FAZ 22.07.2026
14:59 Uhr

Fahrbericht Seat Ibiza FR: Totgesagte feiern länger


Die Feierlichkeiten waren schon abgesagt. Aber die Party geht weiter. Seat ist auch in Zukunft dabei. Das jüngste Lebenszeichen ist ein Ibiza mit frischem Make-up. Ach herrlich, wie frech und unkompliziert so ein Kleinwagen sein kann.

Fahrbericht Seat Ibiza FR: Totgesagte feiern länger

Dreht sich die Familiendebatte um die Frage Gelb oder Rot, ist ansonsten offensichtlich alles in Ordnung mit dem Probanden. Dies, obwohl er schon einige Jahre auf dem Buckel hat, an Bord Relikte aus dem Antiquariat wie ein Handbremshebel logieren und es überhaupt lauter leicht verständliches Zeugs gibt weitab von der Alles-auf-einem-Bildschirm-Bedienung. Seat Ibiza, wie das schon klingt. Zwischenzeitlich stieg leichte Sorge empor, der Balearencharmeur sei reif für die Rente, vom Zweifel an margenschwachen Modellen und dem Glauben an die eroberungsfreudige Sippe von Cupra gen Ruhestand geschickt. Die gute Nachricht für Freunde bezahlbarer Mobilität mit einem Schuss Lebensfreude: Seat wird nicht eingestellt oder auf das Niveau eines Feigenblattverkäufers zurückgeworfen, sondern darf weiter Autos bauen. Die spanische Marke bekommt gar einen frischen Motor. Die Rückbesinnung innerhalb des Volkswagenkonzerns ist natürlich auch der harten Realität geschuldet, dass nämlich die Kundschaft nicht wie geplant auf Elektromobilität umschwenkt und es zudem einen Preisraum zu verteidigen gilt, den sonst chinesische Hersteller zu besetzen drohen. Der Sportableger Cupra kann offenbar doch nicht alles auffangen. Das hätte man früher wissen können, statt die Marke der Spekulation preiszugeben, aber nun ist es, wie es ist. Das Leben kann so schön sein Der Testwagen fährt ungerührt vor und packt alles aus, was er an Verführungskünsten zu bieten hat. Black Edition, also gelb lackiert. FR-Paket, 150 PS, Doppelkupplungsautomatik. Letztere mit einem in den Raum ragenden Griff, der ganz furchtbar altmodisch ausschaut. Und dann entdeckst du deine rechte Hand darauf lümmelnd, wie sie zum Überholvorgang kurz nach hinten zuckt, den Sportmodus anwirft, der kleine Ibiza am großen Vordermann vorbeihuscht, wieder ein Zucken, das Getriebe findet in den Normalzustand zurück und der Vierzylinder schnurrt am Gas. Das Leben kann so schön sein, wenn es so einfach ist. Der Ibiza ist bekanntlich ein VW Polo, nur in Fescher. Weil er alte Schule ist, darf er noch ein Schiebe-Hebedach haben, was neuerdings nicht mehr geht, wegen des luftigen Widerstands bezüglich der Normkilometer im Elektrischen. Wer dort Einschränkungen erkennt, freundet sich womöglich mit der jüngsten spanischen Erkenntnis an. „Seat ist ein Symbol der Freiheit für Generationen junger Fahrer“, heißt es dort jetzt. Und weil der Kern eben Ibiza heißt, darf er mit frischem Make-up in die Verlängerung. Ebenso wie sein von ihm abgewandelter Hochbeiner namens Arona. Die spannendste Nachricht ist die Einpflanzung eines neuen mildhybriden Vierzylinders mit 1,5 Liter Hubraum und 116 PS oder 150 PS aus dem VW-Regal. Ein laufruhiger Vierzylinder ist den nur eine Episode lang angesagten Dreizylindern in so ziemlich allen Belangen überlegen. Allerdings wird es noch bis Herbst dauern, bis die Maschine an den Start gehen darf. Vermutlich ist die Entscheidung in der Entwicklungsphase spät gefallen, sonst ist das ja eigentlich nicht zu verstehen. Dem FR macht freilich schon das vorhandene Maschinchen fröhlich Beine, es gäbe auch 80 PS und Handschalter, für den Einstieg halt. Vollelektriker stehen bis auf Weiteres nicht auf dem Programm von Seat, zu teuer, man überlässt diesen Bereich Cupra. Ibiza gehört zum Besten der Kleinwagenwelt Die sportlichste Version offeriert ein straffes, aber nicht rüdes Fahrwerk und erquickliche Präzision bis weit hinein in den Grenzbereich. Was die Gesamtabstimmung angeht, gehört der Ibiza zum Besten, was die Kleinwagenwelt zu bieten hat. Allen Versionen gemein ist eine solide Raumausnutzung, prima Sitze und eine feine Position zum hübschen Dreispeichenlenkrad, den Pedalen und Schaltern. Beleuchtete Umrandungen der Lüftungsdüsen geben Schick. Gute Ablagen in der Mitte nehmen Krimskrams auf, die Einrichtung sieht nicht nach der Evolution letzter Schrei aus, funktioniert aber prächtig. Es fehlt leider ein Knopf für die Radiolautstärke in der Mitte, am Lenkrad ist einer. Die Frischzellenkur ist zu erkennen an zackigen Voll-LED-Scheinwerfern. Das Abblendlicht soll doppelt so hell sein wie bisher, jedenfalls haben wir das Reh erkannt, bevor es vors Auto gesprungen ist. Der geducktere Auftritt rund um den Grill sieht angriffslustig aus. Auch im Rücklicht scheinen LED-Streifen auf. Fröhliche Farben sollen Mittelmeergefühle bis hinein in Darmstädter Industriegebiete wehen, Gelb eben – oder Rot. Gravierende Eingriffe ins Blech sind ausgeblieben. Chrom ist rausgeworfen und durch schwarzes Plastik ersetzt, das ist heute handelsüblich. Eine Ladeschale fürs Handy ist Ehrensache. Feinste Musik gab es früher von Beats, die Kooperation ist ausgelaufen. Nun liefert Seat die Töne selbst, bis zu 300 Watt und sechs Lautsprecher genügen knapp im Ibiza auf Ibiza, aber voll im Ibiza auf Innenstadttour. Es gibt wie gesagt einen Handbremshebel, so mit Hand und Hebel und Bremse, unfassbar. Den braucht man allerdings echt nur noch für den Einparkdrift auf Schnee im Winter. Gut rastende, sich solide anfühlende Lenkstockhebel sind eine Wohltat. Das schreiben wir, weil es nicht mehr selbstverständlich ist. Drei Wasserkästen passen in den Kofferraum. Was wir nicht so verstehen, ist die Oberfläche im Bildschirm. Drei Felder erscheinen dort, tun aber nix, wenn man sie berührt. Das Navi begreift nicht immer alle Ansagen. Voll daneben liegt Seat mit der Ausrichtung des Aufmerksamkeitswarners, der zu sensibel eingestellt ist, er nervt und mahnt wie ein übereifriger Oberlehrer. Kamillentee in Castrop-Rauxel oder Caipirinha in Cala Bassa? Da muss man sich schon entscheiden. Haben wir. Im Familienrat. Drei zu eins für Rot. Vier zu null für den Ibiza. Er ist noch immer ein fröhlicher Herzensbrecher, der kleine Seat. Und das auf die alten Tage. Respekt. Unser Fazit STARK: Die fröhliche Anziehungskraft unkomplizierter Vertrautheit. Der Handbremshebel, also wenn’s mal wieder schneit. SCHWACH: Eher wenig. Der leicht enteilte Preis vielleicht. Sicher der neue Aufmerksamkeitspiepser, wurde zur Nervensäge promoviert. FLACH SPIELEN, HOCH GEWINNEN: Es gibt auch den suvigeren Arona noch, genauso frisch onduliert.