Wer könnte über die Bedeutung von Musik für Demokratie und Menschenwürde besser urteilen als die belarussische Flötistin und Oppositionelle Maria Kalesnikava, die nach eigenem Zeugnis fünf Jahre Haft mithilfe musikalischer Imagination überstand? Das dachten sich offenbar die Organisatoren der im Rahmen des Bonner Beethovenfestes erstmals ausgerichteten Konferenz für Kulturveranstalter, zu der sich am Freitag 200 Teilnehmer aus fast allen Bundesländern in den Seminarräumen der frisch renovierten Beethovenhalle zusammenfanden. Vor den Gesprächen, die unter dem Titel „Kulturveranstaltungen als politische Orte?“ experimentelle Aufführungsformate erörterten, hielt die seit ihrer Freilassung Ende des vorigen Jahres in Deutschland lebende Kalesnikava eine Grundsatzrede, worin sie die musikalische Dimension dissonanter Spannung, die in Kunst kodierte menschliche Erfahrung sowie die sich in Kunstwerken öffnenden Räume für eigenständiges Denken als Schatz beschrieb, welcher den Kern der europäischen Zivilisation ausmache. Völlig abgeschnitten Während ihrer Haftzeit, da sie zweieinhalb Jahre von der Außenwelt völlig abgeschnitten gewesen sei – sie durfte weder Briefe schreiben noch erhalten noch mit Angehörigen telefonieren noch Zeitungen lesen –, habe sie in Form von Kultur gleichsam die ganze Welt in sich getragen, sagte Kalesnikava, und sich trotz allem niemals allein gefühlt. Daher misstrauten Diktatoren, ob Hitler, Stalin, Lukaschenko oder Putin, jeder unabhängigen Kultur, selbst wenn sie nicht politisch sei. Und es sei dies, was Europa in der Ukraine gegen Russland verteidige. Den Kulturmanagern, die mit schwindenden Finanzmitteln zurechtkommen müssen, erklärte Kalesnikava, manchmal sei es leichter, bei null anzufangen. Sie erinnerte an die belarussische Szene für neue Musik, die sie nach ihrem ersten Studienaufenthalt in Deutschland 2007 nicht zuletzt mit Unterstützung des Goethe-Instituts in ihrer Heimat mit aufgebaut hatte. Dass beim jüngsten Eclat-Festival in Stuttgart auch neue Musik aus Belarus gespielt wurde, zeige, so die Bürgerrechtlerin, dass diese Szene lebe, auch wenn Komponistennamen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden könnten. In den Blasen schwindet die Dialogfähigkeit Als ihre vielleicht größte Herausforderung beschrieben die Konferenzteilnehmer die zentrifugale Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Blasen, deren Dialogfähigkeit sinke. Daniel Kraft vom Haus der Geschichte in NRW stellte fest, dass das Subsidiaritätsprinzip, wonach kulturelle Institutionen staatliche Mittel erhalten, die sie nach eigenem Gutdünken verwenden, zunehmend angezweifelt werde. Das beschränke öffentliche Räume. Insbesondere in Bundesländern, wo die AfD stark sei, beanspruche die Politik vermehrt, der Kultur inhaltlich Vorgaben zu machen, meldeten Teilnehmer aus den östlichen Bundesländern. So wolle die AfD Sachsen-Anhalt die staatliche Unterstützung für das dortige Impuls-Festival für Neue Musik komplett einstellen. Die Kulturveranstalter berichteten von ihren Bemühungen, Menschen, die nicht miteinander übereinstimmten, dazu zu bringen, einander zuzuhören – Kalesnikava hatte betont, das sei eine Voraussetzung von Demokratie. Der Regisseur und Intendant des Schauspiels Köln, Kay Voges, der sein Kulturverständnis mit dem Ausdruck „Kirche des Zweifels“ umschreibt, motivierte die Kooperation seines Theaters mit dem Medienhaus Correctiv dadurch, dass zur Erhaltung der Demokratie die Menschen mündig und medienkompetent sein müssten. Trumps nachweislich erlogene Geschichten Wenn ein Politiker wie der amerikanische Präsident Trump durch das Verbreiten nachweislich erlogener Geschichten die Welt verändere, seien faktenbasierte Bühnenstücke umso notwendiger. Voges schilderte eine Diskussion nach der recherchebasierten Vortragsperformance „Krieg und Frieden“ über Putins Russland in seinem Haus, bei der die Zuschauer Pflicht und Grenzen der deutschen Solidarität mit der angegriffenen Ukraine erörterten sowie, angesichts russischer Drohnenangriffe, die Legitimität von Pazifismus beziehungsweise der Notwendigkeit der Wehrpflicht. Die 2009 vom jetzigen Intendanten des Beethovenfestes, Steven Walter, gegründete Kreativplattform Podium Esslingen kombiniert programmatisch Klassik mit Pop und digitaler Kunst. Die Veranstaltungen wollten unterschiedliche Kulturen und Gruppen zusammenbringen, erklärte ihr künstlerischer Leiter, Joosten Ellée, per Videoschaltung, sie aber durchaus auch strapazieren. Das scheint Früchte zu tragen. Jedenfalls berichtete die Vorsitzende der Podium-Musikstiftung, Brigitte Russ-Scherer, nach dem Aprilkonzert in der Esslinger St.-Dionys-Kirche, das von Musikern des improvisierenden Stegreif-Orchesters und dem Kirchenchor bestritten wurde, hochbetagte Chorsänger hätten ihr gesagt, zwar hielten sie wenig von den öffentlichen Klanginstallationen zur Klimakrise der jungen Musiker, bei weiteren Konzerten wollten sie aber unbedingt wieder mit dabei sein.
