Magdalena Hartmann steht in der Küche ihres Restaurants „Frajda, Pierogi“. Im Radio ist ein polnischer Sender eingestellt, und auch sonst erinnert in dem kleinen Bistro vieles an Polen. Die Bücher im Regal, die Bilder an der Wand und die Speisen sowieso. Auf der Karte stehen nicht nur polnische Teigtaschen, also „pierogi“, mit herzhaften und süßen Füllungen. Sondern auch Desserts, Drinks und natürlich Suppen. Polen ist ein Suppenland. Hartmann schwört zum Beispiel auf „grochówka“, also Erbsensuppe, und „zupa grzybowa“, eine polnische Pilzsuppe. Anfangs hat sie sich gefragt: Bin ich polnisch genug, um ein polnisches Restaurant aufzumachen? Schließlich ist es noch gar nicht so lange her, dass die junge Restaurantchefin ihre polnische Identität wiederentdeckt hat. „Ich habe meine polnische Seite sehr lange nicht gelebt“, sagt sie. Hartmann wurde in Polen geboren, ist aber in Bad Kreuznach aufgewachsen. Als sie zweieinhalb Jahre alt war, siedelten ihre Eltern nach Deutschland über. Zu Hause sprachen sie kaum polnisch mit ihrer Tochter, sondern vor allem deutsch. Das ist bei vielen polnischen Zuwanderern dieser Generation ähnlich. Weil sie wollen, dass ihre Kinder gut in der Wahlheimat zurechtkommen und die deutsche Sprache perfekt beherrschen, vernachlässigen sie ihre Muttersprache. Manche nennen das Überassimilation, also eine übertriebene Form der Anpassung. Deshalb hat auch Hartmann eine dominante und eine schwächere Sprache, wie sie sagt. Dominant ist die deutsche. 35 Jahre Städtepartnerschaft Vor fünf Jahren hat sie sich selbständig gemacht – mit eingelegtem Sauerkraut. Die polnische Küche ist reich an Kohl, Roter Bete und Wurzelgemüse. Zunächst hat Hartmann die fermentierten Speisen auf Märkten verkauft, dann entstand die Idee für ein eigenes Restaurant. Im „Frajda, Pierogi“, das früher einmal eine Pizzeria im Stadtteil Bornheim war, bietet sie Klassiker der osteuropäischen Küche an. Und sie gibt auch Kochkurse. Wer lernen will, wie man Gemüse fermentiert oder Teigtaschen faltet, kann sich zu einem Workshop anmelden. Den Namen „Frajda, Pierogi“ könnte man mit „Freude, Teigtaschen“ übersetzen. An der Tür hängt ein Plakat: Am 22. Oktober wird in der Paulskirche die Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Krakau gefeiert. Vor 35 Jahren unterzeichneten die Städte einen Partnerschaftsvertrag. Hartmann übernimmt nicht nur das Catering für die Feier. Seit einigen Monaten engagiert sie sich im Freundeskreis Frankfurt/Krakau, der die Städtepartnerschaft seit mehr als drei Jahrzehnten mit Leben füllt. Vereine, Musikgruppen, Chöre und Schulen sind seit 1991 im regen Austausch mit der Partnerstadt. „Polen war für uns ein unbeschriebenes Blatt“ Oft hat der Freundeskreis Frankfurt/Krakau dazu den Anstoß gegeben. In der Cantina Romana in Sachsenhausen trifft er sich einmal im Monat. Etwa 20 Leute sind gekommen, die meisten von ihnen sind im Seniorenalter. Ein Teil der Gruppe ist gerade aus Krakau zurückgekehrt. Einmal im Jahr veranstaltet der Verein eine Bürgerreise in die Partnerstadt. Nicht nur die Sehenswürdigkeiten der polnischen Königsstadt stehen dabei auf dem Programm. Die Besucher aus Frankfurt treffen auch Vertreter der Stadtregierung, des deutschen Konsulats und polnische Künstler. Verena und Joachim Hirschle waren zum ersten Mal dabei. Krakau sei „traumhaft schön“, sagen die beiden. „Polen war für uns ein unbeschriebenes Blatt.“ Anton Fischer ist mit seinen 23 Jahren der Jüngste in der Runde. Der Schreiner kennt Krakau gut. „Ich habe ein Herz für die Stadt“, sagt er. Krakau ist für ihn die schönste Stadt in Polen. Vor einigen Jahren führte ihn ein Schüleraustausch der Philipp-Holzmann-Berufsschule in die Partnerstadt. Fischers Mutter stammt aus Polen. Bis zum 16. Lebensjahr hat er die Ferien in ihrem Heimatdorf verbracht. Er spricht polnisch nicht fließend. „Aber ich verstehe einiges“, sagt er. Erst seit drei Monaten engagiert er sich in dem Verein, der die Städtepartnerschaft trägt. Noch weiß er nicht genau, wie er sich einbringen kann. „Aber der kulturelle Austausch ist mir wichtig.“ Karolina Nejman gehört mit Mitte dreißig ebenfalls zu den jungen Gesichtern an dem langen Tisch in der Cantina Romana. Auch sie hat polnische Wurzeln, ist aber in Deutschland aufgewachsen. „Ich habe selbst zwei Identitäten“, sagt sie. Und auch für sie kam der Moment, in dem sie sich fragte: „Wer bin ich eigentlich?“ „Das Interesse an Polen wächst“ Sie fasste schließlich den Entschluss, sich in dem Freundeskreis einzubringen. „Ich finde die Idee richtig, sich für gute nachbarschaftliche Beziehungen einzusetzen.“ Und zwar quer durch alle Generationen. Nejman arbeitet im Marketing. Sie hat die Website des Vereins überarbeitet, die nun viel moderner und übersichtlicher wirkt. Beim Altersdurchschnitt des Vereins sieht sie noch „Luft nach oben“ und hofft, dass sich noch mehr junge Leute für die Städtepartnerschaft und für die europäische Idee engagieren. So wie Fischer, Hartmann und sie. Das ist genau das, was Saskia Schneider erreichen will. Sie leitet den Verein und will neue und auch jüngere Mitglieder gewinnen. Schneider ist Musikerin und hat in den vergangenen Jahren nicht nur viele Reisen nach Krakau organisiert, in Kooperation mit der polnisch-deutschen Gesellschaft in der Partnerstadt. Sie hat auch polnische Künstler, Autoren und Wissenschaftler nach Frankfurt eingeladen. Bei den Konzerten, Lesungen und Vorträgen sitzt vor allem das gebildete Frankfurter Bürgertum im Publikum. Junge Leute sieht man eher selten. Das will Schneider ändern. Sie will erreichen, dass sich alle Altersgruppen für die Städtepartnerschaft interessieren, und ist zuversichtlich: „Das Interesse an Polen wächst.“ Auch die Polen in Frankfurt einbinden In den vergangenen Jahren ist der Verein etwas überaltert. Seine Existenz ist nicht gefährdet. Aber auf Dauer geht es an die Substanz, sollten keine jungen Leute nachwachsen. Schneider hat ein Ziel: Sie hofft, dass sie in einigen Jahren 200 Mitglieder zählen kann. Derzeit sind es immerhin schon 94. Die jungen Neumitglieder haben schon Ideen, was man anders machen kann. Das fängt bei der Werbung an. Hartmann nimmt lächelnd einen Flyer des Vereins in die Hand, der in ihrem Restaurant „Frajda, Pierogi“ ausliegt. Der Handzettel, mit dem der Verein zu einer Bürgerreise nach Krakau einlädt, ist liebevoll selbst gestaltet, aber sehr schlicht gehalten. „Ich glaube, das kann man heute besser machen“, sagt Hartmann. Die Gäste in ihrem Restaurant kommen überwiegend aus Deutschland. Viele haben in der Familie polnische Wurzeln und eine polnische Seite, die sie wieder „aktivieren“ wollen. Hartmann hofft, dass es auch gelingt, die „Polonia“, also die in Frankfurt lebenden Polen, anzusprechen und für die Städtepartnerschaft und die Veranstaltungen des Freundeskreises zu begeistern. Mit mehr als 10.500 Personen stellen die Polen immerhin eine der größten ausländischen Bevölkerungsgruppen in der Mainmetropole. „Man muss sie abholen“, sagt sie. Sie hat Ideen für „frische Formate“, mit denen das gelingen könnte. Zum Beispiel für einen Workshop, in dem man Keramik mit polnischen Mustern bemalen kann. Oder für After-Work-Events wie „pierogi i drinki“, also Teigtaschen und Drinks, die Hartmann schon mehrfach erprobt hat. Oder für ein polnisches Weihnachtsessen. „Wir können versuchen, das Polnische etwas moderner und frischer rüberzubringen. Ich glaube, dass das Interesse da ist.“ Jetzt geht es für Schneider und ihre Mitstreiter aber erst einmal darum, die Paulskirche bei der Jubiläumsfeier der Städtepartnerschaft zu füllen: „Jeder ist willkommen, der sich für Polen und die europäische Idee einsetzt.“
