienberichten schon Öl auf chinesischen Tankern verschifft, die von den Huthi verschont werden. Es könnte sich mit Zugeständnissen an die Huthi womöglich etwas Ruhe erkaufen. Mohsen Rezaei, der Chef des iranischen Obersten Nationalen Sicherheitsrates, hat verkündet, Iran könne im Jemen vermitteln. Doch das Angebot klingt vergiftet. Schon deshalb, weil maßgebliches Entgegenkommen langfristig den Preis für Riad erhöhen könnte.
