FAZ 15.09.2026
11:30 Uhr

Künstliche Intelligenz: Macht Trump KI-Liebe zum neuen Loyalitätstest?


Trump spricht sich gegen Regeln für KI aus. Es gebe eine „kranke Verschwörung“ zugunsten Chinas. Gleichzeitig kämpfen manche Republikaner sogar gegen Rechenzentren.

Künstliche Intelligenz: Macht Trump KI-Liebe zum neuen Loyalitätstest?

Einer fehlt unter denjenigen, die sich dieser Tage besorgt über das Entwicklungstempo Künstlicher Intelligenz zeigen: der amerikanische Präsident. Im Gegenteil: Zu Wochenbeginn setzte Donald Trump eine Reihe von Beiträgen mit ähnlichem Tenor ab. Es gebe eine „kranke Verschwörung“ gegen die KI und Rechenzentren, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Weitere Regulierungen würden die Industrie in die Bedeutungslosigkeit und den Bankrott treiben. Wer beim Thema KI gewinne, der habe gewonnen, behauptete Trump außerdem – von Zurückhaltung profitiere nur China. Die Kampagne werde von den linksradikalen Demokraten vorangetrieben und sei gleichermaßen eine Lüge wie der Klimawandel. Dann kam er zu dem Schluss, die Vereinigten Staaten hätten „in Hülle und Fülle“, was es an Kontrolle beim Thema Künstliche Intelligenz brauche: einen starken und intelligenten Präsidenten „mit hohem IQ“. Dass viele in der Technologiebranche dem Präsidenten in dieser Sache nicht zustimmen, hatte sich nach dem Brandbrief des Anthropic-Mitgründers und Vorstandsvorsitzenden Dario Amodei am vergangenen Wochenende gezeigt. Führende Vertreter schlossen sich ihm an. Aber die forsche Haltung des Weißen Hauses steht auch im Gegensatz zur wachsenden Skepsis innerhalb der amerikanischen Bevölkerung – und zur Botschaft einiger Kongressrepublikaner, die in weniger als zwei Monaten zur Wiederwahl stehen. J.D. Vance: Die Amerikaner müssen keine Angst haben Der innerparteiliche Widerspruch zeigte sich, als Vizepräsident J.D. Vance die aus der KI-Branche selbst kommenden Warnungen vor einer Reise nach Kansas am Montag abtat. Seine Einschätzung: Es sei seltsam, dass die Unternehmen die Regierung quasi anflehten, sie zu regulieren. Im Übrigen berge jede neue Technologie Risiken; die Amerikaner müssten keine Angst haben. Dann fuhr Vance fort, er werde in Kansas für den großartigen Senator Roger Marshall Wahlkampf machen. Der wiederum hatte sich in den vergangenen Monaten klar gegen Rechenzentren in seinem Bundesstaat ausgesprochen und Gesetzgebung in Bezug auf die nationale Sicherheit und KI gutgeheißen. Die Leute in Kansas seien auf den Barrikaden, sagte Marshall während einer Podiumsdiskussion im Juli. Er erklärte sich ausdrücklich zum Unterstützer von Moratorien einzelner Bezirke, wenn auch nicht auf Bundesstaatenebene: Es gebe Probleme mit der Wasserversorgung, mit steigenden Stromkosten und außerdem brächten die Zentren nicht sonderlich viele Jobs, wenn sie einmal gebaut seien. Ähnlich formulieren es viele Republikaner in den eigenen Wahlbezirken. „Ich habe gelernt“, sagte Marshall, dass man den Leuten in dieser Sache lieber zuhöre. Eine jüngste Umfrage der Wochenzeitung „The Economist“ und des Marktforschungsinstituts YouGov kam zu dem Ergebnis, eine Hälfte aller Amerikaner bewertet den Neubau von Rechenzentren als schlecht für das Land. Unter den befragten Republikanern waren es immer noch 39 Prozent. Zur Debatte über Rechenzentren kam in Washington mit dem Warnruf der Branche nun eine verstärkte Debatte über die allgemeine Gefahr von KI hinzu. Trump behauptet, es gebe schon viele Regularien für Künstliche Intelligenz. Die beruhen bislang jedoch darauf, dass sich die Unternehmen freiwillig daran halten und der Regierung zum Beispiel die Aufsicht über neue KI-Modelle gewähren. Ein weiterer Loyalitätstest Trumps? Der Republikaner Mike Johnson, Sprecher des Repräsentantenhauses, hielt sich am Montag bedeckt. Es gebe im Kongress „viele Meinungen“ zur KI-Frage. Das sei ein „komplexes Thema“, das überparteiliche Zusammenarbeit verlange. Johnson sollte in dieser Woche die Chefs der führenden KI-Unternehmen in Washington treffen. Doch die Debatte über Künstliche Intelligenz könnte zu einem weiteren Loyalitätstest Trumps werden. Bislang stellen sich viele Kongressmitglieder hinter den Präsidenten. Tom Emmer, ein führender Republikaner im Repräsentantenhaus, spottete vergangene Woche etwa, zu Zeiten Kolumbus’ habe man auch geglaubt, dass die Erde flach sei. Sollte heißen, kein Grund zur Sorge über „Neues“. Der republikanische Senator John Kennedy wiederum kündigte an, am Mittwoch einen Gesetzentwurf im Schnellverfahren einzubringen, der Unternehmen dazu verpflichtete, einen „Kill Switch“ in ihre KI-Modelle einzubauen, eine Not-Abschaltung also. Die Verantwortung dafür soll aber explizit bei den Firmen, nicht der Regierung liegen. Sonst sei ein Veto Trumps wahrscheinlich, sagte Kennedy. Der sei „kein Fan“ von Regulierungen für Künstliche Intelligenz. Ein anderer überparteilicher Gesetzentwurf im Juli hatte vorgesehen, dass ein solcher „Kill Switch“ in den Händen der Regierung liegen solle. Kennedys jüngster Vorstoß dürfte mehr dem Versuch gelten, dass die Senatoren offen Farbe zum Thema bekennen. Es reicht eine einzelne Gegenstimme, damit der Vorschlag scheitert. Ein üblicher gesetzgeberischer Prozess dürfte bis zu den Kongresswahlen Anfang November nicht mehr zustandekommen. Sprecher Johnson schickt die Abgeordneten angesichts der entscheidenden Wahl schon am Donnerstag und damit zwei Wochen früher als geplant zur Sitzungspause in ihre Bundesstaaten. Auch dass der überparteiliche Vorstoß im Senat zu einer „Sorgfaltspflicht“ für KI-Unternehmen bis November zur Abstimmung kommt, gilt als unwahrscheinlich.