FAZ 11.09.2026
14:12 Uhr

FRaktur: Soll man die Ossis wirklich aufhalten?


Das Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt hat nicht nur mit dem Kanzler etwas gemacht. Auf keinen Fall wollen wir uns eines Tages einen Vorwurf machen müssen wie Jens Spahn.

FRaktur: Soll man die Ossis wirklich aufhalten?

Der erste Gedanke, als das Handy tutete: Der Russe ist bei der Suwalki-Lücke durchgebrochen, rollt vielleicht auch schon durchs Fulda Gap! Dann: Die Gasspeicher sind leer! Dann: Weidel hat Klöckner rausgeschmissen und mit einem dicken Filzstift selbst ihre Ernennung zur Reichstagspräsidentin unterschrieben, wofür sie von Trump 5000 Dollar bekam! Schweißgebadet fiel uns aber endlich wieder ein: Es war ja nur ein Test! Nur ein Test der Warnapp am Warntag, dem Himmel sei Dank! Der Erleichterung folgte aber auch ein gewisses Unverständnis. Klar, so ein Probealarm muss sein, weil all das, was uns da durch den Kopf geschossen war, ja geschehen kann. Aber musste diese Übung wirklich nur vier Tage nach dem doch absehbaren Schock von Sachsen-Anhalt abgehalten werden? Das Wahlergebnis hat ja nicht nur den Kanzler und die Generalsekretärin der CDU erschüttert, sondern auch uns. Merz und Hoppermann blieben noch einigermaßen unkonkret, was es – da denkt doch jeder an Stephen Kings Monsterclown Pennywise – mit ihnen gemacht habe. Seit unseren Horrorvisionen können wir uns das aber detailgenau vorstellen. Jetzt haben wir sogar noch mehr Mitleid mit dem Kanzler als die Grünen-Fraktionsvorsitzende Dröge. Woran das Lamento der Ostdeutschen erinnert Was uns dagegen nicht in Angst und Schrecken versetzt hätte – diesen Fehler müssen wir, dem Vorbild des Kanzlers folgend, unumwunden zugegeben –, wäre die Alarmmeldung gewesen: Oxit! Der Osten spaltet sich ab! Denn das wäre doch die logische Konsequenz aus allem, was wir von der AfD und ihren Anhängern in den ostdeutschen Bundesländern hören. Das anschwellende Lamento über die ungerechte politische und wirtschaftliche Behandlung des Ostens durch die Kolonialherren im Westen erinnert schließlich sehr an die Klagen in der Frühphase früherer Unabhängigkeitsbewegungen, ob in der Alten oder Neuen Welt. Da hieß es auch immer, man erfahre keine Gleichbehandlung, werde von oben herab behandelt, über den Tisch gezogen, ausgebeutet. Irgendwann hatten die Unterdrückten dann genug, schmissen den Statthalter des Herrschers aus dem Fenster oder wenigstens den Tee ins Hafenbecken und gründeten ihren eigenen Staat mit eigenen Parteien, Zeitungen, Rundfunksendern (so schon erfunden) und natürlich einer selbstbestimmten Politik. All das bildet sich auch schon im deutschen Osten heraus, erkannt, gefördert und genutzt von der AfD, die dort kraftvoll und erfolgreich die nationalen Kräfte anführt. Zwar fordert die AfD für ganz Deutschland den Austritt aus dem Euro und dem Schengenraum. Aber wenn die Deppen im Westen ihre Weichwährung und ihre sperrangelweit offenen Grenzen behalten wollen – sollen sie! Dann führt der Osten eben wieder die aluminiumharte Ostmark ein, am besten mit Bindung an den Rubel, und zieht Grenzbefestigungen hoch, dass selbst Trump die Spucke wegbleibt. Damit wir uns nicht Vorwürfe machen müssen wie Jens Spahn Sie halten diese Szenarien für übertrieben? AfD-Chef Chrupalla hat schon die Errichtung einer Sonderwirtschaftszone in der ganzen ehemaligen Zone gefordert, in der man dann selbst agieren könne. Endlich wieder Gas und brüderliche Hilfe aus Russland! Und jetzt mal ehrlich, damit wir uns nicht eines Tages wie Jens Spahn vorwerfen müssen, zu feige gewesen zu sein, bei diesem sensiblen Thema offen Farbe zu bekennen: Sollten wir Wessis dann die Ossis auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit aufhalten, wie es der Kanzler mit dem Hinweis auf den Bundeszwang andeutet? Wäre das nicht schon wieder ein Fehler? Eine solche Trennung müsste ja nicht so blutig ablaufen wie damals in Jugoslawien. Vorbild könnte die friedliche Auflösung der Tschechoslowakei sein. Das Verhältnis von Tschechen und Slowaken ist seit der Scheidung viel entspannter. Allerdings müssten wir wieder Grenzübergänge bauen und vielleicht auch Transitwege ins links-grün-versiffte Westberlin, mit dem sich der neue AfD-Staat vermutlich nicht herumplagen will. Denn bei der nächsten Teilung würde ja wohl auch im Westen gefordert werden, an der Demarkationslinie einen antifaschistischen Schutzwall zu errichten.