„Ich war Niederlassungsleiterin in Frankfurt, Immobilienbranche. Einer der härtesten Märkte Deutschlands. Und ziemlich oft die einzige Frau am Tisch.“ So beschreibt Anais Cosneau ihre Zeit als Führungskraft mit 30 Jahren in der Immobilienwirtschaft. In Geschäftsterminen sei oft ihr Kollege wie selbstverständlich angesprochen worden und nicht sie als Chefin, schreibt die heutige Gründerin und Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Frauen beim Immobilienkauf hilft, auf dem Karrierenetzwerk Linkedin. Eine Erfahrung, mit der sie nicht allein ist. Das zeigt der neue „Female Board Report Real Estate 2026“. In fast jedem zweiten der 200 führenden Immobilienunternehmen hat sich zwischen Anfang 2025 und Mitte 2026 die Geschäftsführung verändert. Von 103 Neuberufenen waren jedoch nur 16 Frauen. Der Frauenanteil in den Führungsgremien sank sogar von 18 auf 17,5 Prozent. Das zeigt eine Untersuchung der Initiative „Frauen in Führung“, die zum zweiten Mal die Geschäftsführungen der 200 führenden Immobilienunternehmen untersucht hat. „Unternehmen können es sich nicht leisten, auf Frauen zu verzichten“ Fast 60 Prozent der Unternehmen in der Immobilienwirtschaft haben keine weibliche Person in der Geschäftsführung. Dieser Anteil steigt damit um fünf Prozentpunkte. Auch die Unterschiede innerhalb der Branche bleiben groß: Während kommunale Wohnungsunternehmen mit 32,5 Prozent den höchsten Frauenanteil erreichen, ist bei Maklern und Projektentwicklern nur jedes zehnte Geschäftsführungsmitglied weiblich. Anne Tischer setzt auf mehr weibliche Führungskräfte. „Es scheint, als reagierten die Unternehmen auf die schnellen Veränderungen und Unsicherheiten in ihrem Umfeld mit einem Rückgriff auf das Bekannte und vermeintlich Bewährte“, sagt sie. Tischer ist Vorsitzende der Initiative „Frauen in Führung“, die für mehr Frauen in Führungspositionen in der Immobilienwirtschaft wirbt. Die Chance, die Unternehmensführungen vielfältiger aufzustellen, bleibe zu oft ungenutzt. Frauen in Immobilienunternehmen unterrepräsentiert „Dabei können es sich die Unternehmen gerade jetzt nicht leisten, in ihren Führungsgremien auf die Kompetenzen der vielen topqualifizierten Frauen zu verzichten“, sagt Tischer. Die Branche verändere sich, und die Unternehmen müssten es auch. Wandelnde Nachfrage, hohe Baukosten und schwierige Planbarkeit, aber auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz stellten Geschäftsmodelle, Aufgaben und Kompetenzanforderungen teils grundlegend infrage. „Um in diesem Umfeld Risiken und Chancen klug einzuschätzen und neue Antworten zu finden, braucht es an der Unternehmensspitze unterschiedliche Erfahrungen, Sichtweisen und neue Kompetenzen.“ In den Geschäftsführungen der Immobilienunternehmen sind Frauen unterrepräsentiert. Von insgesamt 613 Positionen in den Geschäftsführungen der 200 führenden Branchenunternehmen waren nur 107 mit Frauen und 506 mit Männern besetzt. Innerhalb der Branche legte der Frauenanteil nur in der Immobilienfinanzierung um 1,9 Prozentpunkte und in der Projektentwicklung um 0,6 Prozentpunkte zu. In den anderen vier Immobilienbereichen sank der Frauenanteil. Parität bleibt Ausnahme In den betrachteten Geschäftsführungen ist im Vergleich zum Vorjahr der Anteil von Unternehmen ohne eine einzige Frau an der Spitze von 106 auf 115 gestiegen. Das ist ein Anteil von 58 Prozent. Rein weiblich besetzte Geschäftsführungen bleiben mit fünf Unternehmen die Ausnahme. Dahinter stecken große Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen. So haben nur 15 Prozent der Finanzierungsunternehmen keine Frau in der Geschäftsführung, bei den Projektentwicklern sind es 77 Prozent. Selten kommt es zur Parität, also einer zahlenmäßig gleich starken Vertretung von Frauen und Männern. In 28 der 200 untersuchten Unternehmen sind Frauen und Männer in der Geschäftsführung gleich häufig anzutreffen. In 79 Prozent der Fälle besteht dieses Gleichgewicht in einer zweiköpfigen Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann. Nur sechs Unternehmen erreichen eine solche Parität in einem größeren Führungsgremium. Eine ausgewogene Besetzung bleibt damit vor allem ein Modell für kleine Führungsteams. Bestehende Muster werden meist fortgeführt Doch wie können Immobilienunternehmen mehr Frauen an die Spitze bringen? Eine Schwierigkeit sieht Alice Fontana in den Auswahlmustern. „Viele Unternehmen bevorzugen weiterhin Menschen, deren Hintergrund und Karriereweg denen früherer Führungskräfte ähneln“, sagt die Mitgründerin und Partnerin der Personalberatung Bohill Partners. In einer Branche mit männlich geprägten Führungsmannschaften würden bestehende Muster so oft ungewollt fortgeschrieben. „Gerade im Topmanagement lohnt es sich zu hinterfragen, welche Erfahrungen tatsächlich unverzichtbar sind – und wo Führungspotential und übertragbare Erfahrungen wichtiger sein können als der klassische ‚Stallgeruch‘“, sagt Fontana. Unternehmen müssten geeignete Kandidatinnen aber nicht nur auswählen, sondern auch für sich gewinnen. Gerade in männlich geprägten Organisationen prüften Bewerberinnen, ob sie dort tatsächlich etwas bewegen könnten.
