FAZ 11.09.2026
15:48 Uhr

Investitionsoffensive: Was aus dem Deal mit den Emiraten jetzt folgt


Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen 40 Milliarden Euro in Deutschland investieren. Noch sind viele Details offen. Aber ein Punkt aus der Vereinbarung erhitzt schon die Gemüter in Deutschland.

Investitionsoffensive: Was aus dem Deal mit den Emiraten jetzt folgt

Die einen sind „entsetzt“, wie der Verband der Fluggesellschaften BDF. Die anderen „freuen sich sehr“, wie Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU). Die Fluggesellschaft Emirates aus Dubai darf fortan siebenmal je Woche auch den Berliner Flughafen BER ansteuern. Dieser Punkt aus einer Vereinbarung für mehr wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sorgt für Diskussionen wie kein anderer. Die Entscheidung verlagere Wertschöpfung und Arbeitsplätze an den Golf, kritisierte die Lufthansa. Michael Engel, Hauptgeschäftsführer des BDF, sprach von einem „Ausverkauf deutscher Arbeitsplätze“. Sein Urteil über die Bundesregierung: „So viele Eigentore kann man eigentlich in einem Spiel nicht schießen.“ Die Gewerkschaft Verdi sprach von einem „fragwürdigen Deal zulasten deutscher Arbeitsplätze“. Europäische Luftverkehrsunternehmen unterlägen hohen Anforderungen an Arbeitnehmerrechte, Tarifbindung sowie Klima- und Umweltstandards. „Zusätzliche Flüge machen Standort attraktiver“ In Berlin herrscht dagegen Erleichterung, dass das jahrelange Tauziehen zwischen Politik und Unternehmen nun zugunsten von Emirates ausgegangen ist. Der deutsche Flughafenverband ADV heißt mehr Verkehrsrechte für nichtdeutsche Fluggesellschaften grundsätzlich gut. „Zusätzliche Verbindungen schaffen Konnektivität, stärken Handel, Tourismus und Investitionen und machen den Wirtschaftsstandort attraktiver“, hieß es. Konkret zu den Verhandlungen für die Berlin-Flüge wollte sich der Verband nicht äußern. Im Interesse der Lufthansa-Drehkreuzflughäfen Frankfurt und München sind die nämlich eher nicht. Ostdeutschen Unternehmern, Bundespolitikern und -beamten ist derweil nicht entgangen, dass nur sehr wenige Fernziele auf der Abflugtafel des BER stehen. Lufthansa lenkt ihre Interkontinentalreisenden über Frankfurt und München. „Eine tägliche Direktverbindung nach Dubai bringt Berlin etwas, das der Stadt bisher fehlte: einen echten Draht zu einem der wichtigsten Wirtschaftsknotenpunkte der Welt“, sagte daher Alexander Schirp, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Die Einigung zu Emirates ist Teil eines großen Investitionspakets, das die Vertreter der Bundesregierung und der Vereinigten Arabischen Emirate auf 40 Milliarden Euro beziffern. Bekannt wurde es am Donnerstag nach einem Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und dem Präsidenten der Emirate, Mohammed bin Sajid, in Berlin. Am Freitag verbreitete die Bundesregierung Zitate der Freude von Merz. „Ich bin beeindruckt von der Investitionsbereitschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland. Das ist ein wuchtiges Signal. Die Investition schafft Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft.“ Rechenzentren mit einem Gigawatt Kapazität Wie sich die 40 Milliarden Euro zusammensetzen, blieb indes auch am Tag nach der Ankündigung unklar. Einer der wenigen Punkte, in denen die Vereinbarung der beiden Länder konkreter wird, sind hochmoderne Rechenzentren mit einem Gigawatt Kapazität. Wo sie von wem errichtet werden sollen, vermochten aber auch Brancheninsider am Freitag nicht zu sagen. Erwähnt wird auch eine Kooperation mit RWE. Das Unternehmen hatte schon im Februar seine Partnerschaften mit den arabischen Unternehmen Adnoc und Masdar offiziell ausgebaut. Es ging dabei unter anderem um Flüssiggaslieferungen und den Aufbau von Batteriespeichern. Nun wurde zusätzlich eine „Absichtserklärung zur Prüfung einer potenziellen Zusammenarbeit bei deutschen Offshore-Wind-Ausschreibungen“ unterzeichnet. Angereist mit dem Emirates-Flieger Die Aussicht auf mehr Emirates-Flüge ist hingegen sehr konkret. Neben Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg dürfen die VAE der Vereinbarung zufolge ein fünftes Ziel in Deutschland mit einer Fluggesellschaft ansteuern. Und es scheint geradezu offensichtlich, dass Emirates aus Dubai in den Genuss kommen wird und nicht Etihad aus Abu Dhabi. Die Regierungsdelegation war schon symbolkräftig mit einem Emirates-Flieger angereist. Hinter den Kulissen stand sogar der Wunsch nach noch mehr Flugrechten in einem überarbeiteten zwischenstaatlichen Abkommen im Raum. Emirates möchte eigentlich sowohl Berlin als auch Stuttgart täglich ansteuern. Und ein Thema war auch das mögliche Anbieten von Verbindungen zwischen Deutschland und Drittstaaten. Singapore Airlines darf beispielsweise einen Flug von Singapur über Frankfurt nach New York durchführen, für den auch die Teilstrecke Frankfurt–New York einzeln buchbar ist. Solche Zusatzrechte für Emirates hätten bedeutet, dass die Gesellschaft aus Dubai auch im Transatlantikverkehr zum Lufthansa-Rivalen geworden wäre. Dazu kommt es nun nicht. Wie stark Ostdeutschland von zusätzlichen Berlin-Flügen profitieren kann, darüber gehen die Prognosen auseinander. Der Verband BDF argumentiert, die Aussichten auf weitere Interkontinentalflüge ab Berlin könnten sich nun sogar verschlechtern. „Mit der Entscheidung pro Emirates verschließt Berlin alle Türen für andere Fluggesellschaften, die in der Zukunft bereit gewesen wären, wirkliche Direktverbindungen auf der Langstrecke von und nach Berlin anzubieten“, sagt Hauptgeschäftsführer Engel. Allerdings haben Fluggesellschaft frühere Nonstopflüge nach Asien wegen zu geringer Nachfrage wieder eingestellt. Dubai ist für den Berliner Flughafen kein neues Ziel, die Lufthansa-Tochtergesellschaft Eurowings und Condor haben es für den Winter auch im Plan. Allerdings ist für deren Kunden Dubai meist das Ziel der Reise, während Emirates-Passagiere oft auf Anschlussflüge umsteigen. In Berlin dürfte es schon bald neue Investitionsankündigungen geben. Für den 19. und 20. Oktober hat die Bundesregierung zum großen Investorengipfel an der Hochschule ESMT geladen. Vorbild ist die Veranstaltung „Choose France“, die der französische Präsident Emmanuel Macron seit einigen Jahren veranstaltet. Angesichts der Wachstumsschwäche hiesiger Unternehmen braucht Deutschland Investitionen aus dem Ausland. Während Investoren aus China wegen Sicherheitsbedenken zunehmend auf Abstand gehalten werden, baut die Bundesregierung die Partnerschaft mit den Golfstaaten systematisch aus. Im Februar, kurz vor dem Beginn des Irankrieges, war Merz mit einer Wirtschaftsdelegation in Saudi-Arabien, Qatar und Abu Dhabi unterwegs. Der Kunststoffhersteller Covestro ist Teil von XRG, dem Investmentvehikel des staatlichen Ölkonzerns Adnoc aus Abu Dhabi. Um mehr Investitionen aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, berief Merz im vergangenen Jahr den früheren Commerzbank-Chef Martin Blessing zu seinem persönlichen Investitionsbeauftragten. Dem vorangegangen war ein Treffen mit Chefs deutscher Unternehmen im Kanzleramt, die unter dem Titel „Made for Germany“ für den Standort warben. Von mehr als 600 Milliarden Euro an Investitionszusagen bis 2028 war damals die Rede. Auch diese Zahl wurde jedoch nicht im Detail aufgeschlüsselt.