FAZ 06.10.2026
19:41 Uhr

Literaturnobelpreis 2026: Sieben Autoren, die den Nobelpreis verdienen


Am Donnerstag verkündet die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis. Wir hätte sieben Vorschläge, vom zurückgezogen lebenden Gerald Murnane bis zum Dauerprovokateur Michel Houellebecq.

Literaturnobelpreis 2026: Sieben Autoren, die den Nobelpreis verdienen

Georgi Gospodinov: Poetische Verve Georgi Gospodinov gehört zu den originellsten Stimmen der internationalen Literatur. 1968 im bulgarischen Jambol geboren und heute in Sofia lebend, vermisst er mit poetischer Verve und melancholischer Ironie Europa in all dessen Stimmungslagen. Sein Werk ist scharfsinnig, experimentierfreudig und vielfältig, es umfasst Prosa und Lyrik ebenso wie Opernlibretti und Drehbücher. Immer ist darin der grandiose Erzähler zu entdecken, der voller Einfälle, skurriler Momente und verzweifelter Heiterkeit steckt. Da begegnen wir einem Sonnenuntergangsexperten, der sich auf den letzten kosmischen Vorhang vorbereitet, oder einem Vater, der auf der Suche nach seiner Tochter zu Fuß durch eine aus den Fugen geratene Welt irrt, in der keine Verkehrsmittel mehr existieren. Schon seine frühen, alle von Alexander Sitzmann ins Deutsche übertragenen Werke wie „Physik der Schwermut“ (2014) oder „8 Minuten und 19 Sekunden“ (2016) versammeln erzählerische Miniaturen und Skizzen, die durch die Zeiten surfen und dabei auch die kommunistische Vergangenheit Bulgariens und den Zusammenbruch und Aufbruch nach 1989 in den Blick nehmen. Sein wichtigster Roman, „Zeitzuflucht“ (2022), der unter anderem mit dem Internationalen Booker Prize ausgezeichnet wurde, ist eine atemraubende Phantasie. Sie spielt in einer Zürcher Klinik für Demenzkranke, deren Zimmer jeweils einem Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts nachempfunden sind. In den Interieurs mit speziellen Aromen und dem Plunder aus vergangenen Epochen sollen die Patienten, deren Erinnerung verblasst, Trost finden. Doch diese Zeitrefugien sind Segen und Fluch zugleich. Denn im Europa dieses Romans breitet sich eine Obsession mit der Vergangenheit aus. Bald interessieren sich nicht nur Kranke, sondern ganze Länder für diese Rückkehr in der Zeit. Dass sich niemand mehr auf eine gemeinsame Zukunft einigen kann, dafür alle im gestern ihr Heil suchen, gerät in „Zeitzuflucht“ zur fesselnden Allegorie auf die Gegenwart. Wie ein Tsunami fluten diese Vergangenheiten den Roman, Italiener streben zurück in die Sechziger, Westdeutsche in die Achtziger, die mit dem Fall der Mauer endeten. Das Defizit an Zukunft erschließt bei Gospodinov ein gigantisches Reservoir an Nostalgie. Sein jüngstes Buch, „Der Gärtner und der Tod“ (2025), schlägt da einen ganz anderen, überraschend intimen Ton an. Es verbindet Memoir, Bekenntnis und Momentaufnahme und handelt vom Sterben seines Vaters, von einem Garten und von einer Generation, die ins Abseits geriet. Auch diese Grenzerfahrung beschreibt er scharfsinnig, zugleich zärtlich und beinah demütig. In all diesen Werken blickt Gospodinov in die Vergangenheit und trifft den Nerv unserer Gegenwart. Das ist große Literatur. Den Nobelpreis hat sie unbedingt verdient. Von Sandra Kegel Gerald Murnane: Rand des Gesichtsfelds Gerald Murnanes dichterische Erfindungen verschlagen uns seit „Die Ebenen“ von 1982 den Atem. Darin ging es um das von merkwürdigen, in die eigene ästhetische Existenz versunkenen Großgrundbesitzern bewohnte innere Grasland Australiens. Ein Autor versucht, in einem Hotel, in dem sich diese „Plainsleute“ versammeln, sie für sein Filmprojekt über ihre Umgebung zu gewinnen. Er will die Ebenen erschließen, im Grunde jedoch zeigen, was nicht gezeigt werden kann: ihren Horizont. Folgerichtig behält er von seinem Versuch, die Essenz der Landschaft zu zeigen, nur den Bericht über seine Ambition zurück. Murnane untersucht in allen seinen Werken – ins Deutsche wurden zuletzt „Grenzbezirke“ (2017) und „Inland“ (2022) übersetzt – die Ränder des menschlichen Gesichtsfelds, die Eigentümlichkeit der Farb- wie der Kontrastwahrnehmung, die leicht irritierbare Bewegung der Erinnerungen und die Phänomenologie sozialer Interaktion. Murnanes Stoff ist der Geist, die Einbildungskraft. Seine Literatur bedarf keiner dramatischen Handlung, ihm genügt die Unruhe des Bewusstseins, der Träume und der Sexualität. Sie entsteht, wenn ein Schriftsteller als einziger Mann in ein zehnköpfiges Komitee berufen und dort nach seinem Intimleben befragt wird. Wenn einer in Paraguay sich obsessiv in das ihm völlig unbekannte Australien hineinträumt. Wenn ein Schriftsteller zwanzig Jahre lang vergeblich versucht, etwas zu schreiben, weil ihn der Alkohol wie die Suche nach einem „Idealschauplatz, der dunklen Orten in meinen Gedanken entspricht“, daran hindern. Dies alles in „Landschaft mit Landschaft“ von 1985. Erzählt wird auf eine zugleich dichte wie abschweifungsreiche, zugleich ernste wie für komische Situationen empfängliche und mitunter leicht angetrunken wirkende Weise. Proust, Kafka, Borges und Beckett sind herangezogen worden, um Murnanes teils schwebende, teils absurde Grenzstimmungen zu beschreiben. Wir könnten leicht Julien Gracq hinzufügen. Doch was wäre damit bezeichnet? Im Grunde nur die insistente Anstrengung, den merkwürdigsten Möglichkeiten der Selbsterkundung zu folgen, die sich dem Schreiben diesseits eines billigen Realismus bieten. Man hat einmal gesagt, der verborgen in einem winzigen Dorf in West Wimmera lebende Gerald Murnane sei heute der herausragende Schriftsteller englischer Sprache, den fast niemand kennt. Das gilt nach mehreren Jahren auf den Wettlisten für den Nobelpreis nicht mehr. Im Februar ist er achtundachtzig geworden. Es wäre also langsam Zeit, den größten lebenden Poeten in Prosa zu ehren. Von Jürgen Kaube Gabriela Adameșteanu: Prousts Rächerin Als ich Gabriela Adameșteanu in Bukarest begegnete, neun Jahre ist das her, traf ich eine in wunderbarem Französisch parlierende Schriftstellerin, die damit in einer alten rumänischen Traditionslinie steht: Von keiner anderen Literatur ist die moderne rumänische so beeinflusst wie von der französischen. Und wer wie Adameșteanu auch noch seine akademische Abschlussarbeit über Proust verfasst hat, der kann natürlich gar nicht anders als selbst dieses Erbteil antreten, sobald es statt der Literaturwissenschaft die Literatur wurde. 2017 stand die Publikation der deutschen Übersetzung von „Verlorener Morgen“ noch bevor, Gabriela Adameșteanus im Original 1983 erschienenem Epochenroman, dessen Handlungszeit vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die Siebzigerjahre reicht und ein Geschichtspanorama entfaltet, das weit über den rumänischen Schauplatz ausgreift, denn Adameșteanus Heimatland ist seit der 1877 erlangten Unabhängigkeit zwar kontinuierlich mit der Herausbildung seiner nationalen Identität beschäftigt, war dabei aber ebenso dauerhaft ein Spielfeld für die Interessen anderer Staaten. Auch von diesem Zwiespalt erzählt „Verlorener Morgen“. Als melancholisches Erinnerungsbuch mit immensem Wort- und Sprachbildwitz ist es ganz Kind von Proust, aber Adameșteanu genügen 550 Seiten, ohne dass es dem Roman dabei an psychologischer Komplexität in der Figurenzeichnung fehlte. Wenn das Literaturnobelpreiskomitee endlich einmal etwas am eigenen Versagen gegenüber den Giganten (Joyce, Proust, Woolf, Musil; Kafka wollen wir mangels Sichtbarkeit zu Lebzeiten verzeihen) gutmachen wollte, dann wäre die Musterschülerin von Proust, die sich in „Verlorener Morgen“ artikuliert, die richtige Entscheidung. Aber auch sonst, denn Gabriela Adameșteanu hat noch viel mehr zu bieten. Vor allem die Romanchronik des sozialistischen Rumäniens und seiner Nachwehen, aufgefächert schon 1975, als „Der gleiche Weg an jedem Tag“ erschien, und seitdem fortgesetzt über „Das Provisorium der Liebe“ und „Der Trevibrunnen“ bis zum erst jüngst auf Deutsch erschienenen „Stimmen auf Abstand“, das 2022 eine der frühesten – und bis heute auch eine der besten – literarischen Verarbeitungen der Corona-Pandemie war. In allen diesen Romanen tritt eine Schriftstellerin namens Letiţia Branea auf, die das Alter Ego von Adameșteanu ist, und die Schonungslosigkeit sich selbst gegenüber, mit der da erzählt wird, suchte in der europäischen Literatur lange ihresgleichen – bis Karl Ove Knausgård kam, der aber über ein schmaleres formales Repertoire verfügt. Gabriela Adameșteanu ist mittlerweile 82 Jahre alt, aber sie schreibt weiter, und das in dichterer Reihenfolge als jemals zuvor. Mit einer Entscheidung für sie würde sich Stockholm selbst mehr ehren als diese Autorin. Von Andreas Platthaus Aka Morchiladze: Nach Santa Esperanza Damit sein erstes Buch erscheinen konnte, griff dem jungen Autor eine Unterweltgröße aus Tiflis unter die Arme und organisierte das für die erste Auflage benötigte Papier. Es war die anarchische Zeit der frühen Neunzigerjahre, als in der georgischen Hauptstadt alles rationiert und jede Straße umkämpft war. Das Buch, das so an eine überschaubare Öffentlichkeit kam, „Die Reise nach Karabach“, erzählt von dieser Zeit. Ein Roadmovie, rau, wüst, mit Sinn für Situationskomik und untergründiger Trauer über die gewalttätigen Verhältnisse, in denen die jungen Protagonisten leben. Aka Morchiladze wurde 1966 geboren. Sein Debüt machte ihn schlagartig berühmt. Es zeichnet ihn aus, dass er nicht einfach weitermachte mit einem Erzählstil, der witzig, wirkungsvoll und leicht überdreht die postkommunistische Gegenwart seines Landes einfängt. Morchiladze, der Geschichte studierte und einige Jahre lang als Journalist arbeitete, der im Fernsehen auftrat, Filmskripte schrieb und reiste, avancierte stattdessen zu einem der wichtigsten Chronisten des modernen Georgiens, dessen Zustand er auch mit Blick auf dessen Geschichte erklärte. Sein vorläufiges Meisterstück legte er 2004 mit dem Roman „Santa Esperanza“ vor, der in 36 Heften strukturiert ist, von denen je neun in derselben Einbandfarbe gedruckt sind. Der Autor regt seine Leser an, die Hefte wild zu mischen und in zufälliger Reihenfolge zu lesen, was erstaunlicherweise gut funktioniert: Die Geschichte der fiktiven Inselgruppe im Schwarzen Meer mit ihren Liebes-, Gauner-, Mord- und Reisegeschichten hat dadurch keinen Anfang und kein Ende, erhält aber auf diesem Weg einen transzendenten Schimmer, weil sich die einzelnen Texte ineinander spiegeln und kreuzen. Ein Kosmos, der von einer Welt als Möglichkeitsform erzählt und das Publikum auffordert, davon Gebrauch zu machen. Kriege und Konflikte sind in Morchiladzes Werk permanent anwesend, aber der Autor, der Buch um Buch veröffentlichte, in seinem Land vielfach ausgezeichnet und zur moralischen Instanz wurde, interessiert sich zunehmend für den Weg aus der Aggression hinaus. In seinem großen Roman „Der Filmvorführer“ erzählt er von einem charismatischen alten Mann, dessen friedfertiges Beispiel einem Jungen dabei hilft, eine andere Perspektive einzunehmen als sein gewalttätiges Umfeld, und in „Obole“ geht es darum, das Erbe einer solchen Tradition auszuschlagen. Inzwischen liegt eine Reihe von Morchiladzes Texten auf Deutsch vor, bei Weidle und im Mitteldeutschen Verlag, und auch englische Übersetzungen könnten der Akademie in Stockholm einen Blick auf das solitäre Werk des georgischen Autors erlauben. Und sollte sie sich gar dazu entschließen, ihn auszuzeichnen, träfe der Preis einen menschenfreundlichen Einzelgänger, der sich mit literarischen Mitteln dagegen wehrt, die Hoffnung zu verlieren. Von Tilman Spreckelsen Michel Houellebecq: Die Liebe bleibt Manche Science-Fiction spielt in fernen Welten und Zeiten, aber die unheimlichste manchmal in der ganz nahen Zukunft. Weil Szenarien aus seinen Werken so ähnlich bald darauf eingetreten sind, hat man Michel Houellebecq schon prophetische Eigenschaften nachgesagt. Interessanterweise ist das prophetische Potential seines jüngsten Romans „Vernichten“ wohl nicht ganz verstanden worden: Der handelte schon 2022 auf derart unheimliche Weise von Gefahren der KI, dass dies eigentlich jegliche Euphorie für sie hätte killen müssen, aber es war natürlich schon zu spät. Dass nun eine Realität entstanden ist, die sich durch ein groteskes Nebeneinander von KI-Lob (Die wichtigsten Prompts für Aktionäre) und KI-Warnung (Weltuntergang) auszeichnet, mag Houellebecq vielleicht als belustigend empfinden. Wobei man ihm als Mensch nicht zu schnell den Zynismus seiner Romane unterstellen sollte. In „Serotonin“ etwa sah er sich sogar gezwungen, die Entlarvung seines Protagonistentypus des depressiven Dandys als Warnung davor, jemals so zu werden wie dieser, derart auf die Spitze zu treiben, dass er dem Roman gleich die Frage mit einschrieb: „Muss man so deutlich werden?“ Die zutiefst moralische Antwort darin lautet: „Offenbar ja.“ So kommt dem Psychopathen darin die Erkenntnis: „Die Außenwelt war hart, ohne Mitleid mit den Schwachen, und die Liebe blieb das Einzige, woran man vielleicht noch glauben konnte.“ Auch das, wohlgemerkt, ist Houellebecq! Dass sein Name ein paar mehr Menschen bekannt ist, als das sonst selbst bei erfolgreichen Literaten der Fall ist, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele ihn nur als Chiffre für aufgeschnappte Unterstellungen verstehen: des Sexismus, der Rückwärtsgewandtheit, des Ressentiments. Man muss nur wenige Seiten in egal welchem seiner Bücher lesen, um zu sehen, dass solche Unterstellungen absurd sind, weil diese Bücher auf gewitzte, hintersinnige Weise eben solche Extremhaltungen zur Kenntlichkeit entstellen, über sie verhandeln. Selbst die „Bild“-Zeitung hat begriffen: „Houellebecq lebt davon, zu provozieren.“ Das ist aber wirklich nur der kleinste Nenner seiner Literatur, die sich aus den Tiefen der europäischen Kultur sowie den Zuspitzungen ihrer Moderne speist und dabei wie kaum eine andere realistisch Gegenwart zu beschreiben weiß, ob nun die von Landwirten in der französischen Provinz, von Akademikern in Deutschland, einer Sterbehilfeeinrichtung in der Schweiz oder des Tourismus in Thailand. Houellebecq hat vielleicht einiges dazu beigetragen, als Karikatur wahrgenommen zu werden. Aber wer ihn nur als solche sieht, hat das Beste noch vor sich. Ein Nobelpreis würde hoffentlich dazu beitragen, Halbwissen über diesen Autor und Verkürzungen seines Werks durch dessen Lektüre zu zerstreuen. Von Jan Wiele Colm Tóibín: Bitterstoff des Trostes Die Erzählung umfasst nur achtzehn Seiten, und ihrem Kern liegen Vorfälle zugrunde, die Colm Tóibíns irische Heimat im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende auf nahezu beispiellose Weise erschüttert haben. Damals wurde durch mehrere Untersuchungen staatlicher Kommissionen ein Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufgedeckt, in dessen Verlauf mehrere Bischöfe ihren Rücktritt anbieten mussten. Tóibín nimmt in seiner Erzählung weder die Perspektive der Täter noch die ihrer Opfer ein, sondern konzentriert sich auf die Mutter eines Priesters, die als vermutlich letzte Person im Ort von den Untaten ihres Sohnes und dem ihm bevorstehenden Prozess erfährt. Ihre Reaktion? Die eiserne Verteidigung der Alltagsroutine gegen den Einbruch des Unerhörten und Unvorhersehbaren. Oder hatte sie es sich vielleicht doch schon vorgestellt, das Unvorstellbare, bevor ihr die schlechte Nachricht vom Gemeindepfarrer überbracht wurde? Nur mit einer einzigen Regung gibt Tóibín zu kennen, was in Molly, einer Frau von bald achtzig Jahren, vorgeht, nachdem sie von den Verbrechen ihres Sohnes erfahren musste: „Sie goss weniger Milch als sonst in den brühheißen Tee und zwang sich, ihn zu trinken, um sich zu beweisen, dass sie jetzt zu allem fähig war, mit allem fertig werden konnte.“ Dieser eine Satz genügt, um zu zeigen, wie sich ein Herz in einen Panzer zurückzieht, den es nie wieder wird verlassen können. Mit „Ein Priester im Haus“, so der mehrdeutige Titel der Erzählung, zeigt Tóibín, dass der Trost, bei dem wir Schutz suchen, aus derselben Quelle erwachsen kann wie der Schmerz, den er doch mildern soll. Neben John Banville, Jahrgang 1946, Julian Barnes, 80, und Ian McEwan, 78, gehört der einundsiebzigjährige Colm Tóibín zum Quartett der großen alten Männer der britischen Literatur. Weltruhm genießen alle vier, aber der Nobelpreis blieb ihnen bislang verwehrt. Ist ihre Prosa nicht innovativ, apart, entlegen genug? Mag sein. Tatsächlich weht gelegentlich ein Hauch des allzu Gutgemachten, mitunter sogar Gefälligen durch ihre Bücher, wobei der Vorwurf auf Tóibín am wenigsten zutrifft. Mehr als zwei Dutzend englischsprachige Autorinnen und Autoren sind bislang mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden, acht von ihnen allein seit der Jahrtausendwende. Am Anfang und am vorläufigen Ende dieser Liste stehen mit Rudyard Kipling (1907) und Abdulrazak Gurnah (2021) zwei Schriftsteller, die eng mit der Vergangenheit Großbritanniens als Kolonialmacht verknüpft sind. Tóibíns irische Heimat gilt manchen Historikern als koloniales Experimentierfeld der englischen Krone. Seine eigene Experimentierstube, das menschliche Herz, ist kleiner und größer zugleich. Von Hubert Spiegel Hoda Barakat: Ungewisser Lebensort Hoda Barakat ging immer eigene Wege. Als in Libanon, wo sie 1952 geboren wurde, der Bürgerkrieg ausbrach, lebte sie schon in Paris, entschied sich aber, trotz der Gefahren in ihr Heimatland zurückzukehren. Von dort berichtete sie als Journalistin über das Geschehen. Sie vermied es, sich mit einer der konfessionellen Milizen zu solidarisieren, was ihr einige der maronitischen Christen, unter denen sie aufgewachsen war, übel nahmen. Hoda Barakat war das gleich. Sie stammt zwar aus Bcharée, einem hoch gelegenen Bergdorf im Stammland der Maroniten und hat in Beirut eine französische Ausbildung genossen. Doch später heiratete sie einen muslimischen Mann und schrieb ihre Bücher nie auf Französisch, das sie perfekt beherrscht, sondern stets auf Arabisch, das sie sich selbst beigebracht hat. In den Achtzigerjahren erschien ein erster Band mit kurzen Erzählungen; mit „Hajar al-Dahik“ (etwa „Der Stein des Lachens“) folgte 1990 ihr erster Roman. Er erzählt von Khalil, der inmitten des umkämpften Beiruts versucht, sich der Gewaltspirale des Bürgerkrieges zu entziehen, was nicht gelingt. Wie andere Figuren in Barakats folgenden Büchern ist auch Khalil homosexuell, und es ist die Liebe zu Männern ohne Skrupel, die ihn die eigene moralische Integrität und das Gefühl für den Menschen im Gegenüber verlieren lässt. In „Sayyidi wa habibi“ („Mein Meister, meine Liebe“, erschienen 2004) hat Hoda Barakat diesen Plot weitergedreht, indem sie Wadî, ihrem nach Männern sich verzehrenden Protagonisten den Verstand und schließlich über die Grenzen des Geschehens hinaus jeden Halt raubt – wodurch er spurlos aus dem Roman verschwindet. Die Protagonisten von Hoda Barakat sind mal Männer, mal Frauen. Mal sind sie, wie in dem 2024 erschienenen „Hind aw ajmal 'imra'â fi al-'alâm“ („Hind oder die schönste Frau der Welt“) eigentümlich geschlechtslose Wesen. Häufig leben sie in einem Libanon, der an den unsichtbaren Folgen des Bürgerkrieges schwer trägt. Den Bürgerkrieg hat Barakat einmal als „den Zustand des absoluten Kriegs“ bezeichnet, weil in ihm jeder, selbst der Freund und Nachbar, zum Feind werden könne. Ihre Figuren sind deswegen meist allein, ihre Identitäten gebrochen, ihre Liebe bleibt unerwidert, und ihre Lage ist ungewiss. Das literarische Terrain dieser Autorin ist eine allumfassende Unsicherheit, die schwer auszuhalten ist. Hoda Barakat hat in Paris als alleinerziehende Mutter zwei Kinder großgezogen (ihre Tochter Dima Abdallah ist gerade auf dem Weg, sich selbst als Schriftstellerin einen Namen zu machen) und lange Jahre die Redaktion von „Radio Orient“ geleitet. Sie hat ein halbes Dutzend Romane verfasst, die alle ins Französische, teils ins Englische und in weitere Sprachen übersetzt worden sind – was für eine arabische Autorin eine weitere Auszeichnung ist, neben den vielen anderen, die ihr in der arabischen Welt bereits verliehen wurden. Lediglich auf Deutsch ist noch nichts von Hoda Barakat zu lesen. Aber das dürfte sich bald ändern. Von Lena Bopp