FAZ 22.09.2026
08:30 Uhr

Kriegsszenarien: Wo würde Russland das Baltikum angreifen?


Bedrohung der NATO: Wie könnte ein russischer Angriff auf den Westen aussehen? Planspiele zeigen es

Kriegsszenarien: Wo würde Russland das Baltikum angreifen?

Als Mark Rutte vorige Woche an der Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt in Berlin teilnahm, wurde er nach der russischen Bedrohung Europas gefragt. „Die Bedrohung ist langfristig“, antwortete der NATO-Generalsekretär. Er verwies darauf, dass Moskau fast die Hälfte des Staatshaushalts für das Militär und den Krieg gegen die Ukraine aufwende und seine Arsenale auffülle, während es dort kämpfe. Die Allianz müsse deshalb ihre Anstrengungen zur Aufrüstung fortsetzen, denn sonst gäbe es „ein Risiko, wenn wir das Jahr 2029, 2030 oder 2031 erreichen“. Damit fasste er die Lageeinschätzung der NATO und der Geheimdienste vieler Mitgliedstaaten, auch der USA, zusammen: Kurzfristig und solange der Krieg mit der Ukraine andauert, ist ein russischer Angriff, der über hybride Anschläge hinausgeht, unwahrscheinlich. Mittelfristig muss das Bündnis aber damit rechnen, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine Verteidigungsbereitschaft testet. Und ein solcher Test ist umso wahrscheinlicher, je größer die Lücken sind. Wo er erfolgen würde, lässt sich nicht sicher sagen. Allein die Landgrenze zwischen NATO-Staaten und Russland ist etwa 2500 Kilometer lang. Die Verteidigungspläne der Allianz richten sich auf mehrere Szenarien, sind aber streng geheim. Militärfachleute haben vor allem das Baltikum im Blick. Für russische Nationalisten gehört es zum eigenen „historischen Raum“. Putin betrachtet den Zerfall der Sowjetunion, der die drei Staaten zwangsweise angehörten, als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Daraus nährt sich ein imperialistischer Revisionismus. Vom Stolperdraht zur schweren Kampfbrigade Zudem hat Moskau kurz vor Beginn seines Angriffs auf Kiew die NATO aufgefordert, sich aus den östlichen Mitgliedstaaten zurückzuziehen, von Estland im Norden bis Bulgarien im Süden. Im Baltikum kommt noch eine Besonderheit hinzu: In Lettland ist ein Viertel der Bevölkerung russischstämmig, in Estland ein Fünftel. Moskau fühlt sich für diese „Landsleute“ zuständig. In der Ukraine hat es daraus einen Gebietsanspruch abgeleitet und diesen gewaltsam untermauert. Die NATO hat seit der russischen Invasion auf der Krim-Halbinsel und deren Annexion ein besonderes Augenmerk auf das Baltikum gerichtet. Dazu trug eine Studie von 2016 bei, die aufgrund einer Kriegssimulation zu dem Schluss kam, dass russische Kräfte große Teile des Baltikums überrennen und in 36 bis 60 Stunden die Außenbezirke der drei Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn erreichen könnten. In einem ersten Schritt stationierte die Allianz 2017 in jedem der drei Länder und in Polen eine multinationale Battlegroup in Bataillonsstärke, jeweils etwa 1000 Soldaten. Diese „Vornepräsenz“ sollte einen „Stolperdraht“ schaffen – und dadurch abschrecken: Jeder Angriff hätte unweigerlich die gesamte Allianz in einen Krieg hineingezogen. Allerdings hätten diese Verbände einem Angriff nicht lange standhalten können. Deshalb beschloss die NATO 2024, nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs, ihre Präsenz auf Einheiten in Brigadegröße auszudehnen und Führungsstrukturen „auf Divisionsebene“ zu schaffen. Das entsprach dem neuen Ansatz, „jeden Zentimeter“ des alliierten Territoriums zu verteidigen. Allerdings wird das Konzept unterschiedlich umgesetzt. Nur Deutschland will bis Ende nächsten Jahres eine schwere Kampfbrigade mit rund 5000 Soldaten dauerhaft in Litauen stationieren. Kanada führt in Lettland eine multinationale Brigade mit gut 2000 eigenen Soldaten, die aber leichter bewaffnet sind. Die Briten, Führungsnation in Estland, planen eine rasche Verstärkung erst im Spannungsfall. Die baltische Verteidigungslinie Zudem rüsten alle drei baltischen Staaten massiv auf. Mit Verteidigungsausgaben von fünf Prozent und mehr liegen sie schon jetzt an der Spitze der NATO-Statistik. Das Geld fließt insbesondere in den Aufbau einer baltischen Verteidigungslinie mit befestigten Stellungen, physischen Sperren, Luftabwehr- und Artilleriegeschützen sowie Drohnen, die einen russischen Vormarsch verlangsamen, kanalisieren und aufhalten soll – bis die NATO-Partner Verstärkung heranführen und den Angriff zurückschlagen. Das Hauptaugenmerk von Militärplanern liegt deshalb auf den ersten 48 bis 72 Stunden eines Angriffs, in denen sich die Staaten und die dort stationierten NATO-Kräfte selbst verteidigen müssten. Eine Studie des European Council on Foreign Relations („The Bear in the Baltics“) von Ende 2025 spielt zwei konkrete Angriffsszenarien durch. Die Autoren unterstellen, dass Russland über maximal 15.000 Soldaten und rund 100 Kampfflugzeuge an seinen Stützpunkten an der Grenze zum Baltikum verfügt. Zwar könnte es weitere Truppen aus anderen Militärbezirken mobilisieren, doch würde dies die Allianz alarmieren und einem Vorstoß das Überraschungsmoment nehmen – was „fast zwangsläufig zum Scheitern führen würde“. Sie unterstellen zudem, dass die estnische Grenzstadt Narwa der schwächste Punkt im Baltikum ist: wegen ihrer Nähe zu Russland und der dort lebenden russischstämmigen Bevölkerung. Das erste Szenario ist eine russische Invasion Estlands, um Territorium zu erobern und es dann in Verhandlungen gegen politische Konzessionen einzutauschen – etwa den Rückzug der NATO aus allen drei Staaten. Eine solche Operation würde jedoch auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen. So müssten die russischen Truppen zunächst den Grenzfluss Narwa queren; in der Ukraine sind vergleichbare Missionen spektakulär gescheitert. Sodann müssten sie sich auf einem schmalen Landkorridor fortbewegen, der vermint ist und unter Artilleriefeuer liegt. Estland könnte binnen 36 Stunden eine Streitmacht mobilisieren, die mindestens doppelt so groß ist wie die russische. Binnen 48 Stunden würde es Verstärkung von den NATO-Truppen im Baltikum bekommen. Zudem würde die Allianz sich rasch die Luftüberlegenheit sichern. Ein solches Szenario, so die Schlussfolgerung der Autoren, würde für Russland zu einem „strategischen Desaster“ führen. Ein hybrider Angriff, um die NATO zu verunsichern Sie spielen deshalb noch ein zweites Szenario durch. Darin würde Russland nicht darauf zielen, Land zu erobern, sondern in einem hybriden Einsatz mit wenigen hundert Kämpfern – Spezialtruppen ohne Uniform – versuchen, strategische Punkte kurzzeitig einzunehmen, etwa die Brücke von Narwa. Bevor die NATO den Angriff Russland zuschreiben könnte, würden sich die Kräfte wieder zurückziehen („In-and-out“). Das Ziel: Die Allianz verwirren und Artikel 5 des Nato-Vertrags untergraben. Die Verfasser halten dies für die „eigentliche Gefahr“ aus Sicht der Allianz. In beiden Szenarien würden die 10.000 russischen Soldaten in der Exklave Kaliningrad nicht eingreifen, weil diese sonst kaum gegen die NATO verteidigt werden könnte. Die Allianz wiederum würde allenfalls russische Artilleriestellungen unter Beschuss nehmen, nicht aber selbst auf russisches Territorium vordringen – um eine nukleare Eskalation zu vermeiden. Allerdings stellt sich das Bündnis auch auf andere Entwicklungen ein. In den vergangenen Jahren hat es Szenarien geübt, in denen russische Großverbände versuchen, das Baltikum an der Suwałki-Lücke zwischen Litauen und Polen – dem nur 60 Kilometer breiten Landkorridor – vom restlichen NATO-Gebiet abzuschnüren und bis an die Weichsel nach Polen vorzustoßen. Was die Sapad-Großmanöver lehren Im Baltikum selbst werden deshalb die russischen Sapad-Manöver mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Dieses nach dem russischen Wort für Westen benannte Großmanöver findet alle vier Jahre statt und ist die Hauptdrohkulisse gegen die Nachbarn. Zwar versichert Moskau stets, Sapad sei eine reine Verteidigungsübung. Doch wurde 2009 ein nuklearer Angriff auf Warschau simuliert, 2017 wurden Kampfhandlungen an der Suwałki-Lücke geübt. Das Manöver von 2021 galt dann als eine der Vorbereitungen für den Überfall auf die Ukraine von 2022. Traditionell pflegt Belarus bei den Sapad-Manövern eine größere Offenheit als Russland. So lädt Minsk, anders als Moskau, weiter Beobachter auch aus NATO-Staaten ein. Vor Sapad 2025 sagte der Machthaber Alexandr Lukaschenko, die Hauptübungen sollten nicht, wie zunächst geplant gewesen sei, an der belarussischen Westgrenze stattfinden, sondern seien ins Landesinnere verlegt worden, um den Rivalen „nicht die Möglichkeit zu geben, uns zu beschuldigen, dass wir uns darauf vorbereiten, den Suwałki-Korridor zu durchtrennen, in einem ersten Schritt die drei baltischen Staaten zu erobern und dann Polen. Das ist eine völlige Dummheit.“ Indes lässt das, was bei Lukaschenko scheinbar beruhigend formuliert ist, zugleich die Drohung erkennen. Im März 2024 hat der Minsker Herrscher gar vor Kameras mögliche Militäroperationen an der Suwałki-Lücke erörtert, als er seine Militärs bei einem Manöver fragte, wie weit es nach Kaliningrad sei, und sie anwies, sich den nordöstlichen Teil Polens zu „schnappen“. Nadelstiche mit Drohnen Der russische Präsident geht weniger plump vor. Klar ist aber, dass es in diesen Fragen auf Putin ankommt. Regelmäßig übt Russlands Militär Einsätze in der Region. So im Juni, als Kampfflugzeuge der im Kaliningrader Gebiet stationierten Baltischen Flotte nach offiziellen Angaben übten, Raketen abzufeuern und Bomben abzuwerfen. Deklariert wird dabei stets eine defensive Intention: Es handele sich um eine Reaktion auf NATO-Übungen nahe der russischen Grenze. Ebenfalls hervorgehoben wird aber auch, dass man in den Übungen „die Erfahrung der speziellen Militäroperation“ berücksichtige, des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Der wird zum Verteidigungsringen mit einem „kollektiven Westen“ umgedeutet. Immer wieder ist es in jüngster Zeit zu russischen Nadelstichen gegen die Staaten der Region gekommen. So verletzten vor einem Jahr russische Drohnen den polnischen Luftraum, und in diesem Jahr drangen mehrfach offenbar ukrainische Drohnen in den Luftraum der baltischen Staaten ein. Vermutlich steuerten sie russische Ziele an und wurden von der russischen Luftabwehr abgelenkt. Moskau flankierte dies mit einer Propagandakampagne, die fälschlicherweise behauptete, die baltischen Staaten hätten Kiew erlaubt, ihren Luftraum für Angriffe auf Russland zu nutzen. Hinzu kommen ständige Vorwürfe, die baltischen Staaten würden ihre russischen Minderheiten rassistisch diskriminieren. Jüngst hieß es aus dem Moskauer Außenministerium, man plane, sich in dieser Sache noch in diesem Jahr an den Internationalen Gerichtshof zu werden. Allerdings fällt bei aller russischen Hetze gegen die „Regime“ in Tallinn, Riga und Vilnius auf, dass die Propaganda gegen sie eine andere Stoßrichtung hat als die gegen die Ukrainer. Putin und seine Leute sehen die Ukrainer als (vom Westen) fehlgeleitete Russen, die man, so die verbreitete Vorstellung, nur umerziehen müsse, damit sie freiwillig in Moskaus Schoß zurückkehrten. Vor dem Überfall von 2022 führte dieser Wahn zu der Annahme, die Kiewer Führung habe keinen Rückhalt und lasse sich rasch stürzen. Noch immer bezahlen auch zahlreiche russische Soldaten dafür mit ihrem Leben. Keine unmittelbare Gefahr Mit Blick auf Polen und die baltischen Staaten, die seit Langem der sowjetischen Besatzung gedenken, ist russischerseits kein solcher Irrglaube ersichtlich. Zudem hat der Angriffskrieg die Position der NATO im Ostseeraum gestärkt, mit den Beitritten Schwedens und Finnlands, und umgekehrt Russlands Fähigkeiten geschwächt. Journalisten des Portals Mediasona und des russischen Dienstes der BBC haben allein für die in Kaliningrad stationierten Truppengattungen 1718 Soldaten identifiziert, die zwischen dem 24. Februar 2022 und dem 7. September dieses Jahres in der „Spezialoperation“ gefallen sind. Putin braucht Truppen schon, um seinen Angriffskrieg weiterzuführen, aber eine neue Mobilmachungswelle wäre unpopulär, der Herrscher hat sie jüngst wiederholt ausgeschlossen. Die baltischen Regierungen rechnen selbst nicht mit einem raschen oder unmittelbar bevorstehenden Angriff Russlands. Zuletzt hatte es derlei Spekulationen gegeben, als der CIA-Direktor John Ratcliffe Ende August überraschend nach Moskau flog. Angeblich habe er vor einem Angriff auf das Baltikum warnen wollen, berichteten US-Medien. Doch gab es keinen Hinweis auf einen konkreten Angriff. An der grundsätzlichen Sicherheitslage Litauens habe sich nichts geändert, sagte der litauische Präsident Gitanas Nausėda. Auch der lettische Ministerpräsident Andris Kulbergs bewertet das Risiko einer direkten russischen Invasion derzeit als gering. Er betonte jedoch, dass sein Land auf Cyberangriffe, Sabotage, Provokationen und Drohnenvorfälle vorbereitet sein müsse. In den vergangenen Monaten waren mehrfach Drohnen aus Russland und Belarus in den lettischen Luftraum geflogen, wobei es sich meist um ukrainische Drohnen handelte, die mutmaßlich durch elektronische Abwehrmaßnahmen Russlands und Belarus vom Kurs abgekommen waren. Die Verbindung zur Ukraine Der estnische Außenminister Margus Tsahkna äußerte Ende August, man nehme von Russland ausgehende mögliche Provokationen gegen die NATO sehr ernst. Zwar sehe auch er nicht, dass Moskau einen konventionellen Angriff auf das Baltikum plane. Doch sei „Putins Sabotage- und Unterwanderungskampagne in ganz Europa keine hybride Kriegsführung“ mehr, schrieb der Politiker auf der Plattform X. „Es handelt sich um staatlich geförderten Terrorismus. Nennen wir es, wie es ist.“ Letzteres könnte ein Grund für Ratcliffes Besuch in Moskau gewesen sein, sagt Marek Kohv. Er ist Leiter des Sicherheits- und Resilienzprogramms am International Centre for Defence and Security (ICDS) in Estland. Russlands zunehmende Sabotageaktivitäten in Europa gefährdeten auch US-Unternehmen, die in europäischen Ländern tätig seien, darunter Rüstungshersteller, die mit europäischen Unternehmen kooperierten, sagte Kohv der F.A.S. „Angesichts wachsender Bereitschaft Russlands, die Rüstungsindustrie in Europa anzugreifen, könnte der CIA-Direktor dieses Thema mit angesprochen haben.“ Anzeichen für eine unmittelbare militärische Bedrohung der baltischen Staaten sieht aber auch Kohv nicht. „Das wird zumindest so lange so bleiben, wie Russland seine militärische Aggression gegen die Ukraine fortsetzt.“ Würde Moskau Teile seines Militärs ins Baltikum verlagern, müsste es seine Angriffe in der Ukraine verringern. Das jedoch würde es der Ukraine ermöglichen, größere Teile ihres Territoriums zu befreien. „Dafür sehen wir keine Anzeichen. Putin besteht weiterhin auf maximalen Forderungen und zeigt keine Bereitschaft, seinen Angriffskrieg zu beenden.“