FAZ 24.09.2026
15:07 Uhr

Kämpfe in Tigray: Steht Äthiopien ein weiterer verheerender Krieg bevor?


Im Vielvölkerstaat haben sich sieben Gruppen zu einer Allianz gegen Ministerpräsident Abiy zusammengeschlossen. Dieser macht dafür Eritrea verantwortlich.

Kämpfe in Tigray: Steht Äthiopien ein weiterer verheerender Krieg bevor?

Die äthiopische Regierung meldete eine Großoffensive ihrer Gegner. Die widerständige Führung der Region Tigray sprach hingegen davon, sich gegen Angriffe der Zentralregierung zur Wehr zu setzen. Gesichert ist, dass es im gesamten Norden Äthiopiens seit Mittwoch Gefechte gibt. Die Gefahr, dass dem Land ein weiterer Krieg bevorsteht, ist damit deutlich größer geworden. Das Kampfgeschehen konzentrierte sich am Mittwoch ersten Berichten zufolge auf Grenzgebiete zwischen Tigray und den Nachbarregionen Amhara und Afar. Dort stießen Kräfte der „Volksbefreiungsfront von Tigray“ (TPLF), welche die nördliche Region beherrscht, sowie verbündete Milizen mit Truppen der nationalen äthiopischen Armee (ENDF) zusammen. Eine dieser Milizen, die amharische Fano-Bewegung, veröffentlichte am Donnerstag in sozialen Medien Bilder gefangen genommener ENDF-Kommandeure. Parallel dazu brachten die TPLF-Truppen die drei wichtigsten Flughäfen in Tigray unter ihre Kontrolle, unter anderem den der Hauptstadt Mekele. Die dort ansässige TPLF-Regionalregierung begründete ihre Maßnahmen in einer Stellungnahme. Die Regionalarmee habe eine „Verteidigungsschlacht“ aufgenommen, um eine „Invasion“ des „völkermörderischen Regimes“ in Addis Abeba abzuwehren, heißt es darin. Auf ähnliche Weise begann 2020 der Krieg Die TPLF warf der Zentralregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed zudem vor, Tigray schon vorher beständig mit Flugzeugen, Drohnen und Artillerie angegriffen zu haben. Seit Anfang August hatte es wiederholt Drohnenangriffe der ENDF auf TPLF-Kräfte gegeben, seit Anfang September verlegte die nationale Armee zudem Truppen und schweres Gerät in den Süden Tigrays. Von der äthiopischen Regierung gab es zunächst keine Stellungnahme. Ein Berater Abiys, der aus Tigray stammt und früher der TPLF angehörte, schrieb auf der Plattform X, die Regionalregierung habe eine „umfassende Offensive“ begonnen. Er warf der TPLF vor, sie habe damit ihre „Verantwortungslosigkeit auf ein neues Niveau gehoben“. Der Ton zwischen der TPLF und der Zentralregierung hatte sich seit Monaten verschärft – vor allem, nachdem die TPLF im Mai die Macht in Tigray wieder übernommen hatte. Seither gab es Warnungen davor, dass der blutige Krieg wiederaufflammen könnte, der zwischen 2020 und 2022 geherrscht hatte. Er hatte auf ähnliche Weise begonnen: Nach monatelangem Säbelrasseln sowohl seitens der in Tigray regierenden TPLF als auch der Zentralregierung griffen TPLF-Kräfte am 3. November 2020 Einrichtungen der ENDF an. Ein Bündnis von sieben regionalen Kräften Die darauffolgende, zwei Jahre andauernde militärische Auseinandersetzung war einer der opferreichsten Kriege dieses Jahrhunderts. Hunderttausende Menschen kamen ums Leben. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei das Nachbarland Eritrea, das die Zentralregierung im Kampf gegen die TPLF unterstützte. Nicht nur, aber vor allem eritreischen Soldaten werden massive Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung vorgeworfen. Der Krieg endete schließlich im November 2022 mit dem in Südafrika geschlossenen Pretoria-Abkommen. Die TPLF musste dabei große Zugeständnisse machen. Bei der Umsetzung dieser Vereinbarung traten jedoch zunehmend Probleme auf. So blieb unter anderem der Status des westlichen Teils Tigrays ungeklärt. Dieser wurde während des Krieges von Kräften des Nachbarstaats Amhara besetzt, die das Gebiet für sich beanspruchen. Anfang 2026 kam es dort zu Gefechten zwischen TPLF-Truppen und den ENDF. Ein weiteres Problem betraf die in Mekele eingerichtete Übergangsverwaltung, die Wahlen vorbereiten sollte. Die TPLF warf der Zentralregierung vor, sie habe das Mandat dieses Gremiums eigenmächtig verlängert. Schließlich erklärte sie die Übergangsverwaltung für abgesetzt. Auch die vorgesehene Entwaffnung der TPLF wurde nicht umgesetzt. Mischt Eritrea sich ein weiteres Mal in Äthiopien ein? Die TPLF ist nicht die einzige regionale Kraft, die in einen Konflikt mit der Zentralregierung unter Ministerpräsident Abiy verstrickt ist. In mehreren Regionen des Vielvölkerstaats Äthiopien sind Milizen und aufständische Gruppen aktiv. Sieben von ihnen verbündeten sich vor wenigen Tagen: Die TPLF, die amharische Fano-Bewegung sowie weitere Gruppen aus Afar, Oromia, Somali und Benishangul-Gumuz verkündeten am Sonntag die Bildung der „Allianz der Kräfte der äthiopischen Völker für das Überleben“. Diese richtet sich direkt gegen Abiy: Das Ziel sei die Beseitigung des „diktatorischen Regimes“ des Ministerpräsidenten, sagte der TPLF-Sprecher am Sonntag. Dazu könnten „gemeinsame Militäroperationen“ erforderlich sein. Das Pretoria-Abkommen bezeichnete der Sprecher als hinfällig. Das Bündnis regionaler Kräfte ist bemerkenswert, denn einige von ihnen waren bislang miteinander verfeindet. Aber nicht nur deshalb handelt es sich um eine für die Zentralregierung bedrohliche Entwicklung. Seit dem Pretoria-Abkommen hat das Verhältnis zwischen Äthiopien und Eritrea sich wieder deutlich verschlechtert. Abiys Sprecherin warf dem Nachbarland am Montag vor, die Allianz finanziell zu unterstützen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Eritreas Diktator Isaias Afewerki in Äthiopien einmischte. Ein Bündnis seiner Armee mit kampfstarken regionalen Milizen wäre für Addis Abeba eine echte Belastungsprobe.