Jetzt also endlich auch im Privatfernsehen: ein Sommerinterview. Die Gattung hat sich irgendwie selbstständig gemacht. Jedes Interview, das noch im weitesten Sinne im Sommer stattfindet und in dem ein Politiker ein weißes Hemd trägt, adelt sich jetzt als Sommerinterview. Wobei die Frage ist, was das Format eigentlich auszeichnet beziehungsweise adelt. Was es unterscheidet von den tausenden anderen Interviews, die übers Jahr mit Spitzenpolitikern geführt werden? Etwas leicht Beschwingtes soll der Titel wohl ausdrücken, irgendwie suggerieren, dass die Gespräche in entspannterer Atmosphäre stattfinden als sonst. Wahlweise vor irgendeinem Bergsee oder Alpenpanorama trifft ein gut gebräunter Moderator eine gut gebräunte Politikerin und stellt die großen Fragen der Zeit etwas lässiger als sonst und lässt die Politik die Bögen ein wenig weiter ziehen als gewöhnlich. So jedenfalls die Suggestion. Das Sommerinterview ist allerdings wie die Elefantenrunde eine Marke des Politfernsehens, die nicht geschützt ist – und die offenbar auch keine Qualitätsstandards einhalten muss. Scharlatanhafteste Rosstäuscherei Denn das, was jetzt zum Beispiel der Sender Sat.1 da als „Sommerinterview“ mit dem Vizekanzler Lars Klingbeil verkauft, ist nichts anderes als die scharlatanhafteste Rosstäuscherei. Das hat mit Sommer und Lässigkeit, mit großen Fragen und weiten Bögen nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Es ist eine knappe halbe Stunde banalstes Frage-Antwort-Pingpong ohne den Hauch einer sommerlichen Außergewöhnlichkeit. Da kann Klingbeils Hemd noch so weiß, sein Teint noch so gebräunt sein – Moderator Heiko Paluschka fragt und nickt so routiniert mit dem Kopf, dass man das Gefühl hat: Es geht erstens um gar nichts und zweitens ist sowieso alles vorher abgesprochen. Nichts ist berichtenswert Jeder Satz, den Klingbeil sagt, klingt so, als ob er ihn schon sehr oft exakt so gesagt hätte. Keine Frage, die der Moderator stellt, hat auch nur den Anschein einer emotionalen Geistesgegenwärtigkeit. Nichts an diesem Sommerinterview ist berichtenswert. Nichts hat hier inhaltliche Bedeutung. Dass Klingbeil die AfD „politisch stellen“, dass er das Rentensystem irgendwann, irgendwie reformieren, dass er kleine und mittlere Einkommen entlasten, dass er in der „demokratischen Mitte Kompromisse für die Zukunft unseres Landes“ finden will – alles Wünsche, die genau null Prozent Neuigkeitswert haben. Die einfach nur ins eine Ohr rein- und ins andere rausgehen. Ein Klingbeil-Interview als vertane Chance Eine vertane Chance, denn gerade jetzt, gerade in diesem Moment, hätte ein Interview mit Lars Klingbeil eigentlich Aufsehen erregen können. In den vergangenen Tagen ist der Druck auf ihn als SPD-Parteivorsitzenden gehörig gestiegen. Die einst stolze Arbeiterpartei steht in nationalen Umfragen bei zwölf Prozent. Es grummelt an der Basis, es gibt Brandbriefe von desillusionierten Wahlkämpfern, Forderungen nach einem Sonderparteitag – und auch den stärker werdenden Wunsch, die Parteispitze auszutauschen. Alles, was Klingbeil dazu einfällt, ist der Hinweis, dass es auch jedem neuen Parteivorsitzenden „schwerfallen würde“, bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage erfolgreich zu sein und die Partei aus dem Tal der Tränen herauszuholen. Das klingt so defätistisch und abgeklärt, so normiert und ohne jede Leidenschaft, dass man das Zuschauen und Zuhören schwer aushält. Man ärgert sich über das Kopfnicken des Moderators, man ärgert sich über seine professionelle Freundlichkeit. Denn eigentlich ist dieses Interview ein Hohn, eine Parodie auf das, was politisches Fernsehen eigentlich tun sollte: nämlich in irgendeiner Form zur Meinungsbildung der Zuschauer beizutragen. Diese halbe Stunde trägt dazu genau gar nichts bei – man ist sogar versucht zu sagen: Sie zieht die Bilanz ins Negative. Dass Klingbeil dann am Ende ernsthaft noch den abgedroschensten aller Phrasensätze sagt – „Ich will den Sozialstaat fit für die Zukunft machen“ – dazu fällt einem dann nichts Weiteres mehr ein als die traurige These, dass nun wohl auch noch der letzte Arbeiter die AfD wählen wird. Jedenfalls, wenn er sich dieses Sommerinterview angesehen und damit um einen der vielleicht vorerst letzten schönen Sommerabende gebracht hat.
