FAZ 20.09.2026
16:06 Uhr

Evanescence: Gemeinsam durch die Dunkelheit


Amy Lee singt nicht nur über die düsteren Zeiten – sie zeigt ihrem Publikum auch einen Weg aus ihnen heraus. In der Frankfurter Festhalle wird das Konzert von Evanescence zu einem Abend zwischen Schmerz und Zuversicht.

Evanescence: Gemeinsam durch die Dunkelheit

Wenn Amy Lees hellblaue Augen in Großaufnahme über die Bildschirme flimmern, scheint die Entfernung zwischen Bühne und Publikum zu verschwinden. Ihr Blick wirkt hypnotisierend, als entstünde eine persönliche Verbindung zu jedem Einzelnen. Glänzend schwarze Strähnen fallen ihr ins blasse Gesicht. Während ihre Finger über die Klaviertasten huschen und die ersten Töne von „Lithium“ erklingen, hält die ausverkaufte Frankfurter Festhalle inne. Es ist ein Song, den Evanescence live eigentlich nicht spielen. „Glaubt es oder nicht: Es ist 20 Jahre her, dass unser zweites Album ‚The Open Door‘ erschienen ist“, sagt Lee. Zum Jubiläum wollte die Band ihre Fans mit diesem selten gespielten Song überraschen. So entfaltet sich „Lithium“ in der Festhalle als bittersüße Ballade, getragen von Lees unverwechselbarer Stimme. Zerbrechlich und kraftvoll zugleich klingt sie, als lägen zwischen jedem Ton Welten aus Schmerz und Sehnsucht. Die 44 Jahre alte Sängerin gehört zu den prägendsten Stimmen der Alternative-Rock- und Metal-Szene. Seit Mitte der Neunzigerjahre steht sie mit Evanescence für eine Klangwelt, in der Schwermut und Wucht zusammenfinden. Der internationale Durchbruch gelang ihr 2003 mit „Fallen“, jenem Album, das mit „Bring Me To Life“ und „My Immortal“ eine ganze Generation in der Dunkelheit willkommen hieß. Ihr Gothic-inspiriertes Aussehen wurde dabei zu ihrem Markenzeichen. Amy Lee hat als weibliche Frontfrau in einem traditionell männlich dominierten Genre den Weg für andere Künstlerinnen geebnet. Ihre dramatische Sopranstimme umfasst dreieinhalb Oktaven. Kraftvolle Ausbrüche wechseln sich mit zarten Passagen ab, die so gut zu den melancholischen Texten passen. Verlust, Hoffnung, Selbstbehauptung und die Überwindung von Krisen ziehen sich als wiederkehrende Themen durch ihre Songs und geben vielen Fans in schwierigen Zeiten Halt. Die aktuelle Welttournee steht im Zeichen des neuen Albums „Sanctuary“. Evanescence weben neue Songs in ihre Setlist ein, sodass sich Neues und Altes ergänzt. Bei aller Düsternis geht es an diesem Abend nicht allein um Schmerz. Es geht auch darum, ihn zu überwinden. Lee sagt, dass sie ihre Songs aus dem eigenen Leben, aus persönlichen Erfahrungen und schwierigen Phasen heraus geschrieben habe. Wer sich in „Forever Without You“ wiedererkenne, solle wissen: Niemand sei damit allein. Der erste Schritt aus einer schwierigen Lage sei oft beängstigend und scheine zunächst unmöglich, sagt Lee. Doch danach werde es besser, verspricht sie. „Forever Without You“ erzählt von einer Verbindung, die einmal alles bedeutete, von Verlust und dem schmerzhaften Versuch, ohne einen geliebten Menschen weiterzuleben. In diesem Lied liegt die Erkenntnis, dass ein Abschied wehtun darf – und trotzdem der Anfang eines freieren Lebens sein kann. Die Bildsprache über der Bühne unterstreicht diese Botschaft. Eine Taube fliegt durch einen Schacht, weicht Hindernissen aus und verfängt sich schließlich in den von der Decke hängenden Kabeln. Sie scheint gefangen, unfähig, sich aus eigener Kraft zu befreien. Doch sie kämpft, schlägt mit den Flügeln – und schafft es schließlich, sich loszureißen und in die Freiheit zu fliegen.  „Ich möchte, dass euch diese Energie durch die Dunkelheit auf die andere Seite bringt“, sagt Lee zum Abschied und entlässt ihr Publikum in die Nacht.