FAZ 14.09.2026
09:42 Uhr

Jonas Eikas Roman: Das Evangelium nach Maria


Wer ist hier schwach und wer ist stark? Jonas Eikas Romanphantasie „Offener Himmel“ über Beginenfrauen im Hochmittelalter hat begeisternde Momente, changiert aber insgesamt zwischen Mystik und Albernheit.

Jonas Eikas Roman: Das Evangelium nach Maria

Ist man bei der Lektüre im Gefolge einer munteren Schwesternschar erst einmal in der Backstube des Klosters Mont Cornillon angelangt, hat man den Scheitelpunkt zwischen spiritueller Erhabenheit und religiösem Kitsch erreicht, auf dem Jonas Eikas neuer Roman sich abspielt. Aus den Vertiefungen des noch heißen Hostieneisens mit den eingravierten Kruzifixen werden die knusprig gebräunten Oblaten herausgelöst, Unmengen von Hostien, denn der Bedarf an Abendmahlbrot steigt in jener Zeit des Kathedralenbaus und immensen Gottesbedarfs ins Maßlose, dass es selbst dem Klerus unheimlich wird. Wir sind im Jahr 1233. Ida ist Mitglied einer der damals zahlreich aus dem Boden schießenden Religionsgemeinschaften. Ihre wird Beginen genannt, eine gottgefällige Frauengemeinschaft außerhalb der Klostermauern. Mit ihren Schwestern ist Ida zum Besuch nach Cornillon gekommen, weil die kirchliche Obrigkeit dort eine Vorzeigeeinrichtung geschaffen hat, um diese freien Gemeinschaften unter Kontrolle zu bringen. Beim Anblick der Hostienberge wird Ida plötzlich klar, dass die Hostie nicht direkt aus dem Himmel in die Hände des Messe lesenden Priesters gelangt, dass sie aus Mehl und Wasser hergestellt wird. Das setzt bei ihr Denkprozesse in Gang. Wie kann aus Brot der Leib Christi, wie Wein zu unverdünntem Blut werden? Unter Krummstab und Lehnsherrschaft Wenn ihr in der Klosterkapelle dann eine dieser Hostien auf die Zunge gelegt wird, empfindet sie nicht mehr ganz dieselbe Gegenwart des Erlösers wie zuvor. Sie sieht mehr die Oblaten, den Brotrahmen, das Mehl. Bei ihrem Besuch kommt den Frauen auf Anregung der Oberin Juliana von Cornillon auch der Gedanke, dass sie für die Eucharistie nicht unbedingt einen Priester brauchen. Das Wunder des „Dies ist mein Leib“, „Dies ist mein Blut“ können sie selbst besorgen. Und zugleich wollen sie ein göttliches Versäumnis wettmachen: jenes, das fehlt, weil das Sühneopfer nicht ohne die Gottesmutter Maria auskomme. Sie vereinbaren dafür ein Zeichen. Während des Empfangs der Kommunion lassen sie diskret unter dem Gewand einen Finger die Brustwarze umkreisen. Jesu Seitenwunde und Marias Brust sollen eins werden. Leib, Blut und Milch. Womit der Text von der gut recherchierten Beginengeschichte ins Phantastische abhebt. Dieser erste Roman des 2019 mit dem Erzählband „Nach der Sonne“ bekannt gewordenen dänischen Autors Jonas Eika ist jedoch alles andere als eine ironisch gebrochene oder feministisch zurechtgebürstete Aufbereitung der Beginenbewegung, wie man sie in den vergangenen Jahrzehnten da und dort zu lesen bekam. Er ist ein literarisches Kuriosum, mit einem von LGBT angehauchten Sinn für Mystik, reichhaltigen Bezügen auf die Heiligengeschichte, mitreißender Heraufbeschwörung des Alltagslebens unter Krummstab und Lehnsherrschaft, grandios geschilderten Landschaften, Situationen und Szenen. Die Berufung der zum Wäschewaschen an den Bach gekommenen Gefährtinnen Idas gerät im Roman zur literarischen Ikone. Ein junges Mädchen weist am anderen Ufer von einem umgestülpten Waschbottich herab auf den Bach und ruft herüber, durch dieses Wasser müssten sie waten und zur Gemeinschaft von Maria von Oignies aufbrechen. Die Tagesverrichtungen im kleinen Beginenhof auf dem Bartholomäushügel vor Lüttich, das Beten, Weben, Holzhacken, Bierbrauen, Buttern oder Fischgräten zu Dünger Zermahlen, werden dann mit magischer Detailgenauigkeit geschildert. Erzählt wird das alles im leicht erweiterten Zeitraum eines christlichen Jahres, vom Letzten Abendmahl bis zum Ostersamstag des Folgejahrs. Ida führt Tagebuch über die Gemeinschaft, ergibt sich auch in eigene Betrachtungen, schildert ihre Visionen, hält in eingestreuten Kapiteln die Individualgeschichten ihrer Schwestern fest, in einem ständigen Hin und Her zwischen subjektiver Ich- und übergeordneter Erzählperspektive. Man erfährt, wie der Fürstbischof von Lüttich die Frauen zunächst sanft, dann rabiat unter seine Gewalt zu bringen sucht, hört aus der Ferne von der Verfolgung der Katharer, wohnt den Disputen unter Beginen über das richtige Verhalten bei. So kommt Ida bei der Lektüre des ersten Paulusbriefs an die Korinther – „…und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit es zuschanden mache, was stark ist“ – ins Grübeln darüber, wer der Schwache und wer der Starke sei, die Kirche oder ihre Gemeinschaft. Und die Einsicht Hiobs, dass Gott die Welt nicht für uns geschaffen hat, weitet sie auf die christliche Botschaft des hingegebenen Leibs und Bluts aus: „Weil die Welt nicht für euch erschaffen wurde, könnt ihr sie nutzen.“ Eikas Literatur arbeitet sich an solchen Stellen ehrlich und klug an der christlichen Mystik ab. Trocken blättert hingegen im Roman der religiöse Fond dort ab, wo die Phantasie sich verselbständigt. So etwa, wenn Ida sich dranmacht, eine Vita der Jungfrau Maria zu erzählen. Maria will abtreiben, fügt sich dann aber dem Engel Jophiel, ärgert sich jedoch über Josef, weil er in der Felsgrotte von Christi Geburt nachts schnarcht, oder schimpft, weil er auf den Weg nach Betlehem nicht genug Wasser mitnahm. Wo Wortwörtlichkeit und Detailgenauigkeit sich auf keinen konsistenten Horizont mehr bezieht, bröckelt sie in anekdotische Albernheit. Schierer Frömmigkeitskitsch entsteht auch nach der eingangs erwähnten Szene des Hostienbackens, wenn im nächtlichen Klostergarten von Cornillon hinter der von Juliana emporgehaltenen Hostie der Mond „sich von der Turmspitze losreißt und voll und unversehrt hinter der Hostie strahlt“. Großes Lob hingegen den beiden Übersetzern, die dem schwierigen Text zwischen Inbrunst, Burleske, diffuser Erotik und aufreibendem Beziehungsclinch unter den Frauen einen bündigen Klang zu geben verstanden. Jonas Eika: „Offener Himmel“. Roman. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat. Verlag Hanser Berlin, Berlin 2026. 624 S., geb., 30,– €.