Es wird eine Menge Leute gegeben haben, die den Mann für verrückt erklärten. Schließlich war Moritz Franke Metzgermeister, als er nach dem Ersten Weltkrieg nach Frankfurt kam. Und ausgerechnet so einer kam nun auf die Idee, in der Altstadt einen Fischladen zu eröffnen. Aber Fleisch und Wurst wurden in den Schirnen der damals noch im Original erhaltenen Altstadt schon mehr als genug verkauft, Fische hatte an den offenen Verkaufsständen in den engen Gassen niemand im Angebot. Und deshalb wurde aus Frankes Idee schon bald ein florierendes Geschäft. Halb Frankfurt kaufte bei ihm an der Neuen Kräme Fisch – und auch die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges und der Untergang der Frankfurter Altstadt bedeuteten für den von so vielen geschätzten Laden nicht das Ende. Wegen des Baus der Berliner Straße 1952 und später wegen der Errichtung des Museums für Moderne Kunst 1987 musste das Geschäft ein paarmal umziehen, bis es an der Ecke von Domstraße und Berliner Straße sein heutiges Quartier beziehen konnte. Um einen Imbiss und ein Restaurant erweitert, ist „Fisch Franke“ längst eine Institution in der Stadt. Selbst das Ausscheiden des Gründers und die Übernahme durch den Nordsee-Konzern 1970 haben dem Ruf nichts anhaben können. Gregor Engels, der das Geschäft seit 2003 führt, und sein Team haben eine ebenso stabile wie große Zahl an Stammkunden, was nicht zuletzt wohl auch daran liegt, dass die Konzernmutter den Betrieb nicht zur Filiale gemacht hat, sondern als eigenständiges Haus mit individuellem Charakter bestehen lässt. Tagsüber herrscht vor allem an der Fischtheke und im direkt anschließenden Bistro-Bereich Betrieb, die Kundschaft lässt sich Pfannengerichte, Matjessalate und Fischbrötchen schmecken. Im Restaurant wird es voll, wenn die ersten Mittagsgäste eintreffen, abends kommt dann ein weiterer Schwung, um sich mit Fisch und Meeresfrüchten satt zu essen. Die Karte spiegelt die Tradition wider, für die „Fisch Franke“ steht: Seelachs mit Remoulade und Pommes, Forelle blau oder Müllerin, Rotbarsch im Bierteig, Kabeljau mit Senfsoße und Salzkartoffeln, Scholle Finkenwerder Art. Viel klassischer geht es in einem Fischrestaurant eigentlich nicht. Wer es moderner will und lieber Sashimi, Crudo oder Ceviche von Thunfisch, Hamachi oder Red Snapper essen möchte, wer Jakobsmuscheln statt Heringshappen und Pulpo statt Zander auf dem Teller bevorzugt – der muss anderswo sein Glück versuchen. „Fisch Franke“ macht solche kulinarischen Modeerscheinungen nicht mit. Was nicht heißt, dass sich die Küchenmannschaft um ihren Chef Gregor Engels gar nicht bewegt. Nein, das Angebot geht durchaus mit der Zeit – allerdings behutsam und immer im Rahmen der klassischen deutschen Fischküche. Wie überzeugend ein Traditionsgericht sein kann, zeigen zum Beispiel die „Garnelen im Glas“, die frankesche Version des guten alten Garnelencocktails (14,45 Euro). Serviert in einem großen Martini-Glas, mit Eisbergsalat-Schnipseln als Grundlage und würziger Cocktailsauce als Topping, verströmt diese Vorspeise zwar auch optisch den Charme der Sechzigerjahre. Aber die Garnelen sind nicht nur zahlreich und groß, sie sind auch von sehr guter Qualität, aromatisch und nicht so übergart oder labberig, wie man sie sonst so oft serviert bekommt. Ähnlich tadellos kommt die Nordsee-Seezunge zum Tagespreis (in diesem Fall 35,95 Euro für knapp 230 Gramm) auf den Tisch: Auf der Gräte gebraten und nur mit Kartoffeln und geschmolzener Butter serviert, bietet das Gericht genau den Wohlgeschmack, für den dieser edle Fisch bekannt ist. Allein die Kartoffelbeilage bleibt mit ihrer leichten Glasigkeit unter ihren Möglichkeiten, die Wahl einer anderen Sorte wie etwa Linda, Belana oder Nicola würde an dieser Stelle Wunder wirken. Ebenfalls eine Empfehlung wert – und das nicht nur wegen seiner regionalen Begleitung – ist der gebratene Kabeljau-Rücken mit Grüner Soße (22,95 Euro): Das saftige Filet passt bestens zur würzigen, mit Ei-Stückchen zubereiteten Soße und zeigt nicht nur die gute Qualität des Fisches, sondern einmal mehr auch die Vielseitigkeit der Frankfurter Traditionstunke. Zu der passt natürlich ein Glas Ebbelwei, der bei Franke von der Maintaler Kelterei Stier kommt und über jeden Zweifel erhaben ist. Wer lieber Bier oder Rebensaft zum Fisch trinkt, bekommt frisch gezapftes Radeberger oder Tropfen aus Hochheim vom Weingut der Stadt Frankfurt serviert. Trockenen Riesling, Chardonnay oder Weißburgunder vielleicht? Oder womöglich süßen Kerner oder halbtrockenen Spätburgunder? Gibt es noch Gäste, die solche Weine bestellen? Oder ist das vor allem ein Angebot an die internationale und vor allem asiatische Laufkundschaft, die rund um die Altstadt unterwegs ist? Vielleicht ist es aber auch nur ein Zeichen von Tradition – zu einer Institution wie „Fisch Franke“ würde das auf jeden Fall passen. Fisch Franke, Domstraße 9-11, Frankfurt, Telefon 0 69/29 62 61, Internet www.fischfranke.de. Geöffnet montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr, samstags bis 17 Uhr.
