FAZ 16.09.2026
15:34 Uhr

Klimaneutraler Verkehr: Antriebswende bei Stadtbussen hat Daimler schon fast bewältigt


Die fehlenden Ladesäulen bremsen den Hochlauf der Elektromobilität nicht nur im Schwerlastverkehr, sondern auch beim Einsatz von Bussen. Allerdings gibt es ein Segment, das schon bald klimaneutral unterwegs sein wird.

Klimaneutraler Verkehr: Antriebswende bei Stadtbussen hat Daimler schon fast bewältigt

Hätte Daimler Buses nur Stadtbusse im Angebot, wäre Till Oberwörder eine Sorge los. Der Vorsitzende der Geschäftsführung des baden-württembergischen Busspezialisten würde dann nämlich zu den wenigen Chefs von Fahrzeugherstellern gehören, die sich keine Gedanken mehr um die Regeln zur Verminderung der CO₂-Emissionen von Straßenfahrzeugen machen müssten. „Wir haben sehr früh gesagt, dass wir bei den Stadtbussen nicht mehr in die Euro-7-Welt einsteigen. Von 2030 an fahren unsere Stadtbusse rein elektrisch“, sagte Oberwörder im Interview mit der F.A.Z. auf der IAA Transportation in Hannover. Nach den Verordnungen der EU müssen Stadtbusse vom Ende der Dekade an zu 90 Prozent und fünf Jahre später zu 100 Prozent als emissionsfreie Fahrzeuge verkauft werden. Neuzulassungen von Bussen mit der Abgasnorm Euro-6, die das Unternehmen noch entwickelt hat, sind nur noch bis Mitte 2029 erlaubt. „Die Stadt ist für uns eine Art Leuchtturm, um zu zeigen, dass die Elektromobilität funktioniert“, beschreibt Oberwörder die Umstände, warum die Antriebswende beim innerstädtischen Busverkehr so problemlos verläuft. „Die Stadt hat klar definierte Routen, klare Andockpunkte und Depots – da kann man eine Ladestrategie sehr gut ableiten.“ 2025 sind 65 Prozent der von Daimler Buses neu zugelassenen Busse elektrisch gefahren. Reisebusse brauchen noch mehr Ladesäulen als Lastwagen Ganz anders sieht es bei den Überland- und den Reisebussen aus, die die Tochtergesellschaft des weltgrößten Lastwagenherstellers Daimler Truck ebenfalls herstellt. Dort gelten die Flottengrenzwerte der Lastwagen. Nach den Regeln müssen die Emissionen der im Jahr 2030 verkauften Fahrzeuge um 43 Prozent unter denen des Jahres 2019 liegen. „Wir stehen da vor denselben Problemen wie die Lastwagen-Kollegen – der Aufbau der Ladeinfrastruktur kommt nicht nach“, sagt Oberwörder, für den sich die Herausforderung im Unterschied zu Truckherstellern noch einmal verschärft. „Wir brauchen nicht 35.000 Ladesäulen bis 2030, sondern noch einmal 14.000 mehr, weil unsere Reisebusse eben nicht an den üblichen Autobahnachsen unterwegs sind, sondern auch zu touristischen Zielen wie dem Schloss Neuschwanstein fahren.“ Derzeit gibt es europaweit etwa 2000 Ladesäulen für Busse und Lastwagen. Mit der Umstellung der Antriebe hat der europäische Marktführer, der neben den baden-württembergischen Werken in Neu-Ulm und Mannheim in Europa auch Fabriken in Tschechien, Spanien, der Türkei und Frankreich unterhält, im Jahr 2018 begonnen. Nach den Stadtbussen des Modells Citaro folgten zur Mitte der aktuellen Dekade die ersten Überlandbusse, bis 2030 sollen dann auch die Reisebusse der Marken Setra und Mercedes-Benz an der Reihe sein. „Auch die Überlandbusse waren bislang ein Dieselsegment, das nun nach und nach in die Batteriewelt überführt wird. Da kommen wir aber nun auch an den Punkt, dass uns Ladepunkte in der Fläche fehlen“, erläutert der Manager. Im Hinblick auf die Größe des Markts sind die Stadtbusse das wichtigste Segment des Unternehmens noch vor den Überland- und Reisebussen. Deshalb hat Daimler Buses zuletzt auch die Angebote ausgebaut, mit denen der Hersteller Kommunen bei der Antriebswende hilft. „Wir haben in Europa bereits rund 90 Projekte, in denen wir die Kommunen bei der Umstellung ihres Nahverkehrs unterstützen“, sagt Oberwörder. Im Jahr 2025 steigerte Daimler Buses seinen Absatz um 399 Busse auf insgesamt 26.991 Fahrzeuge. Der Umsatz stieg um rund 14 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro bei einem operativen Gewinn (Ebit) von 594 Millionen Euro. Das entspricht einem Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und einer operativen Umsatzrendite (Ebit) von rund zehn Prozent. Wie die Ergebnisse zum Ende der Dekade aussehen werden, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie groß die Sorgen von Till Oberwörder im Hinblick auf die CO₂-Regulierungen bei Überland- und Reisebussen sein werden. Denn die Strafzahlungen bei einem Verfehlen der Flottengrenzwerte sind empfindlich. „Um es klar zu sagen: Wir sind nicht gegen die Ziele, aber wir brauchen jetzt einen Realitätscheck“, sagt der Daimler-Buses-Chef mit Blick auf die Forderung, die von der EU für 2027 in Aussicht gestellte Überprüfung der Flottengrenzwerte vorzuziehen. Oberwörder schließt sich damit dem Appell großer Lastwagenhersteller an. Gemeinsam mit den Chefs von DAF, Ford-Otosan, Iveco, MAN, Scania, Traton und Volvo hatte die Vorstandsvorsitzende von Daimler Truck, Karin Rådström, zum Auftakt der Messe in Hannover gefordert, die EU-Flottenziele möglichst noch in diesem Jahr zu überprüfen und zu lockern. Auch der Chef von Daimler Buses wünscht sich einen Hochlauf der Infrastruktur, der synchronisiert werde mit dem Hochlauf des Fahrzeugvolumens. Und das sei nicht die Aufgabe der Hersteller. „Man kann jetzt darüber klagen, ob alle Beteiligten ihren Beitrag wie geplant erfüllt haben, aber viel wichtiger ist, dass wir jetzt schauen, wie wir vorankommen.“