Ausgerechnet Kirsan Iljumschinow darf am Brett von Vincent Keymer mit einem Zug für die Fotografen die achte Runde der Schacholympiade eröffnen. Nach zwanzig Jahren als Präsident der Weltschachföderation FIDE war er von Amerika sanktioniert worden, weil er Ölgeschäfte für Syriens Diktator Bashar al-Assad abgewickelt hatte. Die Sanktion ist verjährt, und der für bizzare Statements und Aktionen bekannte Russe kalmückischer Herkunft wollte erneut als Präsident kandidieren. Als der russische Verband ihm seine Unterstützung verweigerte, verkündete er vor ein paar Monaten seinen Rückzug vom Schach. Dass er nun doch da ist, liegt an den Wahlen an diesem Samstag. Der Kandidat Wadim Rosenstein, ein Düsseldorfer Geschäftsmann, hat den abgebrühten Schachpolitiker engagiert, um beim Einsammeln von Stimmen zu helfen. Einigen Delegierten sind Iljumschinow und die großzügigen Zuwendungen seiner ersten Amtszeiten noch in guter Erinnerung. Turlow hat einen prominenten Joker Auch Timur Turlow, der durch den wegen EU-Sanktionen zurückgetretenen Arkadi Dworkowitsch in Stellung gebrachte Nachfolgekandidat, zieht kurz vor der Stimmabgabe einen prominenten Joker. Der Milliardär mit kasachischem Pass fürchtet anscheinend Schaden durch seine Herkunft aus Russland und den anhaltenden Krieg in der Ukraine. Also will er im Fall seiner Wahl Mychajlo Podoljak zum Vizepräsidenten der FIDE machen. Der ukrainische Journalist und gelegentliche Selenskyj-Berater soll ihm auch helfen, von der ukrainischen Sanktionsliste gestrichen zu werden. Der ukrainische Schachverband unterstützt indessen Rosenstein und protestierte umgehend, dass Podoljak bisher in keiner Weise mit dem Schach verbunden war und daher auch nicht das ukrainische Schach vertrete. Turlow bezeichnet seine bereits 2022 erfolgte Sanktionierung durch die Ukraine gegenüber der F.A.Z. als unfair, meint, sie werde bald rückgängig gemacht, und verspricht, umgehend als FIDE-Präsident zurückzutreten, falls die EU ihn sanktioniert: „Aber das wird nicht passieren.“ In der Halle nebenan ist Matthias Blübaum nach einem Bauernopfer von WM-Herausforderer Dschawochir Sindarow in der Bredouille, doch die Lübecker Brüder Frederik und Rasmus Swane stehen gegen ihre usbekischen Gegner aussichtsreich, als im Ausstellungsbereich eine Fragerunde mit den Kandidaten beginnt. Rosenstein fehlt, ohne dass eine Begründung bekannt wird. Jan Henric Buettner, der sich im Schach als Promoter von Freestyle mit ausgeloster Grundstellung einen Namen gemacht hat, und Turlow stellen sich. Größter Unterschied zwischen den beiden: Buettner hat seine Wahlkampfausgaben auf ein Minimum beschränkt und will die FIDE nicht aus eigener Tasche sponsern. Turlows Kampagne kostet Millionen, seit 2023 ist er Hauptgeldgeber der FIDE und ist bereit, es zu bleiben. Während Turlow sich in Samarkand jovial und ansprechbar gibt, kämpfen seine Lobbyisten und Anwälte an weiteren Fronten: Wegen eines kürzlich geschlossenen Sponsorenvertrags sollten Rosenstein als Kandidat und der Deutsche Schachbund von der Stimmabgabe ausgeschlossen werden. Turlow bestreitet, noch einen russischen Pass zu haben Ingrid Lauterbach, bis Mai Präsidentin des Deutschen Schachbunds, wurde von Turlows Team als Zeugin eingeladen und sagte gegen ihren eigenen Verband aus. Laut ihrem Nachfolger Paul Meyer-Dunker wurde Lauterbach nachgewiesen, dass sie sich mehrfach falsch erinnerte. Die Ethikkommission verwarf ihre Auslassungen als irrelevant und wies Turlows Auschlussantrag ab. Den ehemaligen FIDE-Angestellten David Llada lässt er vor einem amerikanischen Gericht verklagen, wo Rechtsstreitigkeiten besonders teuer werden können. Der Spanier hat verbreitet, dass Turlow laut einer russischen Datenbank immer noch einen gültigen russischen Pass habe. Was dieser bestreitet. Die Angestellten der FIDE sind zu Neutralität verpflichtet. Hinter den Kulissen arbeiten die Führungskräfte für Turlow. Während die Mitarbeiterkosten seit der letzten Wahl 2022 um etwa zwei Millionen Euro höher ausfielen als budgetiert, wurden für Jugendschach und die Entwicklung der nationalen Verbände zwei Millionen zu wenig ausgegeben. Überbezahlt? Das weist Sutovsky zurück Würde einer der deutschen Kandidaten gewählt, wären fast alle FIDE-Manager ihren Job los. Auf der Abschussliste steht vor allem Generaldirektor Emil Sutovsky, der sich mit Turlow laut Beobachtern glänzend versteht. Den Vorwurf der Überbezahlung weist er zurück. Seine Bezüge, inklusive Bonuszahlungen von der FIDE oder Sponsoren, hätten für die letzten vier Jahre insgesamt deutlich unter einer Million Euro gelegen. Der 49 Jahre alte Israeli brüstet sich oft mit neuen Geldgebern. Kürzlich unterschrieb Salesforce als Hauptsponsor der WM-Kämpfe 2026 und 2028. Das kalifornische Softwareunternehmen wurde von der Londoner Agentur P11 ohne Auftrag der FIDE ins Spiel gebracht. Sutovsky teilt mit, er habe die komplexen, mehr als ein halbes Jahr dauernden Verhandlungen geleitet. Die Zentrale des Weltverbands in Lausanne hat vier Marketingprofis verloren. Sie behaupten, Sutovsky habe sie gemobbt, und er habe ihre Abschlüsse für die FIDE untergraben. Sutovsky sagt, die Vorwürfe seien falsch und widerlich. Zwei gingen von selbst, zwei kosteten die FIDE Abfindungen und Rechtsverfahren. Im Unterschied zu ihnen hat der Generaldirektor keine betriebswirtschaftliche Ausbildung. Als Zeitbombe gilt er auch wegen hoher Spesenrechnungen, und weil er beim Frühstück oft mit attraktiven jüngeren Frauen gesehen wurde, Mitarbeiterinnen inklusive. Er könne sich an kein Frühstück mit attraktiven Frauen erinnern, aber wenn ein Arbeitstreffen aus Zeitgründen früh beginnen müsse, könnte es beim Frühstück gewesen sein, antwortet Sutovsky auf Nachfrage. Derweil hat Blübaums Niederlage von Frederik Swane ausgeglichen. Sein Bruder Rasmus steht auf Gewinn, darf sich aber keinen Fehlzug leisten, bei Keymer zeichnet sich ein Remis ab. Hätte Usbekistan auch diesen Kampf gewonnen, wäre dem Gastgeber Gold kaum noch zu nehmen gewesen. Nach dem 1.5:2,5 gegen Deutschland ist die am Sonntag endende Schacholympiade sportlich weit offen. Auch die weichenstellende Wahl am Samstag scheint es. Jeder Kandidat reklamiert, eine Mehrheit hinter sich zu haben. Keiner hat angedeutet, wen er im Fall seines Ausscheidens in einem zweiten Wahlgang unterstützen würde.
