FAZ 21.09.2026
11:38 Uhr

Frühwarnsysteme: Wie erkennt man rechtzeitig, dass Berge brechen?


In Nepal traf die Sturzflut die Dörfer ohne Warnung, in der Schweiz hingegen retteten Messdaten fast alle Bewohner. Dahinter steckt ausgeklügelte Technik.

Frühwarnsysteme: Wie erkennt man rechtzeitig, dass Berge brechen?

Die Klimaerwärmung lässt Gletscher schmelzen und Berge brechen. Diese Erscheinungen sind rund um den Globus zu beobachten und faktisch nicht mehr aufzuhalten. Aber die betroffenen Regionen sind unterschiedlich gut darauf vorbereitet. Der Gletscher- und Bergabbruch in Nepal traf die Dörfer im Tal ohne Vorwarnung. Mehr als 1400 Menschen kamen in den Sturzfluten ums Leben, über 5000 werden noch vermisst. Als Ende Mai vergangenen Jahres im Schweizer Lötschental eine gewaltige Masse aus Eis, Schlamm, Schutt und Stein das Dorf Blatten unter sich begrub, war indes nur ein Todesopfer zu beklagen. Das Dorf mit 300 Einwohnern war zehn Tage zuvor evakuiert worden. Geologen hatten die Katastrophe vorhergesehen. Zwar unterscheiden sich die beiden Fälle eines kombinierten Berg- und Gletscherabbruchs: Die Höhenunterschiede im Himalaja seien extremer als in den Alpen, sagt Oliver Korup, Leiter der Arbeitsgruppe Naturgefahren an der Universität Potsdam, mit Blick auf den 6700 Meter hohen Berg in Nepal, dessen Flanke kollabierte. „Dies ermöglicht höhere Fallhöhen und Reichweiten mit Folgen für die gesamte Prozesskaskade vom initialen Abbruch bis hin zur Sturzflut.“ Aber umso wichtiger wäre es, ein funktionierendes Frühwarnsystem zu installieren, das auf einer systematischen Überwachung der abbruchgefährdeten Region beruht. Dabei könnten die Technologien, die in Blatten eingesetzt wurden, Pate stehen. Der dort erzielte Erfolg sei einzigartig, sagt Jan Beutel, der an der Universität Innsbruck zur hochalpinen Kryosphäre forscht. „Viele der Methoden und Praktiken zur Gefahrenprävention, die in den Alpen entwickelt werden, haben großes Potential, auch in Schwellen- und Entwicklungsländern Fuß zu fassen. Aber es ist noch ein weiter Weg.“ „Wir überwachen große Teile des Alpenraums“ Warum es ein weiter Weg ist, lässt sich schon aus dem enormen Aufwand schließen, der in Blatten betrieben werden musste, um die Bevölkerung zu warnen und zu schützen. Zum Einsatz kam ein ganzes Arsenal an Technologien der Schweizer Firma Geopraevent. Das Unternehmen aus Zürich entwickelt, installiert und betreibt Alarm- und Überwachungsanlagen zum Umgang mit Naturgefahren. Viele der aktuell 250 Anlagen befinden sich in hochalpinem Gelände. „Wir überwachen große Teile des Alpenraums“, berichtet der Geschäftsführer Alois Geierlehner im Gespräch mit der F.A.Z. Der österreichische Geophysiker betont, dass Geopraevent den Behörden keine Handlungsempfehlungen an die Hand gibt. „Wir liefern die Daten, anhand derer Geologen, Glaziologen und Geotechniker ihr Urteil zur Gefahrenlage und etwaigen Evakuierungen fällen.“ Zugleich stellt er mit Blick auf den Bergsturz in Blatten aber fest: „Unsere Daten waren sehr wichtig dafür, dass zeitgerecht die richtigen Entscheidungen getroffen wurden.“ Das Kleine Nesthorn, der Berg oberhalb von Blatten, dessen Ostflanke abbrach und den darunter liegenden Birchgletscher mitriss, war seit Langem unter Beobachtung. Bereits 2011 begann man mit dem Aufbau eines Frühwarnsystems, das kontinuierlich erweitert wurde. Neben allerlei Sensoren installierte Geopraevent zunächst eine Kamera, die alle paar Stunden ein Foto von der absturzgefährdeten Bergflanke schoss. Das Gerät kann aus einer Distanz von bis zu fünf Kilometern messen Durch den Vergleich der Bilder errechneten die Fachleute, welche Bewegungen es in diesem Hang gab. Als sich diese Bewegungen beschleunigten, zündeten sie die nächste Stufe und brachten ein mit der Interferenz von elektromagnetischen Wellen arbeitendes (interferometrisches) Radar mit satellitengestützter Datenübertragung zum Einsatz. „Dieses Radar hat den Vorteil, dass man aus einer Distanz von vier bis fünf Kilometern messen kann. Wir konnten unser Gerät also auf der gegenüberliegenden Hangseite installieren“, erläutert Geierlehner. Der zweite große Vorteil: Anders als eine Kamera lässt sich dieses Gerät nicht von Nebel, Regen, Schnee oder dem Dunkel der Nacht behindern. Es nimmt in Echtzeit Bewegungen im Millimeterbereich wahr und errechnet anhand der erkannten Deformationen, wann es zu einem Abbruch kommen dürfte. Mit dieser ausgeklügelten Radartechnik hätte womöglich auch der Bergsturz am Piz Cengalo oberhalb von Bondo im Kanton Graubünden zeitlich genauer eingegrenzt werden können. Im August 2017 ging dort eine Geröll- und Schlammlawine nieder, in der acht Bergwanderer ums Leben kamen. Die Gemeinde hatte lediglich Warnschilder aufgestellt, von einer Sperrung der gefährdeten Wanderwege und Schutzhütten aber abgesehen. Der Alarm löst automatisch aus Immerhin half seinerzeit eine andere, vergleichsweise günstige Technologie, den Schaden in Bondo selbst gering zu halten. Geopraevent hatte am Bachbett oberhalb der Gemeinde Pegelsensoren und Reißleinen angebracht. Als sich die meterhohen Schuttmassen gen Tal bewegten, rissen die Leinen und lösten so Alarm aus. Die Ampeln an der Durchgangsstraße unten im Haupttal schalteten automatisch auf Rot; zugleich wurden die zuständigen Stellen in der Gemeinde und im Kanton alarmiert. Auch Webcams lieferten Informationen. So konnten Polizei und Zivilschutz das Dorf umgehend evakuieren. Menschen kamen nicht zu Schaden. Erheblich war allerdings der Sachschaden. Dieser wäre aber noch größer gewesen, wenn man als Vorsichtsmaßnahme nicht zuvor noch ein Auffangbecken gegraben hätte, das inzwischen nochmals deutlich erweitert wurde. Denn der Piz Cengalo bröckelt weiter. Wenn es um sehr schnelle Bewegungen am Berg geht wie Lawinen und Steinschläge, verwendet Geopraevent sogenannte Doppler-Radarsysteme. „Die registrieren, wenn sich eine Lawine löst, und schlagen in Echtzeit Alarm“, erklärt Geierlehner. Dank der hinterlegten Algorithmen erkenne man den Pfad des herunterstürzenden Materials. Die Behörden würden auch informiert, wenn die Lawine nicht bis zur gefährdeten Straße vorgedrungen sei, sodass die Ampeln wieder auf Grün gestellt werden könnten. „Zu wissen, dass etwas passiert, reicht nicht“ Dass derlei Technologien auch in gefährdeten Berggebieten außerhalb Europas wie dem Himalaja zum Einsatz kommen, hält Geierlehner zwar für wünschenswert. Dies sei heute jedoch kaum der Fall, was er nicht nur darauf zurückführt, dass es in Entwicklungsländern wie Nepal an den notwendigen Finanzmitteln fehlt, um leistungsfähige Messsysteme anzuschaffen. „Zu wissen, dass etwas passiert, reicht nicht. Man braucht einen ganzen Apparat, um richtig und koordiniert reagieren zu können. Wie informiert man die Bevölkerung, und welche Fluchtwege stellt man ihr zur Verfügung?“ Da liege das Problem. In den Alpenländern hingegen sei das Ineinandergreifen der zum Katastrophenschutz notwendigen Maßnahmen gut etabliert und eingeübt. Balz Grollimund, der sich für den Versicherungskonzern Swiss Re mit Katastrophenrisiken beschäftigt, weist gegenüber der F.A.Z. darauf hin, dass der Alpenraum viel dichter besiedelt ist als die Himalaja-Region und allein schon deshalb viel genauer überwacht werde. Er erkennt aber auch Versäumnisse bei der Weitergabe vorhandener Informationen im Fall Nepals: Anhand verfügbarer satellitenbasierter Radardaten aus der Unglücksregion habe man im Nachhinein feststellen können, dass sich dort sieben Tage vor dem Ereignis etwas bewegt hatte. Daraus schließt Grollimund: „Der Fokus muss auf eine kontinuierliche und flächendeckende Datenanalyse gerichtet werden, um zu sehen, wo sich ein Ereignis anbahnen könnte.“ Zudem empfiehlt der Risikospezialist, noch mehr in Präventionsmaßnahmen zu investieren. Als leuchtendes Beispiel hierfür führt er die Tsunami-Warnsysteme im Pazifikraum an, die nach dem Tsunami im Dezember 2004 in Thailand eingerichtet worden seien und länderübergreifend gut funktionierten.