B. sei schwierig, das hatte Simon schon gehört, bevor er sie auf diesem Kleinstadtbahnhof in Niedersachsen das Gleis entlangkommen sieht, in ihrem zerknitterten Mantel und den Doc Martens. Die Väter sind älteste Freunde, Henning ist der Patenonkel von B. und deshalb in der Pflicht, wenn sich deren Eltern, wie sie sagen, hilflos mit ihrer Fünfzehnjährigen fühlen, die nicht nur ihren Namen, Bernardette, abgeschafft hat, sondern „alles andere gleich mit“. Sie brauche nur „ein bisschen Abstand von zu Hause, und sie ist schnell wieder auf der richtigen Spur“, glaubt Henning. Also nimmt er B. mit in den Urlaub mit seinem 13 Jahre alten Sohn und der fünf Jahre alten Tochter, also holen die drei sie in Bleckede ab. Ohne Hennings Frau, sie muss zu Hause bleiben, sich um die Firma kümmern, es läuft gerade nicht so. Das ist die Ausgangslage von „Tage mit B.“, dem neuen Jugendroman von Nikola Huppertz, und dass der Vater sich alle Mühe gibt, B. indes nicht so schnell wieder auf die richtige Spur kommt wie gewünscht, wird niemanden überraschen. Erfahrenere Leser – oder nervösere – werden spätestens auf Seite 15 beginnen, sich Sorgen um B. zu machen: Da wird die Erzählung ein erstes Mal unterbrochen von einem grau unterlegten Textfeld mit Linien, gefüllt mit einer Art Schreibschrift, überschrieben mit „Aus dem gelben Heft“. Ein erschütterndes Geheimnis Es ist Simon, der aus den Ferientagen erzählt, und dass Tagebucheinträge des zwei Jahre älteren Mädchens seine Schilderungen auflockern (und kontern), weckt die ungute Frage, wie die Notizen von B. in seine Erzählung gekommen sind. Er hatte sich vor allem auf die Streifzüge durch die Elbtalaue gefreut, als Naturfreund und Insektenforscher. Jetzt, in Klein-Hilke, fasziniert ihn der oft unbeteiligt wirkende Gast, „die schwierige B., die gar nicht schwierig war, sondern irgendwas anderes, Unklares, Rätselhaftes, die man, um es zu begreifen, erforschen musste, nicht wie einen Käfer, den man in ein Life-Glas steckt und beobachtet, sondern, indem man Zeit mit ihr verbringt“. Es ist nicht einfach mit B., auch für Simon nicht: Sie wählt als Lager eine Decke auf dem blanken Boden, sie isst kaum und geht oft ihrer eigenen Wege. Dabei ist sie nicht etwa abweisend, jedenfalls nicht immer. Sie erzählt Simon aus den Büchern, in die sie sich vertieft, von Simone Weil und Meister Eckhart, sie nimmt ihn mit zu Fuß nach Bleckede, in die Bücherei, um einem Geheimnis des so verschlafen wirkenden Ortes Klein-Hilke auf die Spur zu kommen, das schließlich beide Teenager erschüttert. Befreit von Schuld und Schwerkraft Da sind Simon und B. schon auf sich allein gestellt, denn auch Simons Vater muss zurück nach Hause, der Firma wegen. Die Familie, auf deren Anwesen sie untergekommen sind und mit deren gleichaltrigem Sohn sich Simons kleine Schwester sofort angefreundet hat, ist bereit, sich um die Fünfjährige zu kümmern und auf die beiden Größeren ein Auge zu haben. Was kann schon schiefgehen? Mit immer größerer Zuneigung und zugleich mit wachsender Befremdung schaut Simon auf B., die mit Tränen in den Augen berichtet, sie habe sich versehentlich auf eine Weinbergschnecke gesetzt, und auf ihren „viehischen Körper“ schimpft. Die sich beim abendlichen Pflichtanruf wie selbstverständlich ein Brot schmiert, um es, wenn der Videocall beendet ist, dem Jungen über den Tisch zu reichen. Die, so formuliert es Simon kurz vor der Katastrophe, „rein sein“ wollte, „befreit von Schuld und Schwerkraft, sie wollte auf alles verzichten“. In „Tage mit B.“ geht es um zwei auf sich gestellte Jugendliche, um die gemeinsame Entdeckung eines KZ-Außenlagers in dem idyllischen Örtchen und schließlich um Leben und Tod. Auch ein Doppelporträt Es greift zu kurz, B. nur als Sorgenkind zu sehen, wie es die Eltern tun, als offenbar magersüchtig – das Wort fällt an keiner Stelle im Roman – und unnahbar. Oft genug greift es überhaupt an Jugendlichen wie B. vorbei. Hier sieht der Leser B. aus der Perspektive eines ein wenig jüngeren Kindes, das sich um das Unbehagen der Erwachsenen gegenüber einem solchen Teenager nicht groß kümmert, das stattdessen spürt, wie die durchaus existenziellen Fragen, mit denen sich B. befasst, auch für ihn Bedeutung haben, das neugierig und offen eine Begegnung wagt, die schließlich weiter geht, als beide für möglich gehalten hätten. So ergibt sich das bewegende Bild einer Fünfzehnjährigen, die den Mut hat und die Kraft, die Welt und auch sich selbst infrage zu stellen. Und die dabei an ihre Grenzen kommt. Aber das ist nur die eine beeindruckende Seite von „Tage mit B.“. Der Jugendroman zeigt dem Mädchen gegenüber einen 13 Jahre alten Jungen, dessen intellektuelles Interesse über die lateinischen Namen der Käfer hinauswächst, mit denen er sich viel beschäftigt. Der einen liebevollen Blick auf seine fünfjährige Schwester hat und einen zunehmend desinteressierten auf den Chat mit seinen beiden besten Freunden, die von Kreta und den Malediven aus durchaus freundlich wissen wollen, wie es in Klein-Hilke so ist. Der sich, auch wenn B. abwesend oder sogar abweisend wirken kann, in seinem Interesse, aber auch seiner Fürsorge und seinem Verantwortungsbewusstsein nicht beirren lässt. „Tage mit B.“ lässt sich bei aller Spannung auch als Doppelporträt zweier Jugendlicher lesen, so respektvoll wie bewegend. Nikola Huppertz: „Tage mit B.“. Tulipan Verlag, München 2026. 208 S., geb., 17,– €. Ab 14 J.
