Wer erwartet hatte, bei den Frankfurter Grünen auf Streit und ausgelebte Emotionen zu treffen, zehn Tage vor der Entscheidung, zwei ihrer bekanntesten Dezernenten endgültig abzuwählen, ist am Samstag enttäuscht worden. Völlig ungewöhnlich für die Partei haben ihre Mitglieder auf dem Parteitag das Thema gar nicht diskutiert. Dabei werden die Grünen künftig im Römer ohne den bisherigen Kämmerer und langjährigen Parteisprecher Bastian Bergerhoff und ohne die Bürgermeisterin und langjährige Diversitätsstadträtin Nargess Eskandari-Grünberg weiter Teil der Frankfurter Stadtregierung sein. Es war eine kurze, unaufgeregte Kreismitgliederversammlung: Die Grünen sind offiziell zur Tagesordnung übergegangen. Dass die vergangenen Monate seit der Kommunalwahl im März, aber vor allem seit der Vorbereitung und Entscheidung im Juni, welche zwei der bisher fünf Dezernenten ausscheiden müssen, nicht spurlos an den Frankfurter Grünen vorbeigegangen sind, ist deutlich zu spüren und am Ende auch zwischen den Zeilen zu lesen. Einstimmig haben die fast 150 anwesenden Mitglieder dafür votiert, unter dem Motto „Wurzeln stärken – gemeinsam weiter wachsen“ einen breit angelegten Strukturprozess der Frankfurter Grünen zu beginnen, der bis zum nächsten Sommer abgeschlossen sein soll. Über die Entscheidungsfindung soll noch gesprochen werden Auf Antrag der Frankfurter Landtagsabgeordneten Martina Feldmayer zählt zu den Themen, die bei diesem Strukturprozess diskutiert werden, die „Nachbearbeitung des Entscheidungsfindungsprozesses zur Auswahl und Abwahl hauptamtlicher Dezernenten und Dezernentinnen“. Damit zielt sie darauf ab, dass es am Ende der Koalitionsverhandlungen innerhalb der Grünen zu der umstrittenen Abwahlentscheidung und zuvor zu dem offen ausgetragenen Machtkampf zwischen Bergerhoff, Eskandari-Grünberg und dem bisherigen Verkehrsdezernenten Wolfgang Siefert kam. Der ging unter Zuhilfenahme einer professionellen Personalberatung zugunsten von Siefert aus, während gleichzeitig Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez und Sozialdezernentin Elke Voitl von vornherein als gesetzt galten. Julia Koldau von der Arbeitsgemeinschaft „Freunde und Freundinnen des Jüdischen Lebens“ hat mit ihrem schriftlichen Ergänzungsantrag dafür gesorgt, dass es künftig „Konfliktresolutionsmechanismen“ geben soll, auf die Mitglieder, Organe und Mandatsträger zurückgreifen können. „Mit der zunehmenden Zahl der Mandatsträger, Arbeitsgemeinschaften und Gremien steigt auch die Wahrscheinlichkeit der Konflikte“, hatte sie in ihrem Antrag formuliert: „Das ist Ausdruck einer lebendigen und engagierten Partei und grundsätzlich nichts Negatives.“ Bergerhoff: Bei Übergängen geht zu viel Erfahrungswissen verloren Bisher würden Konflikte häufig durch den Vorstand moderiert und begleitet. Das stelle für die Ehrenamtlichen eine Belastung dar, aber vor allem sei es schwierig, wenn ein Vorstandsmitglied selbst Konfliktpartei sei oder so wahrgenommen werde. Die Erfahrung zeige zudem, so Koldau, dass Konflikte „nicht dauerhaft gelöst werden, sondern teilweise nur vertagt, umgangen oder vorläufig befriedet werden“. Bastian Bergerhoff hatte bei der Reform der Strukturen gefordert, die Magistratsmitglieder stärker zu berücksichtigen. Insbesondere wenn es den „Umgang mit Übergängen“ betreffe. Bisher ginge mit dem Ausscheiden aus einem Amt auch das Erfahrungswissen, manchmal aus Jahrzehnten, verloren. Nachfolger starteten ohne strukturierte Übergabe. Und der Kreisverband besetze politische Ämter, betreibe aber keine gezielte Personalentwicklung. „Wie eine solche aussehen kann, sollte im Strukturprozess ausdrücklich geprüft werden“, so Bergerhoff. Zudem sei der Umgang mit Ehemaligen bei den Grünen grundsätzlich zu klären. Als Anlass dafür, einen Strukturprozess einzuleiten, nennen die Grünen nicht die Abwahlen. „Viele Prozesse stammen aus einer Zeit, als unser Kreisverband deutlich weniger Mitglieder hatte“, heißt es im Begründungstext des Kreisvorstands. Die Anforderungen an Kommunikation, Beteiligung und Zusammenarbeit hätten sich verändert. Die Frankfurter Grünen haben derzeit 2700 Mitglieder, vor zehn Jahren waren es 750. Der richtige Zeitpunkt, über verbesserte Strukturen zu reden, sei es auch, weil in den nächsten zwei Jahren keine Wahlen anstünden. Die nächste sei erst die Landtagswahl im Herbst 2028, gefolgt von der Wahl für den Frankfurter Oberbürgermeister, die Bundestags- und Europawahl – alle im ersten Halbjahr 2029.
