FAZ 14.08.2026
14:27 Uhr

Hitlers Geburtshaus: Alle paar Minuten kommt der nächste Neugierige


Nach langem Hin und Her wird Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau nun als Polizeizentrum genutzt. Die Touristen stört das wenig.

Hitlers Geburtshaus: Alle paar Minuten kommt der nächste Neugierige

Vom Stadtplatz aus, wo die Händler in der Mittagshitze ihre Stände zusammenklappen, sind es nur ein paar Schritte in die Salzburger Vorstadt. Dort ist eine neue Fassade so weiß getüncht, dass sie in der Sonne blendet. Die Fenster umrahmt mit hochwertigem Naturstein, darüber zwei neugestaltete Giebel. Nur ein schmales Kunststoffschild mit der Aufschrift „Polizei“ weist auf die neuen Bewohner hin. Gut 20 Millionen Euro hat die Republik Österreich investiert. Damit wurde der alte Bau entkernt, eine neue Tiefgarage gebaut und das Haus mitsamt Nebengebäuden renoviert. Und aller Schutt an einem geheimen Ort entsorgt. Devotionalienhändler sollten erst gar keine Chance bekommen. Denn in dem Haus mit der Adresse „Salzburger Vorstadt 15“ ist am 20. April 1889 Adolf Hitler zur Welt gekommen. Die „Patenstadt des Führers“ war Linz Dass der Umgang Braunaus mit seinem Erbe nicht einfach ist, lässt sich leicht verstehen. Eigentlich war es mehr ein Zufall, dass der nationalsozialistische Massenmörder ausgerechnet in der kleinen Barockstadt am Inn das Licht der Welt erblickte. Sein Vater Alois Hitler war kaiserlich-königlicher Zolloffizial und erst kurz vor der Geburt des Sohnes Adolf nach Braunau versetzt worden. In der Salzburger Vorstadt 15 hatte die Familie nur einige Monate verbracht. Nach drei Jahren verließ sie schließlich ganz die Stadt, da der Vater zunächst nach Passau und dann weiter versetzt wurde. Von Hitler selbst ist keine tiefere Bindung an Braunau bekannt. In seinem Buch „Mein Kampf“ pries er zwar die „glückliche Bestimmung“, dass ihm das Schicksal diesen Grenzort zwischen beiden Staaten als Geburtsstadt zugewiesen habe. Aus der Salzburger Vorstadt musste der Vater, der seinen Dienst im Endbahnhof auf der deutschen Flussseite in Simbach tat, nur über den Stadtplatz laufen, an dessen Ende schon die Brücke über den Inn nach Bayern führt. Ungleich prägender war für Hitler aber Linz. Dort hatte Hitler nach dem Tod des herrischen Vaters einige Jahre mit seiner Mutter gelebt. In Linz will er auch seine politische Erweckung erlebt haben. Bis kurz vor seinem Ende, als er Europa schon in Schutt und Asche gelegt und Millionen Menschen den Tod gebracht hatte, soll Hitler vom Umbau der offiziellen „Patenschaft des Führers“  zum nationalsozialistischen Musterort geträumt haben. Für seine Geburtsstadt hatte der Diktator nie besondere Pläne. Dennoch ist es Braunau und nicht Linz, das man heute in aller Welt mit Hitler verbindet. Liegt es vielleicht auch am Namen der Stadt, der so treffend bildlich zum „Führer“ der NS-Bewegung passt? „Sie können ja mal in Braunschweig nachfragen“, rät Florian Kotanko. Dort habe man Hitler 1932 immerhin die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen, als der damals staatenlose NSDAP-Chef zur Reichspräsidentenwahl antreten wollte. „Aber da schweigen sie wohl lieber drüber.“ Schon zu Lebzeiten kamen Touristen Kotanko meint es ernst mit dem belasteten Erbe in Braunau. Er hat fast sein ganzes Leben in der Stadt verbracht, war lange Geschichtslehrer und zuletzt Direktor des örtlichen Gymnasiums. Vor allem setzt er sich mit seinem Verein für Zeitgeschichte für einen offenen Umgang der Stadt mit dem schweren Erbe ein. Und das sei nun mal, wie sie ist. „Natürlich hat der Geburtsort einer Person eine besondere Bedeutung“, sagt Kotanko. „Der findet sich in jedem Lexikon, egal, wie lang jemand dort gelebt hat.“ Braunau, das ist ihm allerdings wichtig, sei kein Hort des Nationalsozialismus gewesen. Der maximale Wähleranteil der Nazis in freien Wahlen lag Kotanko zufolge bei sieben Prozent. Auf der anderen Seite hatte man sich nach Hitlers Aufstieg aber auch nicht gegen die symbolische Aufwertung gewehrt, die Braunau durch den Nationalsozialismus erfuhr. Der Sohn der Familie, der damals das Haus in der Salzburger Vorstadt gehörte, hatte schon in den frühen Dreißigerjahren ein mutmaßliches „Geburtszimmer“ Hitlers mit Möbeln hergerichtet und für Touristen zugänglich gemacht. Nach dem „Anschluss“ Österreichs erwarb Hitlers Privatsekretär Martin Bormann das Gebäude im Namen der NSDAP. Aus dem ganzen Reich wurden Wallfahrten organisiert, am 20. April, Hitlers Geburtstag, gab es großes Glockengeläut. Nach dem Krieg dann ging das Haus zurück an die frühere Besitzerfamilie, die es an die Stadt vermietet, anfangs als Schule, später mit wechselnden Nutzern. Eine ältere Dame, die im Café am Marktplatz mit einem Fächer vor ihrem Eiskaffee sitzt, erzählt, sie sei im „Hitlerhaus“ selbst noch zum Unterricht gegangen. „Aber wir wussten gar nicht, welche Geschichte das Haus hatte.“ Selbst ihr Vater, früher Lokführer und stolzer Sozialdemokrat, habe nichts von „damals“ erzählt. „Was, wenn das Haus in falsche Hände gerät?“ Das änderte sich langsam, als immer Besucher in die Stadt kamen und nach „dem Haus“ fragten. Offen gesprochen habe weiterhin niemand über die Geschichte, das bestätigen die meisten in Braunau. Aber die Findigen konnten mit Souvenirs etwas dazuverdienen. Und die Kinder hatten ihren Spaß. „Als Schüler haben wir den Touristen immer ein falsches Haus gezeigt, vor dem sie sich dann fotografiert haben“, erzählt die Bedienung im Café und freut sich noch heute über ihren Streich. Lange gab es nicht den geringsten offiziellen Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes. Erst als sich die Aufmärsche von Neonazis mehrten und man die Blumen vor dem Haus, vorzugsweise am 20. April, nicht mehr haben wollte, reagierte die Stadt. Vor Hitlers 100. Geburtstag stellte sie einen Mahnstein auf, der aus dem Granitbruch des einstigen Konzentrationslagers Mauthausen stammte. Darauf die Inschrift: „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen.“ Zu jener Zeit war bereits der Verein Lebenshilfe in das Haus eingezogen und betrieb dort eine Behindertenwerkstadt. Diese Nutzung empfanden viele angesichts von Eugenetik und Rassenwahn des einstigen Bewohners als passend. Doch irgendwann sollte das Haus barrierefrei umgebaut werden, und die Eigentümerin stellte sich quer. Die Lebenshilfe zog aus, das Haus stand einige Zeit leer. „Da haben bei allen die Alarmglocken geschrillt“, erzählt Historiker Kotanko. „Was wäre, wenn Hitlers Geburtshaus in falsche Hände gerät?“ Der österreichische Staat versuchte noch, das Gebäude zu erwerben, doch die Verhandlungen scheiterten. Weniger an politischen Ansichten, sondern „an einem gewissen Starrsinn von allen Seiten“, meint Kotanko, der selbst bei einigen Gesprächen dabei war. Andere bestätigen den Eindruck. In Braunau kennt man sich. „Die Gerlinde“ sei eine ganz normale Frau, meint die Dame im Café über die damalige Eigentümerin. „Aber auch ein bissl stur.“ „Die Touristen kommen ja sowieso“ Am Ende wurde das Haus 2017 per Gesetz enteignet. Eine Historikerkommission erarbeite Vorschläge, wie mit der historischen Last des Ortes umzugehen sei. Sie sprach sich gegen einen Abriss aus – der zwischenzeitlich erwogen worden war – und plädierte für eine „sozial-karitative“ Nutzung, wie sie schon mit der Behinderteneinrichtung erprobt war, oder einen „behördlich-administrativen“ Gebrauch. Zudem empfahlen die Fachleute eine „tiefgreifende architektonische Umgestaltung des Gebäudes“, um „Wiedererkennungswert“ und „Symbolkraft“ dauerhaft zu unterbinden. Am Ende entschied sich das Innenministerium, dem die Verwaltung des Gebäudes oblag, für eine „behördlich-administrative“, also quasi hauseigene Nutzung. Nach dem Umbau sollte ein Polizeizentrum in die Räume einziehen. Schließlich, so hieß es, werde auch Hitlers einstige Privatwohnung in der Münchner Prinzregentenstraße seit Jahrzehnten als Polizeiwache genutzt. In der Folge verlor das Haus seine gelbe Biedermeierfassade, die Rundbogenfenster wurden eckig gemacht und mit Naturstein eingefasst. Selbst der Dachstuhl konnte nicht bleiben und hat heute wie einstmals zwei Giebel. Denn im 19. Jahrhundert war das Gebäude aus zwei Nachbarhäusern zusammengelegt worden. Hört man sich in der Stadt um, ist das Resümee durchwachsen. Dass die Polizei jetzt aus den Innenstadtgassen mit dichtem Verkehr ausrücken müsse, halten viele für wenig durchdacht. Einige hätten sich eher ein Museum gewünscht, wobei sich die Motive unterscheiden. „Die Touristen kommen ja sowieso, dann hätte man auch etwas verdienen können“, meint der Wirt vom Würstl Paradies am Marktplatz und denkt an die vielen Japaner, die vielleicht gekommen wären. Die ältere Dame im Café hätte am liebsten einen kleinen Park an der Stelle gehabt. „Weg mit dem Haus.“ Nur ein Mahnstein erinnert an Hitler Auch der Stadthistoriker Kotanko merkt an, die Nutzung als Polizeizentrum nicht seine erste Wahl gewesen sei. „Aber es kommt darauf an, was man unter der Überschrift macht.“ Ursprünglich hatte die Planung ein Schulungszentrum vorgesehen. Das klang für Kotanko nach der richtigen Richtung, als sollten Polizeibeamte an diesem belasteten Ort für ihre eigene Verantwortung sensibilisiert werden. „Herausgekommen ist aber nur ein Raum mit einer verschiebbaren Trennwand. Das finde ich, sagen wir, einen etwas schlichten Ansatz“, meint Kotanko und schiebt hinterher: „Ein Feigenblatt.“ Noch mehr stört ihn allerdings, dass sich das Innenministerium beharrlich weigert, irgendeine Form von Information am Haus anzubringen. Da sind Begriffe wie „Neutralisieren“ gefallen, und dass man dem Gebäude den „Wiedererkennungswert“ nehmen müsse. „Das ist in meinen Augen völliger Unsinn“, sagt Kotanko, ein „nicht realisierbarer Ansatz.“ Die Leute würden doch weiter zu dem Haus kommen und Fotos machen. Eine kurze Stichprobe zeigt, wie recht er hat. Alle paar Minuten kommt der nächste Neugierige an der Fassade vorbei. Radler in Sportmontur, die kurz anhalten und ein Foto machen. Eine Familie aus Schweden samt Großmutter mit Rollator. Oder ein älteres Paar aus den Niederlanden, das in der Nähe Urlaub macht, und dem es noch wichtig ist zu betonten, dass man auch die schöne Barockstadt ansehen wolle. Zwei Dänen Mitte fünfzig gucken etwas fragend drein. „Man hätte mehr daraus machen können“, meint der eine. Es heiße doch immer, dass die Geschichte heute zu abstrakt und zu weit weg sei. „Das sind nur Steine. Aber an solchen Orten ist Geschichte konkret.“ Kotanko hatte vor Jahren dafür gekämpft, dass zumindest auf einer Informationstafel am Marktplatz auch die „Salzburger Vorstadt 15“ und ihr bekanntester Bewohner erwähnt werden. So etwas müsse doch am Haus selbst möglich sein, meint Kotanko. „Damit wir schreiben, was war, und was nicht war.“ Schließlich schwirre so viel Unsinn über Braunau und seine Bedeutung herum. Auf Nachfrage verweist das Innenministerium in Wien aber nur auf den Mahnstein vor dem Haus. Der warnt zwar vor dem Faschismus, doch einen Hinweis darauf, weshalb er genau an diesem Ort steht, sucht man vergebens. „Das ist das Bohren dicker Bretter“, meint Kotanko etwas resigniert. In Wien hatte man ursprünglich sogar überlegt, selbst diesen Stein wegzuräumen und in ein Museum zu verfrachten. Das konnte die Gemeinde Braunau verhindern.