Die allgemeine Überraschung und Ablehnung der Vertragsverlängerung mit Trainer Merlin Polzin seitens der Öffentlichkeit war dem HSV natürlich nicht verborgen geblieben. Und Polzin und seinen Trainerkollegen schon gar nicht. Die vereinseigenen Kanäle auf den wieder einmal asozialen Medien liefen über mit – sagen wir vorsichtig – Kritik, die nach 0:12 Toren und null Punkten in drei Spielen nichts für Zartbesaitete war. Eben noch Aufstiegs- und Nichtabstiegs-Held, nun verantwortlich für den Fehlstart: So schnell geht es in der Fußballwelt der Hopp-oder-top-Mentalität. Polzin hat nach dem 2:1 am Samstagnachmittag gegen den 1. FC Köln seine Befremdung über den Ton im Netz ausgedrückt: „Es gab Stimmen, die uns irritiert haben.“ Er tat dies nicht im Sinne einer Klage, sondern nutzte den Anlass, um das eine mit dem anderen zu verbinden, und bedankte sich bei seinem Arbeitgeber, im Sinne einer neuen Unternehmenskultur gehandelt zu haben. Schließlich waren nicht die vergangenen drei Spieltage Basis für die Vorstände Kathleen Krüger und Eric Huwer, ihm einen neuen Vertrag anzubieten, der ihn „langfristig“ an den Klub binden soll. Sondern zwei Saisons mit erreichten Zielen: dem Aufstieg und dem Nichtabstieg. „Wir sind kein Fähnlein im Wind“, sagte Krüger, „unser Bewertungszeitraum beginnt mit dem Amtsantritt.“ Keine Trainerdiskussion Natürlich konnte die 41-Jährige Fragen nach der Sinnhaftigkeit deutlich gelassener beantworten, weil die Mannschaft beim 2:1 gegen den Mitaufsteiger von 2025 wieder die alte Energie auf den Rasen gebracht hatte, die zuvor gefehlt hatte. Aber ein kalkuliertes Signal, um Rückenwind zu geben, war die Vertragsverlängerung vom Freitag keineswegs, hatten Krüger und Huwer doch seit Wochen schon mit dem 35 Jahre alten Polzin verhandelt und das Ausgehandelte nun zum Abschluss gebracht. Insofern sendete der letztlich auch glückliche erste Saisonsieg eine Botschaft, die über den Moment hinausgeht: Dieser Hamburger SV lässt sich nicht mehr treiben. Er versucht, auch in misslichen Lagen Ruhe zu bewahren. Eine Trainerdiskussion, die sich aus Durchgestochenem vom Aufsichtsrat speist, fehlte diesmal. Und tatsächlich hatte ja auch das 0:5 in Leipzig Inhalte, die auf Besserung hoffen ließen, so merkwürdig das auch klingt. Waren es da ordentliche Ballpassagen und Aktionen auf dem Weg nach vorn, lieferte Polzin nun Belege, warum seine Chefs mit ihm weiterarbeiten wollen. Er schob die ganze Mannschaft etwas weiter nach hinten. Das wirkte zunächst passiv, schuf aber Sicherheit. Da war sie, die belächelte inhaltliche Lösung, von der Torwart Daniel Heuer Fernandes schon nach dem 0:5 gegen den 1. FSV Mainz 05 gesprochen hatte. Neben der veränderten Anordnung war auch die viel zitierte Energie zurück. In der vergangenen Saison war sie von Luka Vuskovic ausgegangen. Seine Kraft hatte die Kollegen angesteckt. Vuskovic spielt nun beim ehemaligen St.-Pauli-Trainer Fabian Hürzeler in Brighton. Innerhalb des Teams musste sich also ein Nachfolger finden. Diese Rollen teilten sich gegen den FC Verteidiger Nicolás Capaldo und der eingewechselte Yussuf Poulsen. „Es dauert, bis man sich kennengelernt hat“ Capaldo nahm Saïd El Mala die Freude am Spiel, Poulsen, erstmals austrainiert in seinen Hamburger Tagen, war eine Art Regisseur in vorderster Reihe. Offenbar hat der schon als dauerverletzter Oldie abgestempelte Däne doch einen Wert für diese Mannschaft. Dass beide trafen, war ein weiteres Indiz, wie schnell sich im Fußball der Wind drehen kann. Nach drei guten Chancen für Köln setzte Capaldo den Ball nach einem Eckstoß Albert Grønbæks ins Tor (44. Minute). Der Däne ist seit Wochen als Einziger in guter Form. Nach der Pause schloss Poulsen einen Konter über David Møller Wolfe und eben Grønbæk im Rahmen einer norwegisch-dänischen Koproduktion ab (50. Minute). Der Anschluss des FC durch Ragnar Ache kam in der 90. Minute zu spät. „Wie letztes Jahr sind wir wieder eine neue Mannschaft. Es dauert, bis man sich kennengelernt hat“, erklärte Poulsen. Das gilt auch für den Trainer. Dieser hatte am Samstag und in der Trainingswoche davor offenbar die richtige Lösung für sein Team gefunden. Natürlich war es nur der erste Sieg nach drei kläglichen Auftritten. Aber wie schon einige Male in den beiden Jahren davor gelang es Polzin, seine Spieler aufzuwecken und zu packen – auf der Basis überzeugender Inhalte. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von seinem Vorvorgänger Tim Walter. Polzin nutzt die Breite des Kaders, vergisst niemanden, brachte am Samstag auch den jungen Louis Lemke und den älteren Bakery Jatta in die Partie, obwohl sie als Schienenspieler links und rechts nur noch zweite Wahl sind. Da stecken viele Werkzeuge in Polzins Koffer. Dazu gehört, die Mannschaft und jedes Individuum zu schützen, ohne viel Aufhebens zu machen. So hält Polzin zu Jordan Torunarigha als Spieler und Mensch. Der Innenverteidiger ist häufig Zielscheibe von Spott, Häme und Beschimpfungen. Deswegen hat sich der 29-Jährige nun von seinen Social-Media-Accounts abgemeldet.
