FAZ 21.03.2026
11:35 Uhr

Gewalttaten gegen Geld: „Jugendliche wollen diesen Gangster-Style“


Für gerade einmal wenige Hundert Euro werden Jugendliche angeworben, um schwerste Straftaten zu begehen – bis hin zum versuchten Mord. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow, erklärt das System dahinter.

Gewalttaten gegen Geld: „Jugendliche wollen diesen Gangster-Style“

Herr Peglow, das Phänomen „Violence as a Service“ beschäftigt die Sicherheitsbehörden derzeit intensiv. Jugendliche, oft aus den Niederlanden, werden von Akteuren der organisierten Kriminalität angeworben, um Personen zu bedrohen und Anschläge zu begehen, etwa indem vor Lokalen oder Wohnhäusern Sprengsätze gezündet werden. Oft geht es um Schutzgelder oder geschäftliche Auseinandersetzungen. Für wie virulent halten Sie die Entwicklung, die wir derzeit beobachten? Wir haben es mit einem sehr ernst zu nehmenden Phänomen der schweren und organisierten Kriminalität zu tun, das sich in den vergangenen Jahren in Europa entwickelt hat und sich immer stärker auch in Deutschland zeigt. „Violence as a Service“ beschreibt im Kern ein Geschäftsmodell krimineller Netzwerke, bei dem Gewalt gegen Bezahlung organisiert und ausgeführt wird, eben wie eine Dienstleistung. Das Spektrum reicht dabei von Drohungen über Brandstiftung und Sprengstoffanschläge bis hin zu gezielten Angriffen auf Personen. Besonders problematisch ist aus meiner Sicht, dass dahinter eine klare Struktur steht. Die Ermittlungsbehörden beobachten ein arbeitsteiliges System mit klar definierten Rollen. Können Sie das näher ausführen? Es gibt Auftraggeber, die die Taten initiieren und finanzieren, Rekrutierer, die gezielt nach Personen suchen, die bereit sind, solche Taten zu begehen. Und Vermittler, die die Logistik steuern, die Kommunikation führen und Tatmittel organisieren und den Ausführenden zur Seite stehen. Hinzu kommt: Die Organisation läuft heute oft im digitalen Raum. Anbahnungen und Rekrutierungen erfolgen über Messengerdienste, verschlüsselte Kommunikationskanäle und soziale Medien – häufig anonym. Über diese Kanäle werden gezielt junge Menschen angesprochen. So wird Gewalt zu einer Dienstleistung innerhalb krimineller Netzwerke. Und nicht zuletzt hat organisierte Kriminalität immer auch eine demokratiegefährdende Dimension, weil die Täter versuchen, wirtschaftliche Strukturen zu unterwandern. Die Taten, die gerade auch zuletzt in Hessen verübt wurden, haben gezeigt, dass die Täter sehr konspirativ und schnell vorgehen. Wie kann es den Sicherheitsbehörden überhaupt gelingen, diesen Kreislauf von Auftrag und Tatausübung zu durchbrechen? Darin liegt die große Herausforderung für Polizei und Justiz. Die Struktur ist ja bewusst so organisiert, dass sie schwer zu durchdringen ist. Dieses mehrstufige System, mit dem wir es hier zu tun haben, beruht darauf, dass die Akteure gar nichts voneinander wissen und auch den Auftraggeber nicht kennen. Deshalb setzen die Ermittlungen nicht nur beim Täter vor Ort an, sondern es geht darum, die dahinterliegenden Strukturen aufzuklären. Und das kann nur gelingen, wenn wir uns operativ so aufstellen, dass wir die Taten, die in diese Kategorie fallen, auch entsprechend zuordnen. Zum Beispiel? Wenn wir wissen, dass ein internationaler Hintergrund zu vermuten ist, müssen wir schnell mit den ausländischen Behörden, in dem Fall vorwiegend mit den Niederlanden, in Kontakt treten, um Erkenntnisse zusammenzubringen. Das geht aber nur, wenn typische Muster, die sich bei diesen Delikten zeigen, auch erkannt werden. Das heißt, am Ende ist es auch eine Frage der Beweissicherung. Beamte, die als Erstes an einen Tatort kommen, müssen sensibilisiert dafür sein, dass das nicht einfach ein gezündeter Sprengsatz war, sondern eine Tat im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität? Genau. Und wir müssen Daten abgleichen mit Erkenntnissen, die wir aus anderen Verfahren dieser Art haben. Vor einigen Monaten hat Europol eine erfolgreiche Aktion vermeldet, und zwar mithilfe ihrer Taskforce „Grimm“, die für diesen Phänomenbereich eingerichtet wurde. In mehreren EU-Staaten haben die Behörden 193 Personen festgenommen, davon 84 Rekrutierer und sechs Auftraggeber. Die Frage ist: Schrecken solche Schläge die Täter, die ganz oben in der Auftragskette stehen, ab? Das ist schwierig zu beantworten. Aber natürlich sind solche Maßnahmen wichtig, weil sie im Kern die Strukturen treffen. Die Identifizierung von Rekrutierern und Auftraggebern hat zur Folge, dass die Ermittlungsarbeit der Behörden von Erfolg gekrönt ist. Und das kommt auch auf der Gegenseite an. Was wir brauchen, sind mehr gemeinsame Ermittlungsplattformen, die speziell auf die Bekämpfung von „Violence as a Service“ ausgerichtet sind. Bei Europol sind Schweden, die Niederlande, Deutschland, Belgien, Frankreich und auch Spanien dabei. Auch hier gilt, dass Erkenntnisse aus Ermittlungsverfahren aus den verschiedenen europäischen Ländern zusammengeführt werden, weil wir davon ausgehen müssen, dass die Täter in ganz Europa aktiv sind. Ziel muss es sein, die Informationen zwischen den europäischen Strafverfolgungsbehörden zu bündeln. Nur so können die Strukturen erkannt und verstanden werden, um letztlich gegen sie vorzugehen. Was weiß man über die angeworbenen Täter? In der Regel sind sie ja minderjährig und werden oft als leicht manipulierbar beschrieben, als Jugendliche, die keine große Perspektive haben und deshalb bereit sind, für wenig Geld schwerste Straftaten zu begehen. Aber ist das tatsächlich so, oder ist den Jugendlichen inzwischen sehr wohl bewusst, worauf sie sich da einlassen? Ich bin mir relativ sicher, dass wir nicht davon ausgehen können, dass alle Täter völlig ahnungslos handeln. Anreize sind Geld und Sachwerte, die ihnen angeboten werden, aber auch eine Anhebung des sozialen Status. Einige der Täter sind zuvor schon in den Niederlanden mit schweren Straftaten in Erscheinung getreten. Viele von ihnen kommen aus prekären sozialen Verhältnissen. Und ein Stück weit spielt vielleicht auch dieser Gangster-Style eine Rolle, das ist offensichtlich auch beeinflusst durch entsprechende Musik und durch Social Media, wo dieser Gangster-Status mitunter glorifiziert wird. Weiß man denn, wie viel Geld diesen Tätern gezahlt wird beziehungsweise welche Sachleistungen sie bekommen? Die Rede ist ja davon, dass sie die Straftaten für gerade einmal wenige Hundert Euro begehen. Die Beiträge schwanken nach allem, was wir wissen. Wir reden immer wieder von mehreren Hundert Euro, aber das kommt auch immer darauf an, welche Tat tatsächlich begangen werden soll. Es ist aber auch häufig so, dass die angeworbenen Täter gar nichts bekommen, weil seitens der Auftraggeber gesagt wird: „Das habt ihr nicht richtig gemacht“ oder „Ihr habt euch falsch angestellt, die Gefahr, erwischt zu werden, war zu hoch“. Wir haben auch schon Fälle gehabt, wo diejenigen, die diese Jugendlichen zum Tatort gefahren haben, einfach weggefahren sind, wenn die Gefahr zu groß war, entdeckt zu werden. Das zeigt, welchen Status diese Jugendlichen innerhalb der kriminellen Organisation haben: Das sind im Prinzip Werkzeuge, die genutzt werden. In diesem Zusammenhang wird nun abermals auch die Strafmündigkeit von Jugendlichen diskutiert. Würde das aus Ihrer Sicht helfen, das Phänomen einzudämmen? Das halte ich, gelinde gesagt, für illusorisch. Die Diskussion der Herabsetzung der Strafmündigkeit führen wir ja immer wieder mal in Deutschland, wenn junge Tatverdächtige an schweren Straftaten beteiligt sind. Nach allem, was wir aber aus kriminologischer Sicht wissen, wird eine Absenkung der Strafmündigkeit überwiegend kritisch gesehen. Viele Fachleute weisen immer wieder darauf hin, dass strenge Strafandrohungen bei Jugendlichen häufig keine abschreckende Wirkung entfalten, genauso wie eine Anhebung von Strafrahmen auch nicht dazu führt, dass wir weniger Straftaten haben. Die Polizei muss klären, was passiert ist, wer beteiligt war. Aber das hat nichts damit zu tun, ob wir jetzt einen Vierzehnjährigen als  Täter haben. Was ich aber sehe, ist die Schutzfunktion. Wenn Kinder in solche Strukturen hineingezogen werden, dann ist das auch ein Hinweis darauf, dass Jugendhilfe oder andere Institutionen eingebunden werden müssen. Der Weg wird sein, dass wir die kriminellen Strukturen bekämpfen und die jungen Menschen gar nicht erst für solche Taten rekrutiert werden. In Frankfurt steht derzeit ein 15 Jahre alter Niederländer vor Gericht, der einen Brandsatz in ein Lokal geworfen haben soll, in dem sich zu diesem Zeitpunkt mehrere Menschen befanden. Die Anklage wirft ihm versuchten Mord vor. Haben denn solche Strafprozesse irgendeine Wirkung auf andere potentielle Täter? Die rechnen ja damit, dass sie entdeckt werden. Das sehen sie als Geschäftsrisiko. Ich glaube nicht, dass sie sagen: Jetzt ist jemand von uns erwischt worden, und deswegen müssen wir überlegen, ob wir so etwas künftig nicht mehr machen. Sie werden aber darauf achten, was sagen die Beschuldigten über die dahinterliegende Struktur? Und wie laufen polizeiliche Ermittlungen? Das wird wohl eher der Fokus sein. Und reichen die rechtsstaatlichen Instrumente aus, die die Polizei zur Verfügung hat? Wenn in geschlossenen Netzen Täter angeworben und Straftaten vorbereitet werden, liegt es nahe, dort einen Einblick zu bekommen. Da bin ich wieder bei der internationalen Zusammenarbeit. Die besten Eingriffsbefugnisse, die wir als Polizei haben, helfen uns nicht, wenn wir nicht polizeilich gemeinsam arbeiten an einem Phänomenbereich. Der Rechtsstaat verfügt grundsätzlich über wirksame Instrumente. Aber die Herausforderung liegt in der Geschwindigkeit, mit der wir es hier zu tun haben, sowie in der Internationalität und natürlich auch in der Professionalität dieser Netzwerke. Und da muss man einen größeren Bogen schlagen zur effektiven Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Wie könnte das gelingen? Es geht um Informationsaustausch, auch um moderne Analyseinstrumente, die wir nutzen müssen, um diese ganzen Erkenntnisse zusammenzuführen. Und natürlich auch um den Ansatz, Vermögen abzuschöpfen. Deswegen ist es gut und richtig, dass die Bundesregierung jetzt künftig auch die kriminellen Netzwerke bekämpfen will, indem illegal erwirtschaftete Gelder besser entzogen werden können. Wenn die Organisationen kein Vermögen haben, können sie nicht agieren, dann können sie keine Täter für ihre Zwecke gewinnen. So muss die gesamte Struktur zerschlagen werden. Das alles zeigt, dass mittlerweile politisch erkannt wird, dass organisierte Kriminalität tatsächlich eine der zentralen sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit sind. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass organisierte Kriminalität letztlich auch demokratiegefährdend ist. Wie meinen Sie das? Schauen wir in die Niederlande. Ein Journalist wird am helllichten Tag auf offener Straße erschossen im Auftrag eines kriminellen Netzwerks. Rechtsanwälte wollen keine Kronzeugen mehr verteidigen. Das heißt, Berufsgruppen, die bei uns einen besonderen Schutz genießen, können im Prinzip ihre Arbeit nicht mehr ausüben, weil sie Repressalien befürchten müssen. Was die Sprengstoffanschläge betrifft, so ist es aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit, bis bei einer solchen Tat irgendwann auch Unbeteiligte verletzt oder sogar getötet werden. Deswegen ist es so wichtig, dass wir erkennen, dass wir es mit einer Form von Straftaten zu tun haben, die unsere Gesellschaft massiv beeinträchtigen können.