Jutta Allmendinger ist immer wieder die erste Frau gewesen: Als Erste hat die politisch engagierte Soziologin, zu deren Hauptthemen soziale Ungleichheit und Wandlungen der Arbeitswelt gehören, von 2003 an das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geleitet; als erste Frau übernahm sie 2007 die Leitung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung; als erste Frau war sie zwischenzeitlich Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Es gibt nicht wenige, die Allmendinger nun als erste Frau für das Amt des Bundespräsidenten handeln. Solche Überlegungen gründen in einer fachlichen Qualifikation, die nicht nur unbestritten ist, sondern immer auch auf die menschlichen Lebensbedingungen ausgreift. Allmendingers Empathiefähigkeit ist nicht etwa professoral eingeschränkt nach dem Motto: eine Figur aus dem akademischen Elfenbeinturm. Sondern professoral gesteigert: mit einem tiefengrammatischen Wissen unterfüttert, was ihre einschlägigen Fachbereiche betrifft. Als Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin konnte sie die Wirkungsforschung als ihr Augenmerk zur Geltung bringen. Damit schnitt sie fruchtlosen, in abgeschotteten akademischen Begriffswelten zirkulierenden Debatten immer wieder den Weg ab, beharrte auf Abgleich mit der politischen Umsetzbarkeit. Ihre zahlreichen Tätigkeiten in Beiräten im In- und Ausland versteht sie deshalb als Teil ihres akademischen, auf Lebenswirklichkeiten gerichteten Wirkens. Entsprechend lang ist die Liste ihrer früheren regierungspolitischen Gremienarbeit, von der Mitgliedschaft im Sozialbeirat für die Rentenversicherung bis zur Teilnahme am Hauptausschuss für Mindestarbeitsentgelte. Gegen populistische Emotionspolitik besteht sie auf Argumenten Allmendinger ist eine Detailversessene, die in der Auseinandersetzung mit rechten wie linken Extremismen auf Faktenkenntnis und analytische Argumentation setzt, statt auf den neuen deutschen Emotionszug aufzuspringen, von dem herab es heißt, Argumente wären doch obsolet, es gälte stattdessen, die Gefühle der Wählerschaften anzusprechen. Ein solches Stattdessen, versteht man Allmendingers politisch-akademische Arbeit recht, ist nicht nur illusorisch, weil Gefühle und Argumente sich stets auf komplexe Weise durchdringen. Ein solches Stattdessen ist überdies gefährlich, weil es zur Entkräftung des Politischen führt als einer auf Sachauseinandersetzung angewiesenen öffentlichen Arena. Sollte diese Auseinandersetzung künftig nur noch im populistischen PR-Sog erfolgen, dem sich dann auch die überkommenen Parteien angleichen? Allmendinger behält angesichts vielfältiger Bedrohungen der Demokratie die Nerven, gerade weil sie den sicheren Stand immer wieder neu im Faktischen sucht, die Arbeit, die das mit sich bringt, nicht scheut und keinerlei Bereitschaft zeigt, dem Modus einer populistischen, das heißt immer auch manipulativen Emotionspolitik entgegenzukommen, welche dort einfache Lösungen vorgaukelt, wo tatsächlich ein höherer Komplexitätsgrad gefragt ist. In diesem Sinne steht Jutta Allmendinger für akademisch informierte Geduld und analytisch fundierte Nervenstärke. Das sind Haltungen, die sie auch mit rhetorischer Schlagfertigkeit verbindet, wie es der Typ Staatssoziologin erfordert, den Jutta Allmendinger selbst so versteht: Denkerin des Gemeinwohls an der Front zu sein; hier in diesem Willen zum politisch wirksamen Eingriff dem legendären Ulrich Beck nicht unähnlich. So prangerte sie in jüngster Zeit die Debatte rund um die Arbeitszeit der Deutschen als „zynisch“ an, nicht ohne in wenigen Sätzen den analytischen Beipackzettel mitzuliefern. Frage: Sollen wir alle mehr arbeiten, damit es der Wirtschaft im Lande besser geht? Sie finde ein solches Rezept, so Allmendinger im „Handelsblatt“, undifferenziert und teilweise zynisch: „Unsere Wirtschaft stagniert, weil die US-Zollpolitik das Wirtschaftswachstum weltweit belastet, deshalb werden auch unsere Produkte zu wenig nachgefragt. Außerdem bringen wir manche unserer Innovationen nicht schnell genug auf den Markt. Das meiste Venture-Capital liegt immer noch in den USA, wir haben von unseren Innovationen und Patenten relativ wenig. Und das hängt nicht von unserer Arbeitszeit ab, sondern von den Finanzierungsbedingungen in Deutschland. Dazu kommt: Unser Fachkräftemangel in manchen Bereichen lässt sich nicht einfach durch eine Erhöhung der Arbeitszeit ausgleichen.“ Es spricht Jutta Allmendinger – und Ruhe im Karton. Heute wird sie siebzig Jahre alt. Für ihren weiteren Weg als erste Frau ist das kein Alter.
