Giuseppe Verdi war nicht nur ein Meister darin, Erhabenes neben Groteskes zu stellen, sondern auch Brutalität mit Komik zu garnieren. In „Macbeth“ singt eine Gruppe von Auftragskillern im Pianissimo einen Chor in netten Durterzen und federndem Rhythmus. Nur der Text und die leisen Paukentöne verraten die üble Absicht, Banco im Auftrag seines Freundes und Kollegen Macbeth zu beseitigen. Das mörderische Kabinettstückchen „Sparve il sol, la notte or regni“ (die Sonne ist verschwunden, nun herrscht die Nacht) wird vom Chor (Einstudierung Alice Meregaglia) mit feinen Akzenten und zarter Tongebung gesungen. Der Regisseur, Tobias Kratzer, nimmt den komischen Akzent auf. In der regnerischen Nacht warten die Mörder mit schwarzen Regenschirmen auf ihr Opfer. Die große Szene, in der Banco sich dunklen Vorahnungen hingibt und den Schmerz über den vorangegangen, nie aufgeklärten Mord an König Duncan noch einmal durchlebt, wird zum Suspense-Stück aus expressiver, spannungsgeladener Musik und bewegungslos verharrenden Killern. Banco hat gegen sie keine Chance, aber sein halbwüchsiger Sohn im gelben Regenmantel kann fliehen – und so die Prophezeiung der Hexen bestätigen, Bancos Nachfahren würden Könige von Schottland, obwohl doch Macbeth nach der Krone gegriffen hat. Solisten und Chor sind das Kraftzentrum Bei diesem starken Opernabend kann man eine Einheit aus szenischer und musikalischer Arbeit erleben. Die Sängerinnen und Sänger – Solisten und Chor – sind das Kraftzentrum. Tomáš Hanus am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters macht klar, dass er ein Meisterwerk dirigiert. Superb musiziert sind vor allem die großen Finale des ersten und zweiten Aktes, wenn die Zeit stehen zu bleiben scheint und der Dirigent mit Sorgfalt das Gefühlschaos der Protagonisten und der sie beobachtenden Öffentlichkeit musikalisch „organisiert“, etwa das Concertato „O gran Dio, che ne’ cuori penetri“ (Großer Gott, der du in die Herzen siehst) nach dem Königsmord. Einige Nummern dirigiert Hanus langsamer als gewohnt; in der Arie der Lady Macbeth, „La luce langue“ (das Licht erlischt), immerhin ein Allegro moderato, werden die reizvollen Mittelstimmen deutlich hörbar, doch die Legatobögen der Singstimme im schwebenden Dreiermetrum drohen auseinanderzufallen. Das große Violinthema im Vorspiel könnte bei aller Zartheit mit mehr Italianità, quasi singend, gespielt werden. Ein Ereignis dieses Hamburger „Macbeth“ sind die Hexen. Sie sind, mal als große Gruppe, mal als Einzelne, ununterbrochen auf der Bühne, verteilt auf die großen Stufen eines halbrunden Zuschauerraums wie in einer antiken Arena (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier). In schwarze Umhänge gehüllt und meist indirekt beleuchtet (Licht: Michael Bauer), wirken sie unaufdringlich und aufdringlich zugleich, je nachdem, wie beteiligt sie sind, begierig, neues Unheil anzurichten und zu genießen. Die Chorfrauen werden von männlichen Komparsen ergänzt, sie bewegen sich gleitend und schleichend wie Dementoren. Nekrophil sind sie auch. In der Schlafwandelszene der Lady Macbeth versuchen sie, die Verzweifelte in ihr Reich hinüberzuziehen, doch Macbeth entreißt sie ihnen und legt ihre Leiche zu den übrigen, die die Bühne und seinen Weg pflastern. Darin liegt eine tröstliche Umdeutung gegenüber Shakespeares und Verdis resignativer Gleichgültigkeit, wo Macbeth auf die Nachricht von ihrem Tod sagt: „La vita… che importa?“ (Das Leben, was bedeutet es schon?). Tanz der Hexen um eine stumme Hekate Der Regisseur sieht das „fatale“ Ehepaar als Einheit im Streben nach Glück und Macht. Die erste Arie, in der die Lady eine schillernde Zukunft voraussieht, entlädt sich im Kinderzimmer, wo Macbeth mit seinem Sohn ein Lamborghini-Modell aufbaut. Die Cabaletta „Or tutti sorgete, ministri infernali“ (Nun kommt alle herauf, Diener der Hölle) gibt dem Paar einen erotischen Schub, was die zuschauenden Hexen in Bewegung bringt. Während Macbeth von Anfang an Skrupel hat für Machtgewinn Moral und Gewissen zu ignorieren, ist seine Frau mit Freuden dazu bereit. Warum ist nicht ganz klar. Jede Dämonie geht ihr jedenfalls ab. Sie wirkt mehr wie eine „desperate housewife“, die Veränderung braucht. Hanus und Kratzer führen die zweite Fassung von „Macbeth“ aus dem Jahr 1865 auf, die einen Tanz der Hexen um eine stumme Hekate, Göttin der Totenbeschwörung, enthält, der aber meistens gestrichen wird. In Hamburg wird zu diesem „Ballo“ eine andere Geschichte gezeigt: Macbeth verzichtet auf die Auszeichnung und Beförderung, Duncan und Banco leben noch und man führt ein beschauliches Leben mit Frau und Kindern. Kitschig-klischeehaft gewiss, und doch scheint alles besser als der Horror des eingeschlagenen Weges. Der beginnt für Macbeth schon im schrecklich-schönen Anfangsduett mit Banco und erst recht, als er weinend neben der Leiche des von ihm ermordeten Königs kauert: „Tutto è finito“ – alles ist zu Ende, was nach Meinung der Lady erst anfangen soll. Kartal Karagedik als Macbeth reißt zuweilen die Augen auf wie ein Stummfilmschauspieler – bei dem, was ihm geschieht, passt das. Seine kraftvolle Baritonstimme ist im Forte mitunter unruhig und wirkt in der großen Szene der Erscheinungen schon leicht angestrengt. Bei dem auch darstellerisch großartigen Bass Alexander Vinogradov als Banco vermisst man das idiomatische italienische Singen, der russische Klang verfremdet ungewollt. Nino Machaidze gestaltet die musikalisch heikle Rolle der Lady Macbeth – sie muss brillieren und zugleich „cupo“, düster, singen – in zu wenigen Klangfarben; ihr Schauspiel überzeugt umso mehr. Die Klage des Chores im zweiten Akt „Zu einer Räuberhöhle ist dieses Land geworden“ wirkt bedenklich aktuell.
