Wird Daniel Meier auf sein langes Studium angesprochen, antwortet er selbstkritisch: Die Studiendauer habe auch mit seiner Faulheit zu tun gehabt. 18 Semester hat Meier für seinen Bachelor gebraucht. Zuerst Bauingenieurwesen, später ist er zu Bau- und Immobilienmanagement gewechselt. Damit liegt er deutlich über der Regelstudienzeit, also der Semesterzahl, die normalerweise für einen Studiengang vorgesehen sind. Die meisten Bachelor-Studiengänge umfassen sechs Semester, also drei Jahre. Aufbauende Master-Studiengänge dauern vier Semester beziehungsweise zwei Jahre. Wer Lehramt, Medizin oder Pharmazie studiert, muss mit längeren Studienzeiten planen. Hochschulabsolventen, wie Meier, werden im Volksmund schnell als „Langzeitstudenten“ abgestempelt. Sie trödeln, gelten als faul und machen alles, nur nicht studieren. Seit dem Jahr 2014 ist der Anteil an Absolventen, die ihr Studium in der Regelzeit abschließen, gesunken. Laut Statistischem Bundesamt konnten damals 40 Prozent ihr Studium innerhalb der Regelstudienzeit abschließen. Zehn Jahre später waren es noch 28,5 Prozent – ein Rückgang um 11,5 Prozentpunkte. Seine lange Studienzeit allein auf Faulheit zu reduzieren, werde der Realität jedoch nicht gerecht, sagt Meier. So hätte er mehrmals umziehen müssen, und im Jahr 2020 kam die Corona-Pandemie hinzu. Damals sei es ihm schwergefallen, sich für die Uni zu motivieren – zumal der Kontakt zu den Kommilitonen gefehlt habe. Die Gründe für einen Verzug im Studium können in der Tat vielfältig sein. Das zeigt auch die Studierendenbefragung der Goethe-Universität Frankfurt aus dem Jahr 2023: Gut vier von zehn Studenten, die die Regelstudienzeit nicht einhielten, nannten als häufigsten Grund dafür, dass sie neben dem Studium arbeiten. 26,6 Prozent gaben gesundheitliche Ursachen an, 16,7 Prozent familiäre Herausforderungen. Weitere Gründe waren Praktika (11,8 Prozent), Engagement und Ehrenamt (11,3 Prozent) sowie studienbezogene Auslandsaufenthalte (7,3 Prozent). Die Vorbereitung ist entscheidend Doch was halten Arbeitgeber von einer langen Studiendauer? Im Vergleich zu früher sei man liberaler geworden, sagt Vanessa Mayer, Teamleiterin Rekrutierung beim Chemiekonzern BASF. Bewerber würden nicht automatisch ausgeschlossen wegen einer längeren Studienzeit oder weil ihre Lebensläufe nichtlinear verlaufen sind. Vielmehr zähle das Gesamtbild. Trotzdem: „Wir sehen das natürlich, wenn jemand deutlich länger studiert hat“, sagt Mayer. Bewerber müssten daher mit Fragen rechnen, insbesondere wie man die Studienzeit genutzt hätte. Doch kritische Fragen lösten bei vielen das Gefühl aus, sie würden sich in einem Verhör befinden, schätzt der Bewerbungs- und Karrierecoach Jürgen Hesse ein. Damit es gar nicht so weit kommt, sei die Vorbereitung entscheidend. Die müsse bei einem selbst anfangen: Zweifelnden Langzeitstudierenden rät Hesse daher, sich nicht für die Studiendauer zu schämen. Wer die eigenen Auslöser für unangenehme Fragen im Bewerbungsgespräch kennt, kann sich gezielt mit guten Argumenten darauf vorbereiten. Die Antworten sollten dabei, nach Mayer, „plausibel, erklärbar und authentisch“ sein. Beim Vorstellungsgespräch in einem Ingenieursbüro vor zwei Monaten musste sich auch Daniel Meier rechtfertigen. Eine bestimmte Strategie hatte er nicht: „Ich war einfach ehrlich.“ Punkten konnte er mit seinem Engagement an der Universität. Für den Allgemeinen Studierendenausschuss organisierte er Veranstaltungen. Dabei habe er gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Leute zu führen. Meier zufolge war das einer der Hauptgründe, weshalb er die Stelle letztlich bekam. Allerdings habe er zuvor in dem Büro auch schon als Werkstudent gearbeitet. Bewerbungscoach Hesse empfiehlt Bewerbern, dem Arbeitgeber zu vermitteln, dass sie trotz langer Studienzeit nicht auf der faulen Haut gelegen haben. Gerade praktische Erfahrungen durch Nebenjobs, in Praktika oder in Universitätsgruppen werden geschätzt, sagt BASF-Mitarbeiterin Mayer. Insbesondere Auslandserfahrungen seien ein Pluspunkt: „Sie zeigen, dass sich jemand aus seiner Komfortzone raustraut und neue Perspektiven sammelt.“ Verständnis gebe es ebenso für einen Wechsel des Studienfachs oder finanzielle Schwierigkeiten. Sogar persönliche Gründe wie Krankheiten müssten nicht unbedingt nachteilig sein. Allein im Falle von psychischen Erkrankungen rät Bewerbungscoach Hesse eher zur Zurückhaltung: Bewerber müssten potentiell nachteilige Informationen nicht von sich aus offenlegen. Mit mentalen Belastungen während des Studiums hatte auch Jonas Schweikhard zu kämpfen. Der Achtundzwanzigjährige studiert seit dem Jahr 2020 im Bachelor an der Hochschule in Geisenheim. Inzwischen ist er im 13. Semester. Das ist mehr als doppelt so lange, wie die Regelstudienzeit eigentlich vorsieht. Ähnlich wie Meier habe ihm das Studieren unter Corona-Bedingungen belastet: „Ich habe im dritten, vierten Semester erst mal die Leute kennengelernt, das war vorher alles am Laptop.“ Schweikhard habe das die Freude geraubt, zwischenzeitlich wollte er das Studium aufgeben. Mittlerweile läuft es besser. Seine Bachelorarbeit ist fertig, im November steht die letzte Klausur an. Wie offen sollten Bewerber sein? Der Uniabschluss wird in den allermeisten Fällen zwingend vorausgesetzt, um überhaupt zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden – darin sind sich Bewerbungscoach Hesse und BASF-Rekrutierungsleiterin Mayer einig. „Doch das Entscheidende ist der Persönlichkeitsfaktor“, sagt Hesse. Dabei könnten zum Beispiel auch Hobbys helfen, ein sympathisches Bild von sich zu vermitteln. Wer etwa in seiner Freizeit sportlich aktiv sei, könne damit Dynamik und Selbstbewusstsein unterstreichen: Paragliding oder Fallschirmspringen vermittelten einen anderen Eindruck als das Züchten von Rosen, oder sich im Schachspielverein zu engagieren, sagt Hesse. BASF-Personalerin Mayer zufolge sind Hobbys jedoch nicht ausschlaggebend, ob ein Bewerber in die nächste Runde kommt. Uneinig sind sich Hesse und Mayer darüber, wie offen Bewerber mit einer längeren Studiendauer umgehen sollten. Hesse empfehlt, sie erst bei außergewöhnlichen langen Studienzeiten von bis zu zehn Jahren in den Bewerbungsunterlagen und später im Vorstellungsgespräch offensiv anzusprechen. Mayer begrüßt dagegen ein transparentes Verhalten: Wer seine Studiendauer von sich aus offen und proaktiv thematisiere, könne damit sogar einen Vorteil haben. Wenn sich Jonas Schweikhard bald bewirbt, will er offen damit umgehen. Dass sein Studium länger gedauert hat als geplant, habe er irgendwann akzeptiert. Ohnehin mache er sich mehr Sorgen vor der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt. Wegen der Jobsuche muss sich Daniel Meier nicht mehr sorgen. Er ist froh, im Berufsleben angekommen zu sein, manchmal bereue er aber, als inzwischen Dreißigjähriger relativ unerfahren zu sein: „Ich würde schon empfehlen, die Studienzeit zu genießen, doch dann hat man halt weniger Berufserfahrung.“
