Golf ist ein Sport für Menschen, die gern zählen. Schläge, Putts, Vorgaben, verlorene Bälle. Nach achtzehn Löchern wird addiert. Wer am Ende die kleinste Zahl auf der Karte hat, gewinnt. Bei der DUMUSSTKÄMPFEN!-Golf-Trophy in Traisa, die am 1. August zum zehnten Mal stattfindet, ist das etwas anders. Dort ist die größte Zahl die wichtigste. Beim ersten Turnier kamen 30.303 Euro zusammen. Danach waren es 32.400 und 36.000 Euro, später 60.000 und 70.000 Euro. Im vergangenen Jahr standen 90.000 Euro auf dem symbolischen Scheck. Insgesamt hat die Veranstaltung inzwischen 501.860 Euro eingebracht. Eine halbe Million Euro, erspielt auf einem Golfplatz oberhalb von Darmstadt. Das Jubiläum ist ein Anlass, auf den Anfang zurückzublicken. Im Herbst 2016 hatten Nils Schmiedeknecht und Felix Schneider die Idee für ein Charity-Turnier in ihrem Klub. Beide sind Darmstädter, Heiner und Anhänger der Lilien. Das Projekt, für das sie Geld sammeln wollten, fanden sie schnell. Jonathan Heimes war damals erst wenige Monate tot. Sein Satz war in der Stadt aber längst überall zu lesen: „Du musst kämpfen! Es ist noch nichts verloren.“ Auf blauen Bändchen, an Handgelenken, im Stadion am Böllenfalltor. Schmiedeknecht und Schneider hatten die Bänder dort selbst verkauft. Der Erlös steigt Jahr für Jahr Im August 2017 richteten sie ihr erstes Turnier aus. Es war ein Dienstag. Vermutlich wäre man schon zufrieden gewesen, wenn am Abend eine anständige Summe zusammengekommen wäre. Es wurden 30.303 Euro. Aus der spontanen Idee wurde ein fester Termin. Martin Kaymer und Timo Boll unterstützten die Veranstaltung. Sponsoren blieben, neue kamen hinzu. Für die diesjährige Trophy haben 97 Sponsoren und Partner ihre Unterstützung zugesagt, vom Dax-Konzern bis zum Ein-Mann-Betrieb. Der Erlös stieg Jahr für Jahr. In Darmstadt müssen sie nicht erklären, wer Jonathan Heimes war. Mit zwölf Jahren war Heimes hessischer Tennismeister seines Jahrgangs. Beim TEC Darmstadt trainierte er zusammen mit Andrea Petkovic. Beide träumten von der Weltspitze. Petkovic wurde eine der besten Tennisspielerinnen der Welt. Heimes erkrankte mit vierzehn Jahren an Krebs. Nach der Diagnose bekam er von einem Freund eine Nachricht, formuliert wie der Zwischenstand in einem Tennismatch: „4:6, 4:5, 15:40 – zwei Matchbälle gegen dich. Du musst kämpfen! Es ist noch nichts verloren.“ Heimes machte daraus seinen Satz. Er trug ihn nicht nur für sich. Während der vielen Behandlungen verkaufte und verschenkte er Motivationsbändchen, sammelte Geld und unterstützte Projekte für krebskranke Kinder und Jugendliche. Aus einer privaten Ermutigung wurde ein Stück Stadtgeschichte Auch der SV Darmstadt 98 machte sich den Satz zu eigen. Vor dem Relegationsspiel 2014 in Bielefeld schien der Aufstieg der Lilien nach der 1:3-Niederlage im Hinspiel fast ausgeschlossen. Das Rückspiel gewann Darmstadt mit 4:2. Aus einem Tennissatz war ein Fußballsatz geworden, aus einer privaten Ermutigung ein Stück Stadtgeschichte. Jonathan Heimes starb am 8. März 2016. Seine Initiative arbeitete weiter. Seit der Gründung der gemeinnützigen GmbH wurden mehr als 2,5 Millionen Euro an Spenden gesammelt und mehr als 300.000 Motivationsbändchen ausgegeben. Das Geld der Golf-Trophy fließt unter anderem in die supportive Sporttherapie an der Kinderkrebsstation des Universitätsklinikums Frankfurt. Kinder können dort während einer Chemotherapie unter Anleitung von Sportwissenschaftlern trainieren, allein oder in Gruppen. Dazu kommen Angebote für ambulant behandelte Kinder und Nachsorgeprojekte für diejenigen, die ihre Krebsbehandlung abgeschlossen haben, aber noch nicht kräftig genug für einen normalen Sportverein sind. Sie probieren Klettern, Rudern, Boxen, Tennis oder Basketball aus, oft zusammen mit ihren Geschwistern. Seit der Corona-Pandemie gehören auch digitale Angebote dazu. Beim Projekt „Inter-Aktive“ werden Kinder in Onlinesprechstunden betreut. Die Übungen werden nicht nur an ihren körperlichen Zustand angepasst, sondern auch an das, was zu Hause möglich ist. Ein Kinderzimmer ist schließlich keine Turnhalle. Manchmal muss etwas Platz zwischen Bett und Schreibtisch genügen. Unterstützt werden außerdem eine psychosoziale Beratungsstelle für betroffene Familien und das Netzwerk Active-Onco-Kids. Hinter den großen Spendensummen stehen also viele kleine, praktische Dinge: eine Übung, eine Sprechstunde, eine Stunde Bewegung, ein erster Besuch in einer Kletterhalle. Am 1. August beginnt das Turnier in Traisa gegen sieben Uhr morgens. Gespielt werden achtzehn Löcher, danach folgt die After-Golf-Party. Wer mitspielt, spendet 150 Euro. Gäste des Abends zahlen 75 Euro. Dann wird wieder gezählt werden: Birdies, Bogeys und Schläge über Par. Am Abend aber zählt wieder eine andere Zahl. Schmiedeknecht und Schneider rechnen zum ersten Mal mit einem sechsstelligen Betrag.
