Illustration: Felix Brocker Schneller Schlau Cheeseburger ist der Bestellhit bei Lieferdiensten Von JAKOB ARNOLD (Text) und CLAUDIA BOTHE (Grafiken) 19. September · Vor gut 20 Jahren fing alles an. 2007 wurde die Plattform Pizza.de gegründet. Sie war der Pionier unter den deutschen Lieferdiensten. Vorbei die Zeiten, in denen der Pizzabäcker mit der rechten Hand die Pizzaschaufel schwingt, während er mit der linken Hand das Telefon ans Ohr hält, um die nächste Bestellung entgegenzunehmen. Stattdessen konnten Kunden nun über eine zentrale Plattform im Internet die Angebote verschiedener Restaurants miteinander vergleichen und direkt online bestellen. Das hat viele Vorteile. Der Pizzaiolo kann in Ruhe backen und macht sogar mehr Umsatz als vorher. Die Kunden bekommen mit wenigen Klicks ein fertiges Gericht geliefert, und die Plattform zwischen Besteller und Gastronom streicht sich eine Provision ein. Klingt gut. So gut, dass schnell viele weitere Anbieter auf den Markt strömten. Über die Jahre buhlten Lieferando, Foodora, Deliveroo oder Lieferheld um die Aufmerksamkeit der Kunden – und derer, die es werden sollten. In diesem Wettbewerb sind auch viele Marken wieder untergegangen. Seit Juli gibt es in gewisser Weise gar keinen deutschen Anbieter mehr. Mitte des Monats wurde das letzte verbliebene große deutsche Unternehmen der Branche, Delivery Hero, vom US-Rivalen Uber übernommen. Delivery Hero hatte sich allerdings ohnehin schon vor gut fünf Jahren aus dem deutschen Markt zurückgezogen, um sich auf Länder in Asien und Osteuropa zu fokussieren. Insgesamt haben die Deutschen im Jahr 2025 fast acht Milliarden Euro für Essenslieferungen bezahlt. Zum Vergleich: Das ist fast genauso viel, wie hierzulande jedes Jahr für Tierfutter ausgegeben wird. Besonders die Corona-Pandemie war ein Konjunkturprogramm für die Lieferdienste. Wer sein Essen nicht selbst zubereiten wollte, konnte schließlich nicht ins Restaurant gehen. Viele haben die Lieferdienste ausprobiert. Der Branchenumsatz ist im Jahr 2020 um fast 50 Prozent gestiegen. Und anscheinend sind einige auf den Geschmack gekommen. Denn auch nach der Pandemie ist der Markt für Essenslieferungen jedes Jahr gewachsen – wenn auch nur noch wie zuletzt mit einer Rate von vier Prozent. Im Jahr 2021 verbuchten die Lieferdienste etwa 13 Prozent des kompletten Umsatzes in der Gastronomie für sich. Mittlerweile hat sich der Wert wieder auf knapp unter 10 Prozent eingependelt. Den deutschen Markt teilen hauptsächlich drei große Anbieter unter sich auf. Gemessen am Umsatz liegt Lieferando mit großem Abstand an der Spitze. Jeder dritte Euro, der für Essenslieferungen in Deutschland ausgegeben wird, landet bei diesem Anbieter. Lieferando hat seinen Unternehmenssitz in Berlin, gehört aber seit 2014 zur niederländischen Just Eat Takeaway Gruppe. An zweiter und dritter Stelle folgen eng beieinander Uber Eats und Wolt. Sie haben jeweils einen Marktanteil von etwa 20 Prozent. Uber Eats ist eine Sparte des amerikanischen Taxivermittlers Uber. Wolt wurde im finnischen Helsinki gegründet und hat dort auch immer noch seinen Sitz. Das Unternehmen gehört jedoch auch Amerikanern, seit es vor vier Jahren von Doordash übernommen wurde. Die ebenfalls amerikanische Pizzakette Domino’s bringt es auf gerade einmal fünf Prozent des Lieferdienstumsatzes und liegt damit weit abgeschlagen auf Platz vier. Den Rest des Marktes teilen etliche kleine, meist regionale Lieferdienste unter sich auf. Mit acht Milliarden Euro Jahresumsatz gehört Deutschland zu den Top Ten unter den Märkten für Essenslieferdienste. Das liegt jedoch eher an der relativ hohen Einwohnerzahl Deutschlands und weniger daran, dass hierzulande alle so verrückt nach Essenslieferungen wären. Ganz im Gegenteil. Im internationalen Vergleich sind die Deutschen zurückhaltend, was die Nutzung von Liefer-Apps angeht. In diesen Ländern wird am meisten Essen bestellt Nutzeranteil Umsatz Laut Daten von Statista hat etwa jeder Dritte in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal ein fertiges Gericht an seine Haustür bestellt. Das sind immerhin mehr als 30 Millionen Menschen. Die Marktdurchdringung ist damit jedoch trotzdem nur halb so groß wie bei den globalen Bestellkönigen in Südkorea. Dort haben fast zwei Drittel der Menschen im letzten Jahr Essen bestellt. In Europa lässt sich niemand so häufig wie die Niederländer und die Briten sein Essen liefern. Dementsprechend kommen auch die größten Anbieter Europas aus diesen Ländern. Doch wer sind eigentlich die 30 Millionen Menschen, die sich in Deutschland Essen übers Internet bestellen? Große Unterschiede zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bestehen nicht. So gab laut einer Studie von Statista, in der 18- bis 64-Jährige befragt wurden, über fast alle Altersgruppen hinweg ein ähnlich großer Anteil an, im vergangenen Jahr Onlinelieferdienste genutzt zu haben. Lediglich in der Gruppe der Menschen, die älter als 60 Jahre sind, nimmt die Nutzung signifikant ab. Besonders beliebt sind die Lieferangebote für 30- bis 39-Jährige. Intuitiv könnte man auch denken, dass vor allem Männer Lieferdienste nutzen, da sie vermutlich weniger kochen. Doch diese Vermutung ist falsch. Auf das Konto von Frauen gehen sogar 52 Prozent der Bestellungen. Interessant wird es beim Blick auf die Einkommensverteilung der Nutzer. Denn es gilt nicht per se die Formel: Je höher das Einkommen, desto häufiger gönnen sich die Leute Ausgaben für Essensbestellungen. Zwar sind die aktivsten Nutzer der Lieferdienste die gut Betuchten mit einem jährlichen Haushaltsbruttoeinkommen zwischen 70.000 und 90.000 Euro. Danach folgen jedoch Haushalte, die mit einem Bruttoeinkommen von rund 22.000 bis 26.000 Euro im Jahr auskommen müssen. Unter Haushalten mit einem Bruttoeinkommen zwischen 26.000 und 70.000 Euro ist der Anteil der Lieferdienstkunden am geringsten. Zugespitzt ausgedrückt: Vor allem die Armen und Reichen nutzen Lieferdienste. In der Mitte der Gesellschaft wird seltener auf sie zurückgegriffen. Zu diesem Befund kam auch eine Untersuchung in den Vereinigten Staaten. Da in der Studie von Statista die Zahl der befragten Haushalte mit einem Jahreseinkommen von über 90.000 Euro zu klein ausfiel, konnten keine repräsentativen Daten über ihr Nutzungsverhalten von Lieferdiensten ermittelt werden. Unter den bestellten Speisen gibt es derweil eindeutige Kundenlieblinge. Eine F.A.Z.-Anfrage bei Lieferando, Uber Eats und Wolt ergab, dass auf allen Plattformen der Cheeseburger, häufig in Kombination mit Pommes Frites, unangefochten die Bestellhitliste anführt. Auf den Burger folgt die Pizza Margherita. Nach Variationen dieser Klassiker, wie etwa dem Chickenburger oder der Salami-Pizza, folgt in der Regel ein Hähnchengericht wie Butter-Chicken oder Chicken Teriyaki. Geliefert wird vor allem in den Abendstunden. Mehr als 55 Prozent der Bestellungen gehen zu dieser Zeit bei den drei großen Anbietern ein. Ein Essen zur Mittagszeit ordern nicht einmal 15 Prozent der Lieferdienstnutzer. Je Bestellung werden im Schnitt 23 Euro ausgegeben. Lieferando und Wolt gaben auf Anfrage an, dass Kunden im Schnitt rund zwei Euro Trinkgeld digital geben. Wie viel darüber hinaus an der Haustür in bar dem Boten gegeben wird, wird nicht erfasst. Produktfälschungen: Günstig oder alles nur geklaut? Warum Deutschland im Glasfaserausbau so hinterherhinkt Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge
