FAZ 02.10.2026
07:42 Uhr

Exportstopp angedroht: USA fordern Deutschland zur Freigabe von Dieselreserven auf


US-Präsident Trump will die hohen Preise für Kraftstoffe vor den Zwischenwahlen senken. Die EU-Kommission ist alarmiert – und will am Freitag über die Lage beraten.

Exportstopp angedroht: USA fordern Deutschland zur Freigabe von Dieselreserven auf

US-Finanzminister Scott Bessent hat die Europäer aufgefordert, „umgehend“ ihre strategischen Dieselreserven freizugeben, um die hohen Preise zu senken. „Unsere europäischen Partner sollten die Umsetzung ihrer bestehenden Zusagen beschleunigen und zusätzliche Lieferungen sofort verfügbar machen, um die anhaltenden Störungen zu beheben“, schrieb Bessent am Donnerstag in Onlinenetzwerken. „Amerikanische Landwirte, Lkw-Fahrer und Unternehmen dürfen nicht mit der Last einer weltweiten Diesel-Knappheit alleine gelassen werden“, fügte er hinzu. US-Präsident Donald Trump unterstützte die Forderung nach einer EU-Dieselfreigabe bei einem Wahlkampfbesuch im Bundesstaat Texas: „Das könnten wir machen. Die haben einigen Diesel.“ Durch den von Trump mitausgelösten Irankrieg sind die Treibstoffpreise weltweit deutlich gestiegen. Der Iran blockiert die für den Welthandel wichtige Straße von Hormus. EU-Handelschef Maroš Šefčovič sagte am Donnerstag am Rande des G20-Handelsministertreffens, er habe mit dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer über die Lage beraten. Europa wünsche sich einen koordinierten Ansatz, um die Preise zu senken ‌und die Versorgung auf beiden Seiten des Atlantiks zu sichern. Šefčovič warnte zugleich vor US-Exportbeschränkungen für Diesel und sagte, dies hätte schädliche Auswirkungen auf die Wirtschaft in Europa. „Wir haben klar vereinbart, in engem Kontakt ‌zu bleiben, um Überraschungen zu vermeiden“, ‌sagte Šefčovič. Die EU-Kommission will zudem am Freitag mit Vertretern der Mitgliedstaaten über die Lage beraten, wie eine Sprecherin am Donnerstagabend in Brüssel mitteilte. Zuvor hatte die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass die US-Regierung unter Präsident Donald Trump Frankreich und Deutschland mit Exportbeschränkungen für Diesel gedroht habe, sollten die beiden Länder keine Kraftstoffe aus ihren strategischen Reserven freigeben. Greer sagte dem Sender Bloomberg TV, er habe das Thema mit seinen europäischen Amtskollegen in ⁠Milwaukee besprochen und den Wunsch der US-Regierung nach einer Freigabe weiterer Reserven geäußert. Sefcovic erklärte, er sei mit Greer nicht tief ins Detail gegangen. Er betonte jedoch, dass Europa seine Zusagen zum Kauf von amerikanischer Energie aus dem im vergangenen Jahr im schottischen Turnberry geschlossenen Handelsabkommen ⁠übertroffen habe. Ungeachtet ‌der zurückhaltenden Worte von Sefcovic äußerte sich US-Energieminister Chris Wright kurz darauf optimistisch. Er glaube, dass es positive Nachrichten geben werde. Europa könne durch die Freigabe von Diesel aus den Rederven helfen und er sei auch sehr zuversichtlich, dass ⁠Europa das ⁠tun werde. US-Präsident Donald Trump und seine Regierung prüfen derzeit Optionen, um die Kraftstoffkosten noch vor den amerikanischen Zwischenwahlen im November ⁠zu senken. Die auch ⁠in den USA stark gestiegenen Dieselpreise sind für Trump und seine Republikaner zu einem politischen Problem geworden, insbesondere in den ‌Agrarstaaten, in denen der Kraftstoff für die Landwirtschaft, den Lkw-Verkehr und das verarbeitende Gewerbe von großer Bedeutung ist. Der Dieselpreis an der US-Tankstellen liegt inzwischen im Schnitt bei 6,38 Dollar pro Gallone oder rund 1,50 Euro je Liter. Vor einem Jahr lag der Preis bei 3,75 Dollar je Gallone (0,84 Euro je Liter). Die EU zögert hingegen – unter anderem mit Verweis auf nur begrenzte Not-Vorräte, die im Fall einer nochmaligen Verschärfung der geopolitischen Konflikte wie dem Irankrieg noch wichtiger werden könnten. Deutschland bezieht fünf Prozent seines Diesel-Bedarfs aus den USA Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums sagte, entscheidend seien koordinierte Lösungen mit dem Ziel, die Märkte zu stabilisieren. „Eventuelle Maßnahmen müssen auf einer sorgfältigen gemeinsamen Lagebewertung im Rahmen der dafür vorgesehenen internationalen Verfahren beruhen. Grundsätzlich gilt: Der Markt darf nicht verunsichert werden.“ Zur Stabilisierung der ⁠Märkte sei ‌Deutschland Anfang März an einer historischen Freigabe strategischer Ölreserven beteiligt gewesen. Derzeit gebe es keine neuen Anforderungen seitens der Internationalen Energieagentur (IEA). „Wir spekulieren nicht über eventuell künftige Ereignisse.“ Bei schweren globalen Angebotsausfällen koordiniert die IEA in Paris häufig die gemeinsame Freigabe strategischer Ölreserven. Über ihren jeweiligen Beitrag entscheiden die beteiligten EU-Staaten jedoch selbst – und setzen ihn auch eigenständig um. Der „Spiegel“ zitierte den Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, mit der Einschätzung, Diesel könne sich um 20 ⁠bis 25 Prozent verteuern. ⁠Europa ist nach dem Einfuhrverbot für russische Produkte wegen des Ukraine-Krieges und Lieferunterbrechungen aus dem Nahen Osten infolge des Krieges gegen ⁠den Iran stärker auf US-Treibstoff ⁠angewiesen. Deutschlands Abhängigkeit von US-Diesel liegt dem Bericht zufolge bei etwa fünf Prozent des Bedarfs. USA gehören heute zu wichtigsten Exporteuren Die US-Regierung ist den Insidern zufolge, auf die sich Reuters beruft, ‌verärgert, weil Deutschland und Frankreich frühere Zusagen zur Freigabe von Notreserven nicht vollständig umgesetzt hätten. Aus dem Bundeswirtschaftsministerium hieß es dem „Spiegel“ zufolge dagegen, von den im Frühjahr zugesagten Mengen sei nur ein Bruchteil abgerufen worden. Die USA sind zu einem der wichtigsten Exporteure von Diesel aufgestiegen, nachdem Russland als Lieferant ausfällt und Lieferungen aus dem Mittleren Osten unsicher geworden sind. Amerikas Raffinerien laufen an ihrer Kapazitätsgrenze. Trump spielt mit dem Gedanken, Diesel-Exporte zu verbieten, um die inländischen Preise zu stabilisieren. Sein Energieminister Chris Wright wie auch die Ölkonzerne wenden sich aber gegen diese Pläne. Sie würden in einigen Regionen der USA Diesel noch verteuern, weil diese bisher auf Importe angewiesen sind. Ein Exportbann könnte überdies zur Drosselung der Produktion beitragen, weil die Lagerkapazitäten schnell erschöpft wären. Das könnte die Preise für Benzin nach oben treiben, der zusammen mit Diesel produziert wird.