„Er suchte in seinem Spiel immer nach der Wahrheit, und diese Wahrheit besaß Schönheit.“ Als Sonny Rollins mit diesen Worten seinen früh verstorbenen Saxophonkollegen John Coltrane würdigte, hatte er wohl dessen lebenslanges Bemühen im Blick, über die Grenzen der Musik, über die Beschränkungen des in Tönen Sagbaren hinauszugelangen und an das große Geheimnis der Existenz zu rühren. Schönheit war für Coltrane ohne religiöse Versenkung nicht zu haben. Die Essenz, oder in der Sprache des Saxophonisten der reine Sound wurden zu seinem Ziel. Hier erst konnten Wahrheit und Schönheit zusammenfallen. In eher desolaten Zeiten steht „Enjoy Jazz“ in diesem Jahr nicht zufällig unter dem Motto „Beauty“. In fünfundsechzig Veranstaltungen will die 28. Ausgabe des Festivals erkunden, welche emanzipatorischen Funken sich noch aus dem inflationierten Schönheitsbegriff schlagen lassen. Dabei dürften die hochkarätigen Hommagen an John Coltrane zeigen, wie gegenwärtig Tranes Spiritualität noch ist. Sie kostet die kleinsten rhythmischen Nuancen mit ihrem Körper aus Auch dem zweiten hundertjährigen Geburtstagskind Miles Davis widmet das diesjährige Festival mehrere Abende, um ein paar Geheimnisse hinter diesem „Ästheten der Arroganz“ zu lüften. Doch in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen wird in den kommenden zwei Monaten nicht nur versucht, die Zukunft des Jazz aus seiner ruhmreichen Vergangenheit abzuleiten. Die Festivalmacher um Rainer Kern sind Gegenwarts-Enthusiasten. Das dokumentierte schon das Eröffnungskonzert im wieder eröffneten Konzerthaus Stadthalle Heidelberg mit der algerischen Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Souad Massi. Oft als „Tracy Chapman des Maghreb“ geadelt, verblendet sie in ihren Liedern sanften Folk mit afrikanischen Grooves, Flamenco und Bossanova. Wie in Trance tanzt Massi beinahe schwerelos durch die Songs und kostet noch die kleinsten rhythmischen Nuancen mit ihrem Körper aus. Ein Vorbild für alle, die sich nicht einschränken lassen wollen Ihre zumeist autobiographisch gefärbten Texte singt sie in arabischer, französischer, ab und zu auch im Berber-Idiom der kabylischen Sprache, die von Massis Vorfahren im nordalgerischen Teil des Atlas-Gebirges gesprochen wurde. Dennoch werden ihre Lieder inzwischen auch in Deutschland geliebt und verstanden, da es sich bei ihrer Poesie um jene „inarticulate speech of the heart“ handelt, die nach einem Song Van Morrisons keiner weiteren Übersetzung bedarf. Konterkariert wurde ihre feenhafte Leichtigkeit durch einen Gastauftritt des französischen Rappers Youssoupha, der in schwerblütigen Litaneien seine kongolesische Herkunft nie verleugnete. Seit fast dreißig Jahren lebt Souad Massi in Paris. Den Wirren des Bürgerkriegs in Algerien konnte sie Ende der Neunzigerjahre entfliehen und setzt sich seitdem für Freiheit und Geschlechtergerechtigkeit nicht nur in ihrem Heimatland ein. So hat sie sich zu einer Art role model für muslimische Frauen entwickelt, die sich weigern, sich durch ihren religiösen Hintergrund in ihrem Lebensstil einschränken zu lassen. Vom hochvirtuosen Gitarristen Ralph Lavital angetrieben, schaffte das schwarzgewandete Quintett subtile Klangbilder, die in ihrem schwelenden Dunkel allen vordergründigen Schlager-Kitsch konterkarieren. Zu einem Höhepunkt des ausverkauften Konzerts entwickelte sich Massis Lesart von Trent Reznors Fixer-Ballade „Hurt“, die in ihrer ultimativen Fassung von Johnny Cash auch als elegisches Anti-Drogen-Manifest verstanden werden kann. Durch Rock-Riffs mit Mittelteil kann sie dem Stück eine fast erdrückende Schwerkraft verleihen. Nordic Sound im Hallraum der Kirche Wie groß die Spannweite des diesjährigen „Enjoy“-Programms ist, versinnbildlichte zwei Tage später der kontemplative Auftritt des Nordic Sound-Duos von Tord Gustavsen und Trygve Seim im sakralen Hallraum der Heidelberger Heiliggeistkirche: Größer könnte der Kontrast zum tanzbaren Massi-Pop kaum sein. Fernab aller Überwältigungs- und Eroberungsstrategien setzen die beiden ECM-Künstler in einem durchgehenden Set von fünfundsiebzig Minuten allein auf das erlösende Murmeln ihres mäandernden Klangstroms. Die meisten Stücke der Saxophon-Piano-Paarung lassen sich auf Choräle von Johann Sebastian Bach zurückführen. Dabei verleiht Gustavsen am Konzertflügel den Kirchenliedsätzen mit seinem unterkühlten Improvisations-Gestus gänzlich neue Konturen. Immer wieder gelingen ihm auf Synthi-Tablets behutsame Manipulationen des akustischen Piano-Sounds. Einflüsse aus der skandinavischen Folklore wetteifern mit seiner eigenen Formensprache, die zwischen europäischer Klassik und amerikanischem Minimalismus changiert. Trygve Seim, von seinem Partner als „the guru of tantric saxophone“ beschrieben, ist in seinem Spiel nie exzessiv, lässt die weitschwingenden Melismen allein von der Gleichmäßigkeit des menschlichen Atems tragen. Sein elegischer Ton auf dem Tenor und Sopranino scheint wie auf Samtpfoten aus dem Nichts heranzuschweben. Erst im Kontrast zur strategisch eingesetzten Stille gewinnen Seims Saxophonphrasen ihre existentielle Schwere. In seiner achtsamen Interaktion wirkt das Duo wie die perfekte Inkarnation des ECM-Credos „The Most Beautiful Sound Next To Silence“: Klanglandschaften voller Klarheit, Räumlichkeit und sprechendem Schweigen. Geistliche Lieder wie „Jesu, meine Freude”, „Auf meinen lieben Gott” oder „Befiehl du deine Wege” setzen die beiden mantra-artig als Ausgangs- oder Endpunkte weitgreifender Exkursionen ein. Demütige Suchbewegungen münden in ekstatischen Steigerungen. Gustavsen charakterisierte die slow burning-Konversationen mit Seim einmal als „kleine Hymnen“, und so klingen sie auch: von spiritueller Tiefe getragen und einem himmelhoch jauchzendem Befreiungsgestus beseelt. Schönheit manifestiert sich hier – ganz im Sinne von John Coltrane – als das nur schwer greifbare transzendentale Moment der Musik.
